Herzogenrath: „Warum sollten wir Aixtron verkaufen?“

Herzogenrath: „Warum sollten wir Aixtron verkaufen?“

Ein turbulentes Jahr liegt hinter dem Herzogenrather Spezialmaschinenbauer Aixtron; das Unternehmen schrieb — unfreiwillig — Schlagzeilen, die weit über die Region hinaus Beachtung fanden. Anfang Dezember war endgültig klar geworden, dass die mit vielen Hoffnungen verbundene Übernahme durch chinesische Investoren geplatzt war — gestoppt durch ein Veto des damaligen US-Präsidenten Barack Obama, der Sicherheitsbedenken wegen des US-Geschäfts von Aixtron geltend machte.

Im Januar wurde bekannt, dass Vorstandschef Martin Goetzeler das Unternehmen Ende Februar verlassen würde — „aus persönlichen Gründen und in gegenseitigem Einvernehmen“. Der Nachfolger verstand sich als Interimslösung: Kim Schindelhauer, von 1992 bis 1997 geschäftsführender Gesellschafter von Aixtron, dann bis 2002 Vorstandsmitglied und zuletzt Vorsitzender des Aufsichtsrats, ging wieder ins Geschirr, bis ein Nachfolger gefunden war.

Das ist geschehen; spätestens zum 1\. Oktober wird der Infineon-Manager Felix Grawert gemeinsam mit Vorstand Bernd Schulte die Geschäfte verantwortlich führen. Schindelhauer wird sich dann wieder auf seinen Posten als Aufsichtsratschef zurückziehen. Wie also geht es jetzt weiter mit Aixtron? Darüber sprachen Hermann-Josef Delonge und Verena Müller mit Kim Schindelhauer.

Herr Schindelhauer, das Finanzportal „Wallstreet online“ schreibt von einer „neuen Zeitrechnung“ bei Aixtron. Stimmen Sie dem zu?

Schindelhauer: Nein, ganz und gar nicht. Das würde ja bedeuten, dass man Dinge ganz anders macht. Das ist bei Aixtron nicht der Fall. Wir haben eine große Kontinuität.

Aber befindet sich Aixtron derzeit nicht in einer entscheidenden Phase?

Schindelhauer: Es gab und gibt laufend entscheidende Phasen bei Aixtron. Wir sind in einem Feld unterwegs, in dem es überaus wichtig ist, sich im richtigen Moment neu auszurichten. Das passiert gerade.

Lassen Sie uns zuerst einen Blick zurück werfen. Wie bewerten Sie heute den geplatzten Deal mit dem chinesischen Investor?

Schindelhauer: Die Entscheidung, uns einem großen Investor anzuvertrauen, war damals völlig richtig. Er sollte Aixtron mit frischem Kapital ausstatten. Außerdem: China war und ist ein bedeutender Markt für uns. Deshalb war es naheliegend, das Angebot anzunehmen. Dann ist alles aber sehr unglücklich verlaufen, wir sind in das Räderwerk der Weltpolitik geraten.

Konnten Sie diese Entwicklung damals nicht absehen? Oder haben Sie sie unterschätzt?

Schindelhauer: Am Anfang konnte man diese Entwicklung tatsächlich nicht erwarten. Sie hat mit der Zeit eine Dynamik entwickelt, die unglaublich war. Zuerst der damalige Wirtschaftsminister Gabriel, der die Transaktion mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber chinesischen Investoren erschwerte, dann die Sicherheitsbedenken der amerikanischen Behörden gegenüber China: Das war wirklich ein Politkrimi, und Aixtron steckte mittendrin.

Sie können das Votum der US-Behörden bis heute nicht nachvollziehen?

Schindelhauer: Nein. Sie ist uns gegenüber auch nie wirklich begründet worden. Das ist unverantwortlich. Man muss bedenken: Ein solcher Übernahmeprozess kostet viel Geld — wir sprechen von einem Millionenbetrag im niedrigen einstelligen Bereich. Hinzu kommt die große Verunsicherung bei Mitarbeitern, Aktionären, Investoren und Kunden.

Wirkt diese Verunsicherung noch nach?

Schindelhauer: Bei den Kunden und Aktionären eher nicht, bei vielen Mitarbeitern schon. Die erwarten jetzt, dass eine Neuausrichtung erfolgt. Das geschieht gerade.

Sie persönlich haben damals als Aufsichtsratschef bei den Aktionären sehr entschieden für die Annahme des Übernahmeangebots geworben — und eindringlich vor einschneidenden Folgen gewarnt, sollte diese nicht zustande kommen. Warum gilt das heute nicht mehr?

Schindelhauer: Weil wir, wie ich glaube, eine blendende Lösung gefunden haben. Schauen Sie in die Bilanz: Die ist kerngesund. Wir haben keine Schulden und einen hohen Kassenbestand. Die Gewinn- und Verlustrechnung hat allerdings ein großes Problem: Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung sind zu hoch. Wir gaben 2016 rund 30 Prozent unseres Umsatzes dafür aus. In Summe waren das 54 Millionen Euro. Diese Zahl ist inakzeptabel. Normal in diesem Geschäft wären eher zehn Prozent des Umsatzes.

Warum sind die Aufwendungen so hoch?

Schindelhauer: Aixtron ist perfekt diversifiziert. Mit einer Kerntechnologie, den Verbindungshalbleitern, bedienen wir unterschiedlichste Abnehmermärkte mit Kunden, die zum Teil nicht einmal miteinander konkurrieren. Aber alle erwarten hohe Entwicklungsaufwendungen. Und da wir es mit unterschiedlichen Märkten zu tun haben, entstehen die Entwicklungskosten entsprechend in unterschiedlichen Bereichen.

Aber das ist doch bei den Mitbewerbern von Aixtron nicht anders.

Schindelhauer: Viele haben allerdings nur eine Sparte, also Entwicklungskosten nur für einen Bereich. Wir haben davon mindestens fünf. Das ist die Kehrseite unserer perfekten Diversifizierung. Diese Kosten müssen und werden wir in den Griff bekommen.

Wie?

Schindelhauer: Wir werden uns Partner mit ins Boot holen. In der Pharma- und Biotechbranche wird das heute schon so gemacht. Unsere Kunden sind darauf eingerichtet, man muss allerdings danach fragen. Freiwillig machen die das nicht. Dazu werden wir bestimmte Bereiche in eigenständige Unternehmen ausgründen — als hundertprozentige Tochterunternehmen der Aixtron.

Wie viele soll es davon geben?

Schindelhauer: Zunächst ist ein eigenes Unternehmen geplant, und zwar im OLED-Geschäft. In diese Ausgründung werden wir Joint-Venture-Partner holen, die die Entwicklungskosten mit finanzieren. Gerade das OLED-Geschäft ist äußerst spannend, aber eben auch mit immensen Forschungsaufwendungen verbunden.

Die Entwicklung von Anlagen zur Produktion der nächsten Generation von Prozessoren haben wir hingegen auf Eis gelegt, weil sich der Kunde nicht entscheiden konnte, wann er diesen Entwicklungssprung machen will. Wenn er sich dazu entscheidet, sind wir wieder dabei. Allerdings muss er uns dann auch bei der Finanzierung helfen.

Und Sie trennen sich von bestimmten Bereichen.

Schindelhauer: Stimmt. Wir haben das Geschäft zur Fertigung von Speicherchips in den USA an einen südkoreanischen Konzern verkauft. Das wird uns rund 50 Millionen US-Dollar einbringen.

Vorbehaltlich der Zustimmung der US-Behörden.

Schindelhauer: Richtig.

Wie lautet Ihre Prognose?

Schindelhauer: Ich bin da vorsichtig geworden. Aber die Fakten sind klar: Für dieses Geschäft haben wir einen Kunden, und der sitzt in Südkorea. Der Käufer kommt auch aus Südkorea. Wenn das nicht durchgeht . . .

Warum verkaufen Sie? War das Geschäft nicht profitabel?

Schindelhauer: Es war nach Aussage einiger Analysten sogar defizitär. Außerdem ist das nicht unser Kerngeschäft. Wir wollen uns fokussieren.

Dieses Geschäft ist ein wesentlicher Teil der US-Tochter von Aixtron. Wollen Sie mit dem Verkauf die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Aixtron doch noch komplett verkauft werden kann — dann mit Genehmigung der US-Behörden?

Schindelhauer: Nein. Wir verkaufen ja auch nicht unsere komplette US-Tochter. Wir werden mit unserem Kerngeschäft, der MOCVD-Technologie, weiter in den USA vertreten sein.

Ein Komplett-Verkauf der Aixtron SE ist also vom Tisch?

Schindelhauer: Wir suchen keinen Käufer, und es liegen auch keine Angebote vor. Wenn jemand aber ein Angebot macht, bin ich dazu verpflichtet, es zu prüfen und den Aktionären eine Empfehlung zu geben. Aber warum sollten wir verkaufen? Wir sind gut aufgestellt und haben brillante Zukunftsperspektiven. Das war schon immer so. Neu ist: Unser Konzept zur Reduzierung der Kosten ist ausgereift und wird auch von den Kunden goutiert.

Warum haben Sie es dann nicht früher umgesetzt — bevor Aixtron auf die Suche nach einem Käufer ging?

Schindelhauer: Ich glaube, damals herrschte die Vorstellung vor, wir könnten alle Bereiche und Technologien weiter betreiben, wenn sie jemand finanzieren würde — auch die, die wir heute auf Eis gelegt haben.

Sind also damals Fehler im Management gemacht worden?

Schindelhauer: Nein. Zu dieser Zeit war diese Annahme richtig. Aber die Zeiten ändern sich. Und sehr oft kommt es auf das Timing an. Man muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Das Thema OLED zum Beispiel hat sich im vergangenen Jahr dramatisch entwickelt. Schauen Sie doch nur, wie jetzt alle auf das neue iPhone 8 warten! Das wird ein OLED-Display und 3D-Sensoren haben.

Viele Zukunftstechnologien werden jetzt gerade zum Thema, und es geht dabei fast immer um Verbindungshalbleiter. Wir sind also überall mit dabei — wir sitzen sprichwörtlich wie die Made im Speck. Wir profitieren davon, dass die Anwendungen, die unsere Kunden auf unseren Anlagen entwickelt und gebaut haben, nun in Massenprodukten ankommen. Damit das auch so bleibt, haben wir ein Scouting-System etabliert, mit dem wir auf der Suche nach weiteren spannenden Themen sind.

Wie ist heute die Stimmung in der Belegschaft?

Schindelhauer: Ich beobachte eine gute, positive Grundstimmung. Der Blick ist in die Zukunft gerichtet.

Können Sie ausschließen, dass es im Rahmen der Neuausrichtung zu Personalabbau kommt?

Schindelhauer: Wir haben einen ganzen Geschäftsbereich in den USA verkauft, also ist es natürlich zu Personalabbau im Konzern gekommen. Diese Mitarbeiter sollen aber zum Käufer gehen.

Und am Stammsitz hier in Herzogenrath?

Schindelhauer: Ist im Moment kein Personalabbau geplant.

An dem Ziel, 2018 wieder schwarze Zahlen zu schreiben, halten Sie fest?

Schindelhauer: Absolut. Und die Kursentwicklung zeigt, dass die Aktionäre auch an uns glauben. Es wird gewürdigt, dass wir Themen abarbeiten, die Baustellen verkleinern und uns im Kern so stabilisieren, dass wir wieder wachsen können.

Wie lautet der Arbeitsauftrag an das neue Vorstandsduo Grawert/Schulte?

Schindelhauer: Das umsetzen, was wir gerade angeschoben haben.

Damit Sie sich beruhigt wieder aus dem operativen Geschäft zurückziehen können?

Schindelhauer: Das gar nicht. Ich habe in den vergangenen vier Monaten wieder einen zusätzlichen und sehr intensiven Einblick ins operative Geschäft gewonnen. Das werde ich mitnehmen, wenn ich wieder auf den Platz des Aufsichtsratchefs wechsele. Die angestoßenen Projekte werde ich in dieser Funktion eng begleiten.

Als Spin-off aus der RWTH gegründet, heute weltweit vertreten

Aixtron steckt seit Jahren wegen einer schwachen Auftragslage in der Krise. Der Spezialmaschinenbauer war 1983 als Spin-off aus der RWTH gegründet worden und stieg zu einer Neue-Markt-Ikone empor. Diese Zeiten sind vorbei.

Im vergangenen Jahr schrieb Aixtron einen Betriebsverlust (Ebit) von 21,4 Millionen Euro (2015: 26,7 Millionen Euro). Operativ, also vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, betrug der Verlust 7,9 Millionen Euro. Damit hat sich die Ertragslage seit 2012 allerdings in jedem Jahr verbessert.

Das Unternehmen entwickelt, produziert und installiert Anlagen für die Abscheidung (Deposition) von Halbleitermaterialien und anderen komplexen Materialien. Außerdem steht die Entwicklung von Verfahrenstechniken, die Beratung und Schulung sowie die laufende Kundenbetreuung im Portfolio.

Die Anlagen werden weltweit zur Herstellung von leistungsstarken Bauelementen für elektronische und opto-elektronische Anwendungen auf Basis von Verbindungs-, Silizium- oder organischen Halbleitermaterialien genutzt. Diese Bauelemente werden vielfältig eingesetzt: etwa in der LED-, Laser und Displaytechnologie, in der Datenspeicherung und -übertragung, im Energiemanagement oder in der Lichttechnik, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Stammsitz ist in Herzogenrath-Kohlscheid, es gibt Niederlassungen und Repräsentanzen in Asien, den USA und in Europa. Aixtron beschäftigt insgesamt 697 Mitarbeiter, davon 383 in Herzogenrath (Stand 31\. März 2017).

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