„Überall dort, wo sich ein Mangel oder Chancen zeigen“: Verbandschef Ralf W. Barkey über Gründungen von Genossenschaften

„Überall dort, wo sich ein Mangel oder Chancen zeigen“ : Verbandschef Ralf W. Barkey über Gründungen von Genossenschaften

Ob im Kampf gegen den Ärztemangel auf dem Land oder zum Ausbau von regenerativer Energie – auf vielen Feldern gründen sich Genossenschaften. Der Wunsch, das örtliche Lebensumfeld stärker mitzubestimmen, wächst, sagt Ralf W. Barkey, Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbandes, im Interview mit unserer Zeitung.

Seit Januar 2018 steht der 57-Jährige dem Verband vor. Die Region kennt Barkey gut, von 2001 bis 2012 war der Jurist Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Aachen. Das Gespräch fasst Anja Clemens-Smicek zusammen.

Herr Barkey, hat die Genossenschaftsidee eine Zukunft?

Ralf W. Barkey: Sie hatte noch nie so viel Zukunft wie heute. Wir haben rund 23 Millionen Genossenschaftsmitglieder in Deutschland. Der ADAC behauptet ja immer, er sei die mitgliederstärkste Organisation im Land, dabei hat er nur knapp 21 Millionen. Wir haben allein in den vergangenen zehn Jahren rund 1,5 Millionen Mitglieder dazugewonnen.

Woran liegt das?

Barkey: Es liegt vor allem daran, dass sich auf immer neuen Feldern Genossenschaften bilden – und zwar überall dort, wo sich ein Mangel oder Chancen zeigen.

Wo genau herrscht Mangel?

Barkey: Wir haben in vielen Bereichen eine drastische Unterversorgung. Nehmen wir die schlechte Infrastruktur. In Gewerbegebieten, die vom Breitbandausbau abgeschnitten sind, gründen sich entsprechende Genossenschaften. Ein Wahnsinnsthema zurzeit sind Ärztegenossenschaften. Generell merken immer mehr Bürger, dass wirtschaftliche Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die sie nicht kennen oder nach Kriterien, die sie nicht nachvollziehen können. Deshalb wächst der Wunsch, das örtliche Lebensumfeld stärker mitzubestimmen.

Aber warum muss es dann eine Genossenschaft sein?

Barkey: Es ist vor allem eine einfache und flexible Rechtsform. Sie brauchen lediglich drei Personen, um eine Genossenschaft zu gründen. Der spätere Ein- und Austritt ist relativ formlos. Er geschieht zum Beispiel ohne notarielle Beurkundung. Das einzige, was festgelegt ist, sind die Satzung und der Anteil, den sie einbringen müssen.

Das erklärt noch nicht, warum Sie die Lösung haben für den Ärztemangel auf dem Land.

Barkey: Ärzte empfinden die mit ihrer Arbeit verbundene Bürokratie oft als Belastung, etwa die Abrechnung mit den Kassen. All das, was Ärzte im Grunde davon fernhält, ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen, können sie in einer Genossenschaft bündeln.

Gibt es weitere Vorteile?

Barkey: Die Ärzte sind in einer Gruppe unterwegs. Sie können Ärztezentren gründen, die mehrere Fachbereiche abdecken. Sie haben eine höhere Flexibilität bei den Arbeitszeiten, was besonders Ärztinnen schätzen. Und sie teilen sich das Risiko. Wenn man überlegt, welche Kosten mit dem Einrichten einer Praxis verbunden sind, tut sich eine Gemeinschaft deutlich leichter. Zudem wollen wir, dass nicht nur Ärzte, sondern auch Bürger Mitglied einer Ärztegenossenschaft werden. So sammelt man mehr Kapital ein, und es erhöht auch die Bindung an die Region. Zum Wesen der Genossenschaft gehört ja, dass Sie Mitglied und Kunde zugleich sind.

Das klingt so einfach. Warum ist Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch nicht auf diese Idee gekommen?

Barkey: Wir sitzen derzeit mit nahezu allen Gesundheitsministern der Länder und auch Herrn Spahn zusammen. Generell gibt es aber zwei wesentliche Knackpunkte. Der eine ist die Neuzulassung durch die Kassenärztlichen Vereinigungen. In deren Zulassungskatalog taucht das Modell der Genossenschaft nicht auf. Sie wird behandelt wie eine GmbH. Die Zulassungsstellen verlangen von jedem Mitglied eine selbstschuldnerische Bürgschaft. Das ist aber nicht das Wesen der Genossenschaft. In Rheinland-Pfalz hatten wir einen Fall, wo die Kassenärztliche Zulassungsstelle die Neugründung abgelehnt hat und Minister Spahn intervenieren musste. Das ist ein sehr zähes Geschäft. Wenn man hier etwas ändern würde, könnte man die Dinge beschleunigen. So könnte man letztlich die Attraktivität für den Ärzteberuf auf dem Land steigern.

Und der zweite Knackpunkt?

Barkey: Unsere Rechtsform wird auch bei Förderprogrammen für Existenzgründer immer vergessen.

„Überall dort, wo sich ein Mangel oder Chancen zeigen“, sagt Verbandschef Ralf W. Barkey, gründen sich neue Genossenschaften. Sie betreffen verschiedenste Lebensbereiche. Foto: grafik

In welchem Bereich boomen Genossenschaften sonst noch?

Barkey: Auch da bleiben wir auf dem Land, wo es teilweise weder eine Tankstelle noch eine Post gibt. Deshalb erfreuen sich Dorfläden wachsender Beliebtheit. In der Eifel gibt es mehrere dieser Dorfläden, wo der Bürger Anteilseigner ist und auch dort einkauft.

Aber wie passt das zusammen mit der Tatsache, dass sich Genossenschaftsbanken gleichzeitig aus dem ländlichen Raum immer mehr zurückziehen?

Barkey: Ich glaube nicht, dass der Eindruck trägt. Genossenschaftsbanken stellen immer noch den größten Anteil von Filialen auf dem Land dar. Allein in der Region gibt es acht Volks- und Raiffeisenbanken mit immerhin 87 Geschäftsstellen. Wir sehen aber auch auf dem Land ein deutlich verändertes Kundenverhalten. Der Anteil von rein digitalen Kunden, hybriden und jenen, die die Geschäftsstelle besuchen, liegt bei jeweils einem Drittel.

Wie sieht es mit Energiegenossenschaften aus?

Barkey: Wir haben im Verbandsgebiet 359 Energiegenossenschaften mit rund 105.000 Mitgliedern. Diese Mitglieder haben insgesamt zwei Milliarden Euro in ihre Anlagen investiert. Damit werden 50 Prozent aller erneuerbarer Energien in Deutschland über Genossenschaften finanziert. Die Menschen, die z. B. eine Windanlage betreiben, bestimmen auch darüber. Da tun sich Bürger, Landwirte, die regionale Wirtschaft und die Kommunen zusammen. Das schafft auch eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz der Anlagen.

Inwieweit tragen Genossenschaften zum Strukturwandel nach dem Kohleausstieg bei?

Barkey: Die Investitionsbereitschaft in den Genossenschaften ist groß. Wir haben in NRW etwa 100 Millionen Euro auf Halde liegen, um zusätzliche Anlagen zu bauen. Das scheitert bislang an den teilweise verzerrenden Ausschreibeverfahren. Wenn sie als Genossenschaft an der Ausschreibung für ein Windrad teilnehmen, können sie das nur einmal machen. Dann ist das Geld verbraucht. Wir benötigen eine stärkere Rechtssicherheit für die Kleinen. In NRW kommt beim Bau neuer Windkraftanlagen erschwerend das Abstandsgebot von 1,5 Kilometern zur Wohnbebauung hinzu. Wenn sie sich die windgeeigneten Standorte in NRW anschauen, bleiben nicht vielen Flächen übrig. Deswegen plädieren wir deutlich dafür, dieses Abstandsgebot überall dort aufzuweichen, wo es eine bürgerschaftliche Übereinstimmung zum Bau neuer Anlagen gibt.

Eines der drängendsten Probleme unserer Zeit ist das Fehlen bezahlbaren Wohnraums, nicht nur in Aachen. Die Wohnungsgenossenschaften von früher treten heute kaum noch in Erscheinung.

Barkey: Auch da täuscht der Eindruck. Es gibt noch die klassischen großen Wohnungsgenossenschaften, etwa in Köln mit 6000 Mitgliedern. Aber es gibt auf diesem Feld viele neue Modelle.

Das bedeutet?

Barkey: Wir müssen uns die Fragen nach dem Wie stellen. Wie wollen wir beispielsweise im Alter wohnen? Die Alternative sind zugespitzt formuliert vereinsamte Wohneinheiten, Heimunterbringung oder familiäre Versorgung. Wir haben Musterprojekte mit Seniorengenossenschaften. Sie organisieren den Wohnraum, die Hausmeisterdienste oder auch die Gartenarbeiten, werden aber gleichzeitig nicht durch eine Heimleitung fremdbestimmt. Stattdessen organisieren sie den Grad der Hilfestellung.

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