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Universität Konstanz: Homeoffice-Rückkehrer sich weniger belastbar

Interview mit Florian Kunze : Weniger produktiv, weniger belastbar

Erst Homeoffice, dann zurück ins Büro: Vielen Erwerbstätigen bereitet das Probleme, sagt Organisationsforscher Florian Kunze von der Universität Konstanz.

Vor Corona war Homeoffice in Deutschland kaum verbreitet. Mit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 arbeiten immer mehr Erwerbstätige von zu Hause aus. Im zweiten, verschärften Lockdown bietet sich ein anderes Bild:  Viele Beschäftigte sind Vollzeit in den Präsenzbetrieb zurückgekehrt – manche, weil ihr Beruf es nicht anders zulässt, andere auf Wunsch des Arbeitgebers oder auch aus eigenem Antrieb. Wie es diesen Beschäftigten im Vergleich zu denjenigen, die weiter mobil arbeiten, ergeht, und was Homeoffice mit einer Gesellschaft macht, erklärt Professor Florian Kunze, Organisationsforscher an der Universität Konstanz, im Gespräch mit Anja Clemens-Smicek.

Herr Kunze, Sie begleiten seit März 2020 Arbeitnehmer, die zumindest zeitweise im Homeoffice gearbeitet haben. Hat sich an deren Situation vom ersten bis zum aktuellen Lockdown etwas verändert?

Florian Kunze: Wir sehen da tatsächlich eine interessante Entwicklung. Von den Arbeitnehmern, die im Frühjahr zumindest zum Teil flexibel gearbeitet haben, waren im Oktober wieder mehr als 30 Prozent in voller Präsenz tätig. Im Januar haben wir noch einmal nachgefragt, und trotz des aktuellen Lockdowns und der verschärften Pandemielage sind weiterhin 20 Prozent raus aus dem Homeoffice.

Mit welchen Gefühlen kehren diese Arbeitnehmer zurück?

Kunze: Die Arbeitnehmer, die von ihren Chefs komplett zurück ins Büro beordert werden, sehen ihre Lage eher negativ und stellen in ihrer selbst eingeschätzten Produktivität einen relativ starken Rückgang fest. Zudem fühlen sie sich weniger belastbar. Sie empfinden die Arbeit als deutlich anstrengender.

Was folgern Sie daraus?

Kunze: Es wird klar, dass die Firmen das Rad nicht einfach wieder zurückdrehen können. Auch die Führungskräfte können nicht einfach sagen: Ihr kommt jetzt wieder voll zurück, ich will euch kontrollieren, ich will jetzt wieder die volle Präsenzkultur. Das ist die absolut schlechteste Nachricht, die man vermitteln kann. Das kann relativ große Probleme erzeugen, so meine Prognose.

Was wünschen sich die Menschen?

Kunze: Die wenigsten wollen voll mobil oder voll im Büro arbeiten. Gewünscht werden hybride Formen. Die richtige Mischung hinzukriegen sowohl für die Beschäftigten als auch für die Arbeitgeber, damit die Prozesse und die Produktivität gewährleistet werden, das ist die Herausforderung.

Ist es nicht auch eine Herausforderung, Privates und Arbeit zu vermischen und die Kinder gleichzeitig im Homeschooling zu begleiten?

Kunze: Das sehen wir nicht so stark. Natürlich gibt es Unterschiede, wenn wir an Leute denken mit einer speziellen, anstrengenden Betreuungssituation. Homeoffice ist kein Ersatz für Kinderbetreuung. Das wird nicht gut funktionieren. Auch das ist ein Grund, warum sich die meisten nicht wünschen, permanent fünf Tage die Woche zu Hause zu arbeiten. Das zeigt unsere Studie sehr deutlich. 

Welchen Einfluss haben Pandemie und Lockdown auf diesen Wunsch?

Kunze: Natürlich beeinflusst die Pandemie die Arbeit im Homeoffice. Generell schätzen die Arbeitnehmer am Homeoffice, dass sie ihr Privat- und Berufsleben besser autonom koordinieren können. Das haben wir zum Beispiel im vergangenen Mai und Oktober gesehen, als es aufgrund der entspannten pandemischen Lage keine Schul- oder Kindergartenschließungen gab. Da haben viele auch mit Betreuungsaufgaben gesagt: Ja, das liegt mir mehr. Da kann ich auch flexibler etwas mit meinen Kindern machen. Und wenn die in der Betreuung sind, kann ich auch in Ruhe zu Hause arbeiten. In der aktuellen Lage ist das schon sehr anstrengend.

Also überwiegen generell die Vorteile von Homeoffice?

Kunze: Man muss definitiv mit im Blick haben, dass das mobile Arbeiten zu einer Entgrenzung der Arbeit führen kann. Man ist ständig verfügbar, und das kann zu einer Belastung werden.

Sie sagen, dass Arbeitnehmer, denen die Autonomie wieder genommen wird, ihre Lage eher negativ einschätzen. Welche Rolle kommt  dem Arbeitgeber zu?

Kunze: Die haben relativ hohen Nachholbedarf. Im Frühjahr 2020 war das eine Ausnahmesituation, in der ad hoc viele Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt wurden. Das hätten viele Firmen in einer normalen Situation nicht gemacht. Nun mussten sie einfach experimentieren. Jeder ist nach Hause gegangen. Viele haben mit ihren privaten Computern gearbeitet, und das war erst mal okay. Wenn man das jetzt aber nachhaltig machen will und die Leute langfristig mobil arbeiten oder sogar Telearbeit machen lässt, dann muss man auch die Ausstattung zur Verfügung stellen. Daran hapert es noch sehr. Aber es ist wichtig, diese Rahmenbedingungen zu schaffen.

Ist es auch wichtig, die Arbeitnehmer weiterzubilden?

Kunze: Ja, aber das findet noch ganz wenig statt. 15 bis 16 Prozent der Mitarbeiter sagen, sie hätten schon eine Fortbildung erhalten. Dabei ist es wichtig, den Umgang mit der technischen Ausstattung zu lernen, vielleicht neue Tools auszuprobieren. Dazu gehört auch das richtige Selbstmanagement. Wie teile ich mir meinen Tag gut ein, damit ich auch produktiv bin? Diese Rahmenbedingungen sind notwendig, auch wenn das natürlich Kosten erzeugt. Viele Arbeitgeber scheuen davor zurück, weil sie denken, es handelt sich nur um eine Übergangsphase.

Sie unterscheiden zwischen Arbeitgebern und Führungskräften.

Kunze: Genau. Die Rolle der Führungskräfte ist herausfordernd, denn sie haben nicht mehr den direkten Kontakt zu den Mitarbeitern. Auch nicht mehr die direkte Kontrolle, wenn ich das als Führungskraft ansonsten gewohnt bin. Da ist es wichtig, eine gute Kommunikation aufrechtzuerhalten mit dem Einzelnen, aber auch mit dem ganzen Team oder den Abteilungen. Diese direkte Kommunikation muss sichergestellt werden, etwa über Videokonferenzen.

Ist das nicht eine Gratwanderung zwischen Kontrolle und notwendiger Kommunikation?

Kunze: Man darf die Mitarbeiter nicht überfordern. In der persönlichen Wahrnehmung können ständige Calls und Videokonferenzen sehr anstrengend für die Teilnehmer sein. Das zeigt unsere Studie. Es ist wichtig, den richtigen Kommunikationsmix hinzubekommen. Man muss nicht für alles eine Videokonferenz einberufen. Manchmal reichen auch eine E-Mail oder ein Telefonanruf. Paradox ist, dass von den Arbeitnehmern im Homeoffice eigentlich sogar mehr Führung erwartet wird als in Zeiten normaler Präsenz. In der Realität findet aber weniger Führung statt. Da muss man die Führungskräfte unterstützen und schulen.

Hilft ein gutes Selbstmanagement  die Psyche gesund zu halten?

Kunze: Ja, wir sehen auf jeden Fall eine Korrelation: Ich muss lernen, meinen Arbeitstag auch zu beenden und mir Entspannungsphasen zu gönnen. Wenn man sich die generelle Stress- und Arbeitsbelastungsforschung anguckt, kann die ständige Erreichbarkeit im Homeoffice, am Abend, im schlimmsten Fall auch noch am Wochenende, krank machen. Wenn man nie abschalten kann, dann ist das mittelfristig und auch längerfristig ziemlich anstrengend und belastend.

Da ist wieder die Führungskraft gefordert?

Kunze: Die Führungskraft muss Vorbild sein und klare Kommunikationsregeln formulieren. Es muss festgelegt werden, dass es auch Zeiten gibt, in denen keine Kommunikation, auch nicht per E-Mail, stattfindet. 

Und Führungskräfte müssen ihren Mitarbeitern vertrauen?

Kunze: Ja, das ist in der Tat so. Vertrauen ist auch eine Art von Output-Kultur. Dass man eher daran interessiert ist, was für Ergebnisse der Arbeitnehmer bringt und nicht, in welcher Form diese entstehen. Da sind natürlich die Führungskräfte und Unternehmen im Vorteil, die schon vor Corona eine vertrauensvolle Kultur etabliert haben. Unternehmen, die sehr stark auf eine Kultur von ,Ich gebe alles ganz klar und kleinteilig vor und kontrolliere das‘ setzen, für die ist es extrem schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, Homeoffice umzusetzen. Das sind jetzt diese Unternehmen und Führungskräfte, die ihre Leute wieder komplett zurückbeordert haben.

Aber gibt es auch Bereiche, in denen Homeoffice ein Hindernis ist?

Kunze: Klar ist Homeoffice nicht für alle Arbeitsbereiche optimal, gerade wenn man viel kooperativ zusammenarbeitet. Wenn man einen engen persönlichen Austausch braucht, dann ist es herausfordernd. Aber für viele Tätigkeiten geht das zumindest für einen Teil der Woche ziemlich gut.

Welche Tipps haben Sie für jemanden, der im Homeoffice arbeitet?

Kunze: Man sollte sich für den Tag konkret etwas vornehmen. Was will ich heute erreichen? Dabei sind realistische Ziele wichtig. Ich muss mir systematisch Pausen einbauen, eine Mittagspause machen und auch einen Schlussstrich ziehen für meine Arbeit. Wir sehen, dass Menschen, die auch ansonsten strukturiert arbeiten, im Homeoffice deutlich besser zurechtkommen.

Leidet die Kreativität, wenn der Austausch mit den Kollegen fehlt?

Kunze: Ja, da ist die große Herausforderung, wenn man den informellen Austausch braucht, der vielleicht an der Kaffeemaschine, am Kopierer oder im Büro stattfindet. Aber es gibt ganz gute Werkzeuge, die es einem ermöglichen, kollaborativ zusammenarbeiten und sich kontinuierlich auszutauschen. Wenn sich die pandemische Lage wieder entspannt, ist es für bestimmte Tätigkeiten sinnvoll, dass wir tageweise ins Büro zurückgehen und das Büro dann auch als Begegnungsstätte nutzen. Routinetätigkeiten kann man aber ziemlich gut und meistens auch effizienter und fokussierter zu Hause abarbeiten. Nicht zuletzt fällt der Pendelweg weg, was viele hoch zu schätzen wissen.

Stellt Homeoffice auch Aufgaben für die künftige Familienpolitik?

Kunze: Ja, ich glaube schon. Jetzt zu sagen: Ihr arbeitet im Homeoffice und könnt die Kinderbetreuung und das Homeschooling übernehmen – das wäre von der Politik der falsche Zuruf. Aber ich glaube schon, dass dieses flexible Arbeiten ein Riesenschritt vorwärts ist. Wenn man die Flexibilität des Homeoffices jetzt als Kultur etabliert und sagt, dass Leistung nicht mit Präsenz gleichgesetzt wird, eröffnen sich gerade für weibliche Beschäftigte neue Karrieremöglichkeiten.

Sie bezeichnen Homeoffice als ein großes soziales Experiment.

Kunze: Genau. Das ist schon ein riesiges Experiment. Vor Corona hatten nur elf, zwölf Prozent der Bundesbürger im Homeoffice oder mobil gearbeitet. Da waren wir im OECD-Vergleich, selbst in Europa, nur im unteren Drittel. Jetzt haben wir von der Erwerbsbevölkerung 30 bis 40 Prozent, ja fast an die 50 Prozent, die zumindest zum Teil im Homeoffice sind. Das ist ein massiver Wandel. Auch die Firmen wurden ins kalte Wasser geworfen. Für uns als Forscher ist das sehr spannend zu sehen, wie sich Homeoffice entwickelt und wie es funktioniert.