Aachen: Zeitgeist und der Wert von Musik

Aachen : Zeitgeist und der Wert von Musik

Bereits seit drei Tagen taucht die c/o pop — „cologne on pop“ — Köln in einen Klangrausch. Etwa 80 Künstler und Newcomer treten vom 24. bis zum 28. August an besonderen und auch ungewöhnlichen Orten in der Stadt auf.

Als Bühne dient den Fesitval-Veranstaltern alles, was die Stadt zu bieten hat: von Geschäften über eine Freilichtbühne am Mediapark bis hin zur ehrwürdigen Kölner Philharmonie. An diesem Wochenende steht der Super-Samstag auf dem Programm, ein Tag an dem in ganz Köln auch kostenfreie Konzerte angeboten werden — neben den Höhepunkten von Mouse on Mars und den Mitgliedern des Ensembles Musikfabrik, Blood Red Shoes, Bombay oder Motrip.

Den Abschluss machen dann Edward Sharpe und the Magnetic Zeros am Sonntag in der Kölner Philharmonie. Traditionell ist es der Anspruch des Festivals, Newcomer und deutsche und regionale Geheimtipps vorzustellen. „Viele junge Musiker haben bei uns die Chance auf die Bühne zu kommen“, sagt Ralph Christoph, Mitveranstalter und Mitbegründer der c/o pop. Seit ein paar Jahren sind auch internationale Stars dabei.

Die c/o pop ist aber nicht nur ein Festival, sie ist, neben dem Reeperbahn-Festival in Hamburg und der Jazzahead in Bremen die einzige Veranstaltung in Deutschland, die auch eine Fachtagung für Künstler und Fachpersonal aus der Musikwirtschaft anbietet. Ein Projekt, das aus einer Idee entstanden ist, einer „Leerstelle“, wie es Christoph nennt.

Es geht um Raum für die Musik und die Künstler vor Ort. Und diese Leerstelle muss jedes Jahr aufs Neue entdeckt und gefüllt werden. Die Musiktrends und auch die Art und Weise Musik zu hören ändern sich ständig. „In der Musik wird der aktuelle Zeitgeist verarbeitet, die Dinge die uns bewegen“, sagt Christoph. Etwa das derzeit „vermeintlich auseinanderbrechende Europa“, oder die Sicht verschiedener Kulturen aufeinander.

Es sei nicht absehbar, was in fünf Jahren die musikalische Kreativität präge. Man habe auch früher weder Smartphones noch Streaming-Dienste vorausgesehen. „Wer weiß schon, ob wir dann nicht Musik über einen implantierten Chip hören?“ Wahnsinnige Vorstellung? „Man muss schon auch ein bisschen verrückt sein, um so ein Festival zu organisieren“, sagt Christoph, der bei der c/o pop für die Convention verantwortlich ist. Etwa 1000 Experten aus aller Welt besuchen die Workshops, Diskussionsrunden und Vorträge der Convention.

Im Gründungsjahr 2004 waren bei der c/o pop noch CD-Compilations ein Themenschwerpunkt. Das Ziel war, den Einfluss von elektronischer Musik auf Popmusik zu analysieren. „Einige Jahre später hat sich das musikalische Spektrum erweitert und wir haben Free-Download-Karten verteilt. Inzwischen machen wir Spotify-Playlisten.“ In gewisser Weise spiegelt sich in dieser Entwicklung der c/o pop auch die Entwertung, die Musik in den vergangenen Jahren erfahren hat.

„Anfangs ging es stark um elektronische Musik. Die c/o pop war generisch damit verwachsen, ein Festival von der Szene für die Szene.“ Aber in Köln verankerte Labels seien abgewandert und mit dem Musiktrend habe sich auch die c/o pop verändert. Dann reagierten die Veranstalter, Christoph und sein Kollege Norbert Oberhaus, der für das Festival verantwortlich ist, auf Streaming Services.

„Mit teuren CD-Preisen und einem fehlenden digitalen Bezahlprogramm wurden die Konsumenten geradezu in die Illegalität getrieben. Gleichzeitig war Musik plötzlich nichts mehr, für das man zahlen musste“, sagt Christoph.

Jetzt sei es die Aufgabe, Musikliebhabern, aber auch in der Musikwirtschaft wieder deutlich zu machen, dass Musik einen kreativen Schaffungsprozess voraussetzt und, dass der Künstler auch von etwas leben müsse. „Gerade deshalb ist die Convention so wichtig“, sagt Christoph, denn „Musiker müssen heutzutage irgendwie alles sein, Manager, Pressesprecher und Künstler.“

Fachpersonal aus der ganzen Welt ist in den vergangenen zwei Tagen zusammengekommen, etwa aus Chile, Weißrussland und Kolumbien, um Workshops anzubieten. Zu Themen wie die eigene Musik zu einer Marke etabliert werden kann oder um Kontakte zu knüpfen. Am sogenannten Matchmaking nahm unter anderem auch die Gema teil, die c/o pop bietet damit die Chance mit der deutschen Verwertungsgesellschaft ins Gespräch zu kommen.

(nai)