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Niederzier: Visionplus Unternehmerinnenpreis: „Man muss sich seinen Zweifeln stellen“

Niederzier : Visionplus Unternehmerinnenpreis: „Man muss sich seinen Zweifeln stellen“

Wer Christiane Claßen an einem verregneten Sonntag treffen will, versucht es am besten im Lager von Hamacher Transporte. Denn an solchen Tagen dreht die Geschäftsführerin der Spedition in Niederzier gerne einmal eine Runde mit dem Gabelstapler und belädt Regale. Sehr zur Freude ihrer Kinder Konstantin (5) und Klara (3).

Auch der Fuhrpark mit den 65 blau-weißen Lkw fasziniert die Kleinen. Die 40-Jährige erinnert das daran, wie die riesigen Fahrzeuge sie selbst als Kind begeistert haben und wie gerne sie mit ihrem Vater auf dem Firmengelände unterwegs war. Trotzdem: In das Unternehmen, das ihr Großvater 1935 gegründet hatte, wollte sie nie einsteigen. „Aber dann kam es doch anders“, sagt die Schirmherrin des Visionplus Unternehmerinnenpreises 2018.

Mit dem Abitur in der Tasche zog es sie aus dem Rheinland fort. Sie entschied sich, in Lüneburg angewandte Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Ihr Auslandssemester verbrachte sie auf Bali, ein Praktikum absolvierte sie bei Daimler Chrysler in Melbourne. Nach dem Diplom ging es wieder nach Australien. Dort wollte sie eigentlich nur ihren Bruder Matthias besuchen. Daraus wurden dann zweieinhalb Jahre am Bildungs- und Trainingsinstitut „Australian Institute of Sports“ in Canberra.

Keine Bedenkzeit gebraucht

Christiane Claßen wäre länger geblieben. Doch dann erkrankte ihr Vater Walter und musste dringend im Betrieb entlastet werden. Sie kehrte für ein paar Monate nach Niederzier zurück und blieb. Seit 2004 ist sie Geschäftsführerin, seit 2006 teilt sie sich diese Aufgabe mit ihrem sieben Jahre jüngeren Bruder Andreas und ihrem Vater.

Als die Gründerregion Aachen sie fragte, ob sie in diesem Jahr Schirmherrin des Visionplus Unternehmerinnenpreises werden möchte, habe sie keine Bedenkzeit gebraucht, sagt Christiane Claßen. Den Bewerberinnen rät sie, voll und ganz hinter ihren Ideen und Plänen zu stehen. „Jeder hat ab und an Zweifel. Aber wenn man sich ihnen stellt und sich nicht davon unterkriegen lässt, kann man eine Menge Kraft daraus schöpfen“, sagt sie. Als „Mutmacherin“ wende sie sich auch an die Frauen, die glaubten, als Mutter in der Wirtschaftswelt nicht zum Zuge kommen zu können. „Mein Plan A war immer, eine Familie zu gründen. Ich wollte nie die verbissene Karrierefrau sein, die nur ihren Beruf im Kopf hat. Ich bin mit ganzem Herzen Mutter“, sagt sie. Beruflich selbstständig zu sein, biete eben auch die Chance auf mehr Selbstbestimmung.

Das heißt auch: Freitags ist ihr freier Tag. An den anderen Tagen verlässt sie das Büro üblicher Weise am frühen Nachmittag. „Hauptsächlich kümmere ich mich um die Rechnungsabteilung“, sagt sie. Bevor sie Geschäftsführerin wurde, hat sie sämtliche Abteilungen in der Spedition durchlaufen. „Der Austausch mit anderen Menschen ist mir wichtig, ich bin sehr neugierig“, sagt sie. Deshalb freut es sie, dass viele Mitarbeiter sich ihr mit Privatem anvertrauen. „Es kommt auch vor, dass jemand Liebeskummer hat und mir davon erzählt, weil er findet, dass ich gut zuhören kann“, sagt sie.

„Christiane schafft es stets, Menschen für sich zu gewinnen. Sie wird schnell zu Vertrauensperson“, sagt Andreas Hamacher. „Ich bin froh, meine Schwester an meiner Seite zu wissen und schätze sie wirklich sehr. Auf sie ist Verlass.“ So schnell bringe sie nichts aus der Ruhe. „Sie ist sehr strukturiert und kann viele Dinge gleichzeitig bewältigen. Manch anderer würde dabei den Überblick verlieren.“ Es habe ihn sehr gefreut zu hören, dass Christiane die Schirmherrschaft für den Visionplus Unternehmerinnenpreis übernimmt. „Meines Erachtens kann es keine bessere Schirmherrin geben, da Christiane es perfekt versteht, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Kein Bereich bleibt dabei auf der Strecke und sie findet sogar noch die Zeit für diverse Ehrenämter.“

So sitzt sie bei der IHK Aachen im Prüfungsausschuss für das Verkehrsgewerbe. Vor kurzem wurde sie zum zweiten Mal in die Vollversammlung der Kammer gewählt. „Da könnte schon ein gewisser Frauen-Bonus im Spiel gewesen sein“, sagt sie. Denn in der IHK-Vollversammlung seien hauptsächlich Männer. Ähnlich sieht es in der Speditions- und Logistikbranche aus. Trotzdem hatte Christiane Claßen nie das Gefühl, als Frau in einer Männerdomäne bevorzugt oder benachteiligt zu werden. Es komme immer darauf an, wie man sich selbst sieht und wie man sich gibt. „Wer sich wie ein schüchternes Frauchen benimmt, wird auch so behandelt“, sagt sie.

Zweitplatzierte im Jahr 2014

Dass es Frauen als Unternehmerinnen schwerer oder leichter haben als Männer, kann Shirin Hadji-Abbassi ebenfalls nicht bestätigen. 2014 holten sie und Cornelia Schiefer beim Visionplus Unternehmerinnenpreis den zweiten Platz. Zusammen haben sie die Fahrschule Cornelia Schiefer in Eschweiler gegründet, die Menschen mit und ohne Handicap das Autofahren beibringt. „Es ist aber schon so, dass Frauen weniger technologisch orientierte Unternehmen gründen, sondern eher Ideen im sozialen Bereich haben oder für Dienstleistungen, die stärker im Alltag präsent sind.“ Wettbewerbe wie der Visionplus Unternehmerinnenpreis seien deshalb nicht nur wichtig, weil Frauen seltener gründen als Männer. „Es gibt dann eine andere Mischung als beispielsweise beim Gründerwettbewerb AC2 , wo sehr viele Ideen mit technologischem Hintergrund eingereicht werden.“

Der zweite Platz im Jahr 2014 habe die Fahrschule vor allem bekannter gemacht. „Wir sind viel angesprochen und beglückwünscht worden, sei es in der Nachbarschaft oder etwa am Bankschalter.“ Die Kompetenz der Fahrschule insbesondere als Angebot für Menschen mit Behinderung sei durch die Auszeichnung deutlich gestärkt worden. So hätten sich beispielsweise einige Kliniken gemeldet und um Rat auf diesem Gebiet gebeten. „Wir sind nicht mehr die kleinen Studentinnen mit einer Gründungsidee, sondern genießen mehr Ansehen“, sagt Shirin Hadji-Abbassi.