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Würselen: Würselener Waagenbauer und FH-Professor entwickeln spezielle Software

Würselen : Würselener Waagenbauer und FH-Professor entwickeln spezielle Software

Erntezeit - Rübenzeit. Mit einem Anhänger voller Zuckerrüben fährt der Bauer zur Raffinerie. Bevor er seine Ladung abkippen kann, werden die Feldfrüchte gewogen. Vom Traktor aus funkt der Bauer auf der Waagen- brücke die Waage an.

Die zeigt Sekundenbruchteile später zunächst das Gesamtgewicht von Traktor und Fracht und dann das Nettogewicht der Rüben an. Die Software der Waage hat das Bruttogewicht mit dem dokumentierten Leergewicht des Traktors verrechnet und alle Lieferantendaten übertragen. Die Ampel schaltet auf Grün. Der Bauer macht den Weg frei für die Kollegen.

Die Software der Waage ist eine Innovation und zugleich ein Produkt der erfolgreichen Zusammenarbeit des mittelständischen Würselener Waagenbauers Dohmen GmbH und der Fachhochschule Aachen. Für den gelungenen Technologietransfer von Hochschule zum Handwerk wurden Professor Volker Sander, Lehrstuhlinhaber für Angewandte Informatik, und das Unternehmen jetzt in Stuttgart mit dem Professor-Adalbert-Seifriz-Preis ausgezeichnet, der seit 20 Jahren vergeben wird und auch unter dem Titel „Meister sucht Professor” bekannt ist.

Der Preis ist nicht der einzige Lohn für die erfolgreiche Zusammenarbeit. Denn als Peter und Martin Dohmen, Geschäftsführer des 1924 gegründeten Familienbetriebes, Ende der 1990er Jahre die Handwerkskammer um Hilfe und Vermittlung zu Experten der Aachener Hochschulen baten, stand das Unternehmen fast am Abgrund.

„Unser Lieferant, von dem wir die elektronische Ausstattung unserer Waagen bezogen hatten, ging insolvent, auswärts programmierte Waagen brachten nicht die gewünschte Leistung, unser Personal war mit der Aufgabe, eine Software zu erstellen, überfordert”, erinnert sich Martin Dohmen. Ein größerer Auftrag schien gefährdet. Nach anfänglichen Schwierigkeiten vermittelte die Handwerkskammer vor zwei Jahren Sander an die Würselener. „Seit diesem Tag können wir wieder ruhig schlafen. Die Kooperation ist ein Segen für uns”, sagt Martin Dohmen.

Nachdem sich der Technomathematiker einen Überblick verschafft und zusammen mit den Mitarbeitern der Firma eine Problemanalyse vorgenommen hatte, vermittelte er zwei Absolventen des dualen Studiengangs Scientific Programming an die Waagenbauer. Sie schufen das Gerüst für die moderne Software, die es dem Betrieb heute ermöglicht, flexibel auf die Veränderungen des Marktes zu reagieren, die ständig erweitert oder angepasst und so in den verschiedensten Bereichen eingesetzt werden kann. Heute kommt die Würselener Technik nicht nur beim Rüben-Wiegen, sondern auch bei der Entsorgung oder in Biogas-Anlagen zum Einsatz.

„Als Fachhochschule haben wir ein Interesse daran, mit kleineren und mittelständischen Unternehmen zusammenzuarbeiten. Sie sind das Rückgrat der Wirtschaft”, erklärt Sander. Hinzu kommt: Werden landes- oder bundesweite Förderprojekte ausgeschrieben, haben Kooperationen der Hochschule mit solchen Unternehmen in der Regel gute Chancen, finanziell unterstützt zu werden. Zudem trügen solche gelungenen Kooperationen zur Schaffung von Work-Flow-Systemen bei: Die Lösungen können auf andere Wirtschaftsbereiche übertragen werden, ein weiteres Forschungsfeld der Technomathematiker.

Mitarbeiterzahl steigt

Die Zahl der Mitarbeiter bei Dohmen ist in den mehr als 80 Jahren Firmengeschichte übrigens nie so hoch gewesen wie heute: 40 Stahlbauer, Betonbauer, Elektrotechniker, IT-Fachkräfte und Bürokaufleute arbeiten hier. Tendenz steigend. „Die Konjunktur in Deutschland schwächt sich zwar ab, wir haben aber nach wie vor ein Wachstum von rund zehn Prozent”, freut sich Martin Dohmen, und sein Bruder Peter fügt hinzu: „Wir können heute viel besser auf die Wünsche der Kunden reagieren, und das weltweit.”

Dazu gehört auch, dass die Anwendersoftware irgendwann fremdsprachig funktionieren soll. Eine weitere Aufgabe für die Absolventen der Fachhochschule, die bei den Brüdern Dohmen Arbeit gefunden haben.

Wettbewerb für Technologietransfer

Der Seifriz-Preis wird seit 20 Jahren für gelungenen Technologietransfer vergeben. Bislang wurden rund 100 Handwerksunternehmen ausgezeichnet.

Benannt ist der Wettbewerb nach dem früheren baden-württembergischen Staatssekretär Professor Adalbert Seifriz, der maßgeblich an der Gründung des Technologie-Beirates des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks beteiligt war.

Die Handwerksunternehmen profitieren in der Regel gleich mehrfach: Sie werden nicht nur bekannter, sondern können dadurch auch neue Kunden gewinnen, ihren Umsatz steigern, weitere Arbeitsplätze schaffen und langfristig sichern.