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Folgen der Gaskrise: Wie Sie effektiv Gas sparen können

Folgen der Gaskrise : Wie Sie effektiv Gas sparen können

Die Versorgungslage beim Gas spitzt sich weiter zu. Was können Verbraucher kurzfristig tun, um den Verbrauch zu senken? Wo schlummern noch Einsparpotenziale? Fragen an und Antworten von fünf Experten.

Nur noch fünf Monate, dann beginnt die Heizperiode – vielleicht auch früher. Niemand weiß, ob Moskau nach der routinemäßigen Wartung der Pipeline Nord Stream I Mitte des Monats den Gashahn wieder aufdreht. Und selbst wenn, droht eine Preisexplosion in noch nie gekanntem Ausmaß.

Im Jahresvergleich ist der Gaspreis nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox im Schnitt bereits um 159 Prozent gestiegen. Eine Durchschnittsfamilie mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden (kWH) pro Jahr muss demnach knapp 3200 Euro berappen – ein Jahr zuvor fiel die Rechnung mit gut 1230 Euro erheblich kleiner aus. Und das ist erst der Anfang. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) appelliert daher an die Bürger: Jede eingesparte Kilowattstunde hilft. „Wir müssen alle Steine umdrehen“, sagt auch der Stuttgarter Energiefachmann Prof. Stefan Büttner.

Wie hoch ist der Gasanteil an der Heizenergie?

„Etwa die Hälfte der Gebäude wird mit Gas beheizt“, sagt Immanuel Stieß vom Institut für Sozialökologische Forschung in Frankfurt. 68 Prozent des Energieverbrauchs privater Haushalte entfällt dabei auf das Heizen, weitere 18 Prozent auf Warmwasser. In absoluten Zahlen heißt das: Im Jahr 2021 wurden in Deutschland 912 Terawattstunden Gas verbraucht - eine Terawattstunde entspricht einer Milliarde Kilowattstunden. Auf das Beheizen von Gebäuden entfallen rund 340 Terawattstunden pro Jahr.

Wie viel Gas lässt sich kurzfristig einsparen?

Nach einer Schätzung der Denkfabrik Agora Energiewende könnte der private Verbrauch für Heizung und Warmwasser um 15 bis 20 Prozent gesenkt werden. Das entspricht 14 bis 19 Millionen Kubikmeter Erdgas pro Tag, schätzt Stefan Büttner von der Universität Stuttgart. „Die grössten Einsparpotenziale entstehen durch das Absenken der Raumtemperatur“, sagt der Frankfurter Experte Immanuel Stieß. Im Schnitt sind Wohnstuben in Europa 22 Grad warm – dreht man die Heizung nur um ein Grad zurück, spart das bereits sechs Prozent Energie. Wenn nur jeder zweite Haushalt in Deutschland mitmacht, bedeutet das unterm Strich eine Ersparnis von knapp fünf Prozent. Dreht man die Heizung gar auf 19 Grad zurück, lässt sich bis zu 30 Prozent Energie einsparen, rechnet Prof. Dirk Müller vom Lehrstuhl für Gebäude- und Raumklimatechnik der RWTH Aachen vor.

Hilft es, die Heizung einstellen zu lassen?

In vielen Fällen ja. In Deutschland laufen insgesamt knapp sieben Millionen Gasheizungen. Aber viele dieser Thermen sind nicht optimal eingestellt. Ein hydraulischer Abgleich durch eine Fachfirma hilft oft viel und kostet wenig. „Je nach Typ und Zustand der Heizung können fünf bis zehn Prozent Energie eingespart werden“, sagt Immanuel Stieß. Martin Pehnt vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg nennt weitere Sparmöglichkeiten: das Einstellen der Heizkurve, die Absenkung der Vorlauftemperatur, also die Temperatur, auf die der Kessel hochgeheizt wird, sowie den Einbau von smarten Thermostatventilen. Auch durch die Verlängerung der Nachtabsenkung lässt sich einiges herausholen. RWTH-Professor Müller weiß: „Diese Option ist nicht immer aktiviert und kann durch den Nutzer eingestellt werden. Eine Nachtabsenkung auf eine Raumtemperatur von 17 Grad Celsius in allen Räumen zwischen 23 bis 6 Uhr kann Einsparungen von acht bis zehn Prozent beim Heizenergiebedarf erbringen.“ Zusätzlich solle im Sommer bei modernen Gasheizungen der Betriebsmodus ‚nur Trinkwarmwasser‘ aktiviert werden.

Was kann man sonst noch (selber) machen?

Dämmen zum Beispiel. Rollladenkästen, freiliegende Heizungsrohre, Heizungsnischen oder undichte Fenster und Türen mit einfachen Mitteln aus dem Baumarkt zu isolieren, macht noch einmal ein bis zwei Prozent weniger Verbrauch.

Kürzer unter die Dusche – was bringt das?

Eine ganze Menge. Zwischen 25 und 40 Prozent des Warmwassers rauschen durch die Brause. Kürzer duschen und vielleicht auch etwas weniger heiß bedeuten 15 bis 20 Prozent weniger Energie. Allein ein Sparduschkopf verringert den Verbrauch um fünf Prozent. „Beim Warmwasser ist viel zu holen“, weiß der Heidelberger Experte Pehnt und nennt Durchflussbegrenzer für Wasser und eine Absenkung der Temperatur beim Heißwasser. Auch kann es helfen, die Zirkulationszeiten zu verringern – bedeutet: Warmes Wasser kommt nicht immer sofort aus dem Hahn oder aus der Brause.

Warum hilft Strom sparen beim Gasverbrauch?

Weil „Gas eine bedeutende Rolle bei der Stromerzeugung spielt“, sagt Immanuel Stieß. „Jede eingesparte Kilowattstunde muss nicht durch Gas oder andere klimaschädliche Energieträger erzeugt werden.“ Deswegen empfiehlt Martin Pehnt: „Alle verbliebenen Glühlampen austauschen gegen LEDs. Abschaltbare Steckerleisten verwenden und alte Kühlschränke außer Betrieb nehmen; eine Solaranlage installieren“ – selbst eine kleine PV-Anlage auf dem Balkon spare fünf bis zehn Prozent Strom. „Außerdem kann man die Wäsche an der Luft trocknen.“ Stefan Büttner erinnert an die altbekannten Stromfresser im Haushalt: Geräte auf Standby-Modus, Hintergrundanwendungen auf dem Computer, Klimaanlagen im Dauerbetrieb oder die zu tiefe Kühlschranktemperatur.

Wie lassen sich kurzfristig die Gasspeicher befüllen?

Aktuell sind die deutschen Gasspeicher zu gut 62 Prozent voll. „Sollten die russischen Gaslieferungen über Nord Stream 1 weiterhin auf diesem niedrigen Niveau verharren, ist ein Speicherstand von 90 Prozent bis November kaum mehr ohne zusätzliche Maßnahmen erreichbar“, schreibt die Bundesnetzagentur – von einem Totalausfall der Pipeline ganz zu schweigen. Prof. Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Regensburg schlägt daher vor, das heimische Biogas von 100 auf 200 Terawattstunden zu verdoppeln. Möglich wäre das durch Power-to-Gas, also die Herstellung von Gas durch Strom, und die Nutzung von Wind- und Solarstrom, der zu einem großen Teil nicht genutzt werden kann, weil die Leitungsnetze nicht ausreichen. „Damit könnten wir sofort die Gasspeicher zu 100 Prozent füllen und die Hälfte der russischen Gasimporte ersetzen“, ist Sterner überzeugt.

Was gibt es noch für Ideen?

„Eine Anwesenheitssteuerung der Heizungsanlage beispielsweise durch elektronische Thermostate an den Heizkörpern führt ebenfalls zu einer Reduktion“, erklärt RWTH-Professor Dirk Müller. Bei einer Muster-Familie mit zwei berufstätigen Erwachsenen und zwei schulpflichtigen Kindern seien Einsparungen zwischen 14 und 18 Prozent möglich - wenn die Innenraumtemperatur bei Abwesenheit auf 19 Grad sinkt. Der Heidelberger Experte Martin Pehnt regt einen kostenlosen „Gasspar-Check“ an. Alle Betreiberinnen und Betreiber von Gaskesseln erhielten damit von Energieberatern, Installateuren oder Schornsteinfegern Tipps, verbunden mit einer Überprüfung der Heizungsanlage und einem Check des Heizungsverhaltens. Gratis dazu: Thermostatventile, Dämmmaterial oder ein Baumarktgutschein für solche Komponenten. So ein Sparprogramm kostet - bis zwei Milliarden Euro müssten dafür in den kommenden Monaten fließen. „Aber das bringt uns mehr Energiesicherheit, eingesparte Heizkosten und Klimaschutz in einer überhitzten Zeit“, sagt Pehnt. Apropos Tipps: Immanuel Stieß schlägt eine breite Aufklärungskampagne zum Energiesparen vor, in den Sozialen Medien und im Fernsehen zur besten Sendezeit – wie einst beim Verkehrserziehungs-Klassiker „Der 7. Sinn“. Das hat bekanntlich auch gewirkt.