Kurzarbeit beim Aachener Dienstleister FEV: Wie die Elektrowelle die Autobranche überrollt

Kurzarbeit beim Aachener Dienstleister FEV : Wie die Elektrowelle die Autobranche überrollt

Die Kunden fahren voll auf Elektro ab. Wurde das E-Mobil vor nicht allzu langer Zeit noch als teurer Exot belächelt, so kann sich Umfragen zufolge mittlerweile die Mehrheit der deutschen Autofahrer vorstellen, sich alsbald einen Stromer oder ein Hybridgefährt anzuschaffen.

Diesen Wandel im automobilen Denken hat mancher Experte zwar vorhergesagt. Erstaunlich ist jedoch, mit welcher Geschwindigkeit er – befeuert von Abgasskandalen und Fahrverbotsszenarien – vonstatten geht. Die Rasanz hat die großen Automobilhersteller, die sich gerade in Deutschland lange mit Batterie- oder Brennstoffzellenantrieben schwer getan haben, geradezu überrollt.

Parallel verkaufen sie deutlich weniger ihrer herkömmlichen Karossen. Mercedes und Audi verkauften im ersten Halbjahr um die fünf Prozent weniger Autos, bei PSA (Citroen, Peugeot, Opel) waren es beispielsweise sogar fast 13 Prozent. Offenbar treten viele der Branchenriesen jetzt kräftig auf die Bremse. Etwa dergestalt, dass sie Planungen für Verbrennermodelle in die Tonne gehauen haben.

Die Absatzkrise sorgt indes nicht nur bei den Autoherstellern für schlechte Laune. Auch große Zulieferer wie Continental oder Schaeffler haben bereits Stellenabbau und/oder einen Produktionsstopp an ausgesuchten Tagen angekündigt. Ein Dominoeffekt. Und die Abkehr von der Motoren-Neuentwicklung bei Benzinern und Dieseln schlägt nun auch in Aachen ein – beim weltweit agierenden Fahrzeug­entwicklungsdienstleister FEV.

Eigengewächs: FEV entwickelt mit „SVEN“ ein Elektromobil, das ab Ende 2021 vor allem beim Carsharing zum Einsatz kommen soll. Foto: FEV Group GmbH/philipprupprecht

Gibt es weniger neue Verbrennungsmotoren, so können auch weniger neue Verbrennungsmotoren auf ihre Tauglichkeit getestet werden. Genau das ist eines der traditionellsten Geschäftsfelder der 1978 im kleinen Rahmen von Franz Pischinger mitten in der Aachener City gegründeten „Forschungsgesellschaft für Energietechnik und Verbrennungsmotoren“.

Heute ist FEV eine ganze Unternehmensgruppe mit 6400 Mitarbeitern an 40 Standorten rund um den Globus und etlichen Tätigkeitsschwerpunkten. Am Stammsitz in Aachen mit seinen 1800 Beschäftigten werden immer noch die Motoren getestet, wofür man zahlreiche Prüfstände in den Firmenhallen an der Automeile Neuenhofstraße hat.

Doch die neuen Entwicklungen sorgen für eine deutlich magerere Auslastung. Die Folge: Für diesen Teilbereich hat FEV Kurzarbeit bei der Agentur für Arbeit angemeldet. Entsprechende Informationen unserer Zeitung bestätigte Unternehmenssprecher Carsten H. Heller. Wie viele Beschäftigte betroffen sein werden und wie viel sie weniger Arbeiten sollen, das stehe indes noch nicht fest. Man sei in einer „Vorphase“. Starten soll die Maßnahme voraussichtlich Anfang Oktober.

Nun hat das Wort Kurzarbeit immer einen Hauch von „kurz vor der Pleite“. Was bei FEV – immer noch ein Familienunternehmen, in zweiter Generation geführt von Stefan Pischinger – allerdings keineswegs der Fall ist. Im Gegenteil. Von 2013 bis 2018 stieg der Umsatz rasant von 350 auf 654 Millionen Euro und die Mitarbeiterzahl von 3200 auf besagte 6400. Heller betont denn auch, „dass die FEV-Gruppe in ihrer Gesamtheit wächst“. Die Dauer der Kurzarbeit solle „auf ein Minimum reduziert“ werden.

Fragt man sich, ob auch FEV bei allem Wachstum den Bereich E-Mobilität verschlafen haben könnte. Schaut man sich die Fakten an, lautet die Antwort: nein. 2016 wurde beispielsweise in Peking ein Zentrum eröffnet, in dem Elektroantriebe, Batterien und Brennstoffzellen entwickelt werden. 2017 kaufte man mit der EVA Fahrzeugtechnik GmbH einen Spezialisten für E-Mobilität und Hochvoltspeicher.

Und mit „SVEN“ (Shared Vehicle Electric Native) entwickelt man einen eigenen E-Kleinwagen, der ab Ende 2021 ausgeliefert und dann vor allem im Bereich Carsharing eingesetzt werden soll. Und dann noch die Prüfstände: Sie sollen jetzt der Entwicklung Rechnung tragend teils zu Testräumen für Elektro- und Hybridantriebe umgebaut werden. Carsten H. Heller sagt, FEV begegne der Entwicklung schon lange aktiv. Die rasante Fahrt, die das Thema in kürzester Zeit aufgenommen habe, sei jedoch nicht vorhersehbar gewesen.

Das Know-how der Experten an den heutigen Prüfständen will man allerdings nicht verlieren. Man würde diese Expertise dann später wohl auch so schnell nicht ersetzen können, wenn man nun einen Jobabbau einleiten würde. Deswegen greift man zum Mittel der Kurzarbeit, mit der von Gesetzes wegen eine Durststrecke in den Auftragsbüchern überbrückt werden kann – unterstützt durch Ausfallzahlungen der Agentur für Arbeit. Unendlich dehnen kann man so etwas natürlich nicht. Maximal 12, im Ausnahmefall 24 Monate geht das. Dann muss wieder genügend Arbeit für die Vollzeitstellen da sein.

Bei FEV will man jedoch mit der Kurzarbeit nicht nur die maue Auftragsphase überbrücken, sondern die entsprechenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser Zeit mit entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen auch fit machen für die Zukunft. Und die gehört – Stand heute – ganz klar dem Elektroantrieb. Kein Wunder bei schon für das Jahr 2025 prognostizierten Marktanteilen von bis zu 25 Prozent bei Neuzulassungen.

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