Aachen: Die Rückkehr der verschwundenen Seele

Aachen: Die Rückkehr der verschwundenen Seele

Es gehöre „zum Schwierigsten, zuverlässiges Wissen über die Seele zu erlangen“, schreibt Aristoteles vor 2300 Jahren, und hat wohl immer noch Recht damit. Helmut Reuter hat sich also einiges vorgenommen, wenn er von Donnerstag an anderthalb Stunden lang jeden Donnerstag im Sommersemester „Die Seele aus religiöser, psychologischer, tiefenpsychologischer und neuropsychologischer Sicht“ in öffentlicher Vorlesung beleuchten wird.

Reuter (66) ist emeritierter Professor für Psychologie der Universität Bremen und Inhaber der diesjährigen Bischof-Hemmerle-Professur an der RWTH Aachen .

Hemmerle-Professor 2013: Helmut Reuter. Foto: Andreas Steindl

Von Aristoteles bis ins 19. Jahrhundert hinein war alles noch in Ordnung und vor allem beieinander, könnte man — etwas salopp — formulieren, worum es Reuter vor allem geht. Über diesen langen Zeitraum, ausgehend von der grundlegenden Schrift des Philosophen „Über die Seele“ (Peri Psyches), über deren Wiederentdeckung im Hochmittelalter durch Thomas von Aquin und Albertus Magnus bis zu Luther und Calvin, Montaigne, Descartes und bis zur Psychophysik Gustav Theodor Fechners (1801-1871) waren „Philosophie, Religion und Wissenschaft noch zusammen“, wie Reuter es jedenfalls in Bezug auf „seelische Fragen“ sieht. Grundsätzliche menschliche Fragen, die sich seit der Antike nicht geändert haben.

Geheimnis gelingenden Lebens

Mit dem Beginn der technischen Epoche, in der wir heute noch leben, sei aber die Seele verschwunden, das heißt: der Begriff der Seele. Die „eigentlichen, die menschlichen Fragen“ seien von der Wissenschaft vereinnahmt worden, indem sich die Psychologie von der Philosophie und Theologie gelöst habe.

„Die moderne Psychologie ersetzt Verstehen durch Messen, aus der Seele ist Verhalten und Erleben geworden.“ Im 19. Jahrhundert wurde das bis dahin zentrale, ganzheitliche Verstehen des Menschen in seiner Entwicklung abgelöst durch „das Messen von Kons-trukten“, durch methodisch ihre Hypothesen prüfende Wissenschaft also. Eine Wissenschaft, an der Reuter fraglos beteiligt ist, vornehmlich aber im Hinblick auf den „Dialog zwischen einer naturwissenschaftlich-erklärenden und einer verstehend-deskriptiven Psychologie“. Auch Hirnforschung sei da „extrem spannend“.

Im wirklichen Leben ist die Seele natürlich nicht verschwunden, und mindestens „im Religiösen und im Verständnis der humanistischen Psychologie hat sie ihre Bedeutung bewahrt“. Und Helmut Reuter, der lange auch als Psychotherapeut tätig war und in populären Vortragsreihen Themen wie „Das Geheimnis des gelingenden Lebens“ behandelt, hat sich nichts weniger vorgenommen als die „Wiederbelebung des Begriffs Seele“ — und seinen Aachener Hörern eine „Geschichte der Seele“ zu bieten.

Diese wird nicht zuletzt auch eine literarische Reise durch die anregendsten Schriften der großen Philosophen sein, die sich nach Aristoteles mit der Psyche und also dem berühmten Leib-Seele-Problem befasst, vor allem auch solchen, die sich in ihren — mehr oder weniger — populären Schriften der „guten“ Lebensführung gewidmet haben.

Künstler-Biografien

Seneca (4 v.Chr. - 65) etwa, dessen Anleitung zum „glückseligen Leben“ geradezu sprichwörtlich geworden ist, und natürlich die Essays von Montaigne (1533-1592), dessen lebenspraktische Ratschläge so frappant modern erscheinen. Dass namentlich diese beiden Autoren so historisch distanzlos konsumierbar scheinen, sieht Reuter nicht als Problem ihrer aktuellen Tauglichkeit: „Wir bekommen dieselben Antworten auf unsere grundsätzlichen Fragen, nur mit besserer Kenntnis.“

Neugierig will er machen, die Bedeutung der Seele — nach Aristoteles das „Prinzip der belebten Wesen“ — als Medium der Erkenntnis von der Welt wieder zu entdecken. „Ohne Vorurteil auf die Dinge neu schauen, das versuche ich zu beschreiben“, sagt Reuter, sich auf die phänomenologische Psychologie Edmund Husserls (1859-1938) berufend: „Die Zurücknahme des eigenen Denkens zugunsten des Hinsehens.“

Besonders gerne sieht Helmut Reuter, der über Emil Nolde promoviert und sich über Klaus Mann habilitiert hat, bei Künstlern hin. In den Biografien von Künstlern, so findet er, „verdichten die Probleme der Lebensführung“. Die Kämpfe, die „der Künstler mit sich und der Welt ausfechtet“, seien gleichsam arche-typisch für die Grundprobleme des Daseins an sich, die Künstler, „an deren Qual wir uns ein Beispiel nehmen“, tragen sie sozusagen für uns mit aus.

Aber auch Genies ringen nicht nur um Bedeutung, sondern tun schließlich ganz gewöhnliche Dinge. „Auch Michelangelo musste essen und schlafen“, oder, wie Reuter es fast aphoristisch ausdrückt: „Das Trotzdem ist nicht angewiesen auf die große Krise, es findet jeden Tag statt.“

Der studierte Kunstgeschichtler und ausgebildete Klavierspieler — verheiratet mit der Pianistin Ana-Marija Markovina — hat nichts dagegen, sich mit solchen idealistischen Anmutungen im bildungsbürgerlichen Kosmos verortet zu sehen, weist dabei aber sogleich, nicht ganz unkokett, auf seine „intensive und lange nicht-bürgerliche Phase“ hin.

Nicht so ganz in der Zeit

Eigentlich sei er ein „Alt-68er“, einer, der sich „jeder stromlinienförmigen Lebensführung verweigert“ habe, der aber nicht beklage, „auf dem Gymnasium Latein und Griechisch erlebt zu haben“. Sprache ist für ihn überhaupt „das A&O“ der Erkenntnis, die „gebundene Sprache, die über einen gewissen Reichtum verfügt“, so wie etwa die von Adorno und Habermas.

„Ich halte es gerne aus, nicht so ganz in der Zeit zu stehen.“ Vielleicht die treffendste Selbstbeschreibung des diesjährigen Hemmerle-Professors, in dessen Vorlesung es sichtlich spannend sein wird zu erkunden, welches Wissen sich denn hinter seiner stattlichen Denkerstirn und seinen melancholischen Augen vom „Geheimnis des gelingenden Lebens“ verbirgt.



Veranstaltungsort: Reiff Museum, Fakultät für Architektur, Schinkelstr. 1, Raum 5

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