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Steigende Energiekosten für Bäckereien: Wie sich Nobis und Claßen auf den Winter vorbereiten

Steigende Energiekosten für Bäckereien : Wie sich Nobis und Claßen auf den Winter vorbereiten

Strom, Wärme, Zucker, Hefe: Die Kosten der Bäcker steigen in ungeahntem Maße. Wie lange sind die Kunden bereit, Preiserhöhungen mitzutragen? Und was passiert im Fall von Blackouts?

Allein dieses Jahr hat Jochen Claßen die Preise in seinen Filialen schon drei oder vier Mal erhöht, er weiß es gar nicht mehr genau, weil das Tempo, in dem seine Kosten steigen, kaum mehr nachzuvollziehen ist. Claßen betreibt drei Bäckereien in Kreuzau und zwei in Düren, ländliche Gebiete, da hat er es etwas leichter als in der Stadt, glaubt Claßen.

Er betreibt die 1955 gegründete Bäckerei Claßen in dritter Generation, 80 bis 90 Prozent seiner Kunden sind Stammkunden. „Bislang waren unsere Kunden bereit, die höheren Preise zu zahlen“, sagt Claßen, aber ihm ist klar, „dass das Verständnis endet, wenn die Leute kein Geld mehr haben“. Auch früher waren Preiserhöhungen üblich, alle zwei Jahre einmal – und nicht dreimal im Jahr.

Die dramatisch steigenden Kosten für Strom, Gas und Lebensmittel zwingen Claßen und jeden anderen mittelständischen Betrieb in produzierenden Gewerben wie den Bäckereien, die Preise anzupassen, und Claßen ist sogar bereit, konkrete Beispiele zu nennen. Vergangenes Jahr um diese Zeit bezahlte er für ein Kilogramm Zucker etwa 70 Cent. Momentan liegt der Preis bei 1,20 Euro. Ein Kilo Hefe kostete Claßen vor einem Jahr 90 Cent; nun sind es 1,50 Euro.

Allein in seiner Backstube am Kollweg in Kreuzau, aus der er die übrigen vier Filialen beliefert, verbraucht er etwa 60.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr; und seine beiden Transporter fahren pro Monat zusammen etwa 5000 Kilometer, um die Backwaren auszuliefern. Jeder kann sich ausrechnen, was das für Claßen finanziell bedeutet.

 Geschäftsführer von fünf Claßen-Filialen in Kreuzau und Düren: Jochen Claßen.
Geschäftsführer von fünf Claßen-Filialen in Kreuzau und Düren: Jochen Claßen. Foto: MHA/Merve Polat

Der Verband des Rheinischen Bäckerhandwerks, nicht bekannt für große Töne, wandte sich Ende August an alle Abgeordneten aller Parteien im Verbandsgebiet, Landtags-, Bundestags- und EU-Abgeordnete. „Das Bäckerhandwerk“, heißt es in dem Schreiben, „befindet sich in einer Situation, die so schwierig ist wie selten zuvor in seiner jahrhundertelangen Geschichte. Die Marktpreise für Rohstoffe, Strom, Erdgas und Heizöl steigen seit Monaten in einem Ausmaß, wie wir es in der jüngeren Geschichte noch nie erlebt haben.“ Schon jetzt sei „ein deutlicher Rückgang der Kundenfrequenz“ in den Bäckereien messbar. Der Verband weist darauf hin, dass Bäckereien vom sogenannten Energiekostendämpfungspaket der Bundesregierung „ausgeschlossen“ seien und bittet die Abgeordneten, sich für die Bäckereien ihrer Wähler zu verwenden. „Viele unserer Mitgliedsbetriebe wissen aktuell nicht mehr, wie sie die kommenden Monate überstehen sollen.“

In der Tat haben die ersten Bäcker bereits aufgegeben, weil sich ihr Betrieb nicht mehr rechnet; in den Sozialen Netzwerken erlebt man es in Echtzeit mit. Tobias Plaz, der in Eutingen in Baden-Württemberg bis vor wenigen Wochen eine Bäckerei betrieb, veröffentlichte auf Twitter das Schreiben seines Stromanbieters: Bislang betrug seine monatliche Abschlagszahlung für Erdgas 721 Euro, ab 15. Oktober hätte sie 2588 Euro betragen. Zu viel für ihn, er hat seine Bäckerei geschlossen, zumindest vorübergehend.

Warnung vor dem Blackout

Mit der Möglichkeit eines Blackouts, vor dem der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, eindringlich warnt, möchte sich Michael Nobis zunächst einmal nicht auseinandersetzen, er geht davon aus, dass er seine Bäckerei auch im Winter durchgehend weiterbetreiben kann. Nobis hat 44 Filialen im Raum Aachen, eine der größeren Bäckereiketten unserer Region. Nobis ist optimistisch genug, weiter zu expandieren, auf seiner Homepage sucht er Ladenlokale zwischen Aachen und Düren.

Geschäftsführer von 44 Nobis-Filialen im Aachener Raum: Michael Nobis.
Geschäftsführer von 44 Nobis-Filialen im Aachener Raum: Michael Nobis. Foto: Andreas Steindl

Was Nobis beschäftigt, sind die Unwägbarkeiten, die die kommenden Wochen und Monate mit sich bringen: Wie viel Energie wird verfügbar sein, und wie entwickeln sich die Preise? Und wie viel ist er notfalls bereit, von seinen Rücklagen in den laufenden Betrieb zu investieren, sollten einzelne oder alle Filialen aufgrund der Energiekosten zumindest kurzfristig nicht kostendeckend zu betreiben sein? Denn wie seinem Kreuzauer Kollege Jochen Claßen ist ihm bewusst, dass steigende Kosten nicht unbegrenzt auf seine Kunden umzulegen sind. „Irgendwann wird das Geld bei den Kunden knapp“, sagt Nobis, und dann kaufen sie notfalls eher industriell hergestelltes Brot im Supermarkt als handwerklich hergestelltes in der Bäckerei.

Claßen sagt, dass „der Ist-Zustand nicht einmal das eigentliche Problem“ darstelle. Es sind die Prognosen zur Strompreisentwicklung, die ihn nachdenklich machen. Ende August war der Strom an der Leipziger Strombörse zeitweise um fast 850 Prozent teurer als im Jahr zuvor. Wie geht die Entwicklung weiter? Und wann kommen solche Preise beim Endverbraucher an?

Auch der Auftritt von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei Sandra Maischberger vergangene Woche in der ARD hat ihm keine allzu große Hoffnung darauf gemacht, dass die Bundesregierung sich um das Problem der ausufernden Energiekosten schon kümmern wird. Habeck sagte, dass im Fall von Blackouts nicht jede Bäckerei, die eine Weile nicht produzieren und verkaufen könne, gleich Insolvenz anmelden werde.

Michael Nobis hat die Sendung auch gesehen und hält Habeck entgegen, dass sowohl er als auch seine bis zu 800 Mitarbeiter sehr wohl daran interessiert seien, weiter zu arbeiten und auch weiter Backwaren zu verkaufen. „Wir sind nicht, wie Habeck glaubt, daran interessiert, keine Umsätze mehr zu erwirtschaften“, sagt Nobis.

Wie lange Claßen und Nobis einen Blackout überstehen würden, ist offen. „Mit der Frage beschäftige ich mich, wenn es so weit ist“, sagt Claßen. Und Nobis überlegt, wie er seine Bäckerei gegebenenfalls mit alternativen Heizmitteln weiterbetreiben könnte, im Fall der Fälle.