Aachen: „Zwänge werden als etwas Fremdes empfunden“

Aachen : „Zwänge werden als etwas Fremdes empfunden“

Dr. Sebastian Bergold lehrt am Zentrum für angewandte Psychologie der TU Dortmund. WirHier hat mit ihm darüber gesprochen, wie Zwangshandlungen entstehen.

WirHier: Wann spricht man von einer Zwangshandlung?

Bergold: Zwangsgedanken werden als negativ, aufdringlich und ungewollt empfunden und rufen meist Angst, Ekel oder Unbehagen hervor. Mit Zwangshandlungen versucht man dann, diese Angst, den Ekel oder das Unbehagen zu verhindern oder zumindest zu reduzieren. Die Zwänge nehmen viel Zeit in Anspruch und verursachen subjektives Leiden oder beeinträchtigen die Person in ihrem sozialen oder beruflichen Leben — beispielsweise schränkt die Person ihre sozialen Kontakte ein, einerseits aus Scham, andererseits um ihre Zwänge ausführen zu können.

WirHier: Was unterscheidet die Marotte vom Zwang?

Bergold: Marotten sind eher schrullige Gewohnheiten, auf die nichts vom Vorhergenannten zutrifft. Sie werden durchaus als Teil der eigenen Persönlichkeit empfunden und akzeptiert, teilweise scheint man ja nun auch mit ihnen zu kokettieren. Zwänge hingegen werden klar als nicht zur eigenen Persönlichkeit zugehörig empfunden und sind oft schambesetzt. Sie bedeuten für die Betroffenen in der Regel eine große Belastung.

WirHier: Können sich Spleens zu Zwängen entwickeln?

Bergold: Eine Handlung kann dann zu einer Zwangshandlung werden, wenn sie Zwangsgedanken kurzfristig neutralisiert. Verbreitet sind zum Beispiel Wasch- oder Kontrollzwang.

WirHier: Wie entstehen Zwangsstörungen?

Bergold: Bei der Entstehung spielen vermutlich sowohl biologische als auch psychologische Aspekte eine Rolle. Genetische Faktoren erhöhen die Anfälligkeit für eine Zwangsstörung. Das allein kann eine Zwangsstörung aber nicht verursachen. Kognitive Faktoren spielen auch eine wichtige Rolle: Betroffene fühlen sich zum Beispiel für Dinge verantwortlich, die sie eigentlich nicht beeinflussen können, und bewerten aufdringliche Gedanken, die jeder mal hat, über. Sie versuchen dann, diese Gedanken zu unterdrücken, was jedoch nicht funktioniert — im Gegenteil. Das führt zu Anspannung, innerer Unruhe, Ekel oder Angst. Führt man nun eine Zwangshandlung aus, reduzieren sich diese unangenehmen Emotionen und Affekte kurzfristig, es wirkt beruhigend. Langfristig jedoch führt das dazu, dass immer wieder Zwangshandlungen ausgeführt werden, um Zwangsgedanken und unangenehme Emotionen zu neutralisieren.

WirHier: Hat die Zahl solcher diagnostizierter Störungen über die vergangenen Jahre zugenommen?

Bergold: Zumindest ist die Anzahl von Zwangsstörung viele Jahre unterschätzt worden. Heute geht man davon aus, dass etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Deutliche Steigerungen der Prävalenzzahlen in den letzten Jahren sind mir nicht bekannt. Selbst wenn es sie geben würde, wäre die Frage, ob wirklich mehr Leute erkranken, oder ob einfach nur deswegen mehr Fälle diagnostiziert werden, weil man mehr über die Störung weiß und die Diagnoseinstrumente sensitiver werden.