Gangelt-Kreuzrath: Zwei tote Pferde und ein großes, nicht gelöstes Rätsel

Gangelt-Kreuzrath: Zwei tote Pferde und ein großes, nicht gelöstes Rätsel

Am Abend waren die Pferde noch putzmunter gewesen. Am Morgen dann lag eines tot da, und das andere erstickte gerade an seinem eigenen Blut. Was sich vor mittlerweile drei Wochen auf einer Weide in Gangelt-Kreuzrath abgespielt hat, ist der Albtraum eines jeden Pferdebesitzers.

Die Inhaberin eines Reiterhofs fand die beiden Tiere am Sonntag, 2. Juli. Das noch lebende Pferd musste eingeschläfert werden. Es wurde nur zwei Jahre alt, das andere 22. Was sich in den Stunden zuvor auf der Weide abgespielt hat, ist ein Rätsel.

Massive, stumpfe Gewalt

Die beiden Kadaver waren noch am gleichen Tag zur Obduktion in ein Veterinäruntersuchungsamt in Krefeld gebracht worden. Alle Beteiligten, auch die Heinsberger Kreispolizei, ging zunächst davon aus, dass jemand die Tiere vergiftet hatte. Mittlerweile hat das Labor einen Zwischenbericht vorgelegt, und während sich eine Vergiftung zwar ausschließen lässt, ist die Sache nur noch rätselhafter geworden. Denn die Verletzungen rührten her von massiver, stumpfer Gewalteinwirkung.

Das jüngere der beiden Pferde, das später eingeschläfert werden musste, hatte links die zehnte, die elfte und die zwölfte Rippe gebrochen, rechts die zehnte, die elfte, die zwölfte und die dreizehnte. Die Lunge war „blutig durchtränkt“, die Brustwirbelkette ausgerenkt, auch zahlreiche Hämatome fanden die Fachleute. So steht es in dem Zwischenbericht, der unserer Zeitung vorliegt. Welche Kraft kann derartige Verletzungen bei einem so großen Tier wie einem Pferd auslösen?

Die Polizei bot diese Erklärung an: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit“ seien die Tiere in der Nacht zusammengeprallt, womöglich nachdem sie sich vor etwas erschreckt hatten, hieß es in einer Pressemitteilung. In dem Bericht des Untersuchungsamts taucht diese Theorie nicht auf. Dort steht: „Die Befunde erlauben für sich betrachtet keine sicheren Rückschlüsse auf die Art oder Umstände der einwirkenden Gewalt“. In Betracht gezogen werden müssten „Sturz oder Verunfallung“.

Die Inhaberin des Reiterhofs, sie heißt Ursula Damerau, hält wenig von der Theorie des Zusammenpralls. Sie glaubt, dass die Polizei vor allen Dingen andere Pferdehalter beruhigen wollte, indem sie das zunächst angenommene Verbrechen zu einem Unfall erklärte. Dazu muss man wissen, dass der Vorfall zunächst für einige Aufregung gesorgt hatte: Ein Foto der beiden Kadaver war auf Facebook zehntausendfach geteilt worden, verbunden mit einer Warnung an andere Pferdebesitzer.

Die Polizei sagte unserer Zeitung, dass das Untersuchungsamt die Theorie des Zusammenpralls mündlich geäußert hätte. Gegenüber unserer Zeitung wurde das Amt keineswegs so deutlich. Ein Zusammenprall sei „denkbar“ hieß es lediglich, von „hoher Wahrscheinlichkeit“ wollte man nicht sprechen. Hinweise auf „Fremdeinwirkung“ gebe es jedenfalls nicht.

„Absoluter Ausnahmefall“

Dr. Friedrich Wilhelm Hanbücken, Vorsitzender der Veterinärkommission beim CHIO, kennt die Details des Kreuzrather Falls nicht und auch nicht die bisherigen Untersuchungsergebnisse. Losgelöst vom konkreten Beispiel jedoch sagte er unserer Zeitung vergangene Woche am Rande des Aachener Reitturniers, dass er es für einen „absoluten Ausnahmefall“ halte, wenn zwei Pferde derart heftig zusammenprallen, dass sich beide tödlich verletzen.

Ausschließen wollte er es allerdings nicht, dafür hat er im Laufe der Jahre zu viel erlebt. Hanbücken kennt auch eine andere, ähnlich dubiose Geschichte, die sich vor einiger Zeit in Aachen abgespielt hat. Dort sei ein totes Pferd mit einem Loch in der Stirn aufgefunden worden, und man sei zunächst davon ausgegangen, es sei erschossen worden. Natürlich war die Aufregung beträchtlich. Aufwendige Untersuchungen jedoch hätten schließlich ergeben, dass das Pferd einen Huftritt eines anderen Pferdes abbekommen hatte — dabei habe sich ein Stollen so tief in die Stirn gebohrt, dass es starb.

Was den Kreuzrather Fall angeht, hat im Endeffekt niemand eine wirklich überzeugende Erklärung. Dass ein Mensch den Tieren die Verletzungen zugefügt hat, scheint mindestens ebenso unwahrscheinlich wie der Zusammenprall. Denn wie sollte derjenige das anstellen, ohne sich selbst in Lebensgefahr zu bringen?

Was sich in der Nacht auf den 2. Juli auf der Weide bei Kreuzrath wirklich abgespielt hat, wird man vielleicht nie mit letzter Sicherheit erfahren.