1. Wirtschaft

Köln: Türkei klopft laut an das Portal der EU

Köln : Türkei klopft laut an das Portal der EU

Die Hängepartie um den möglichen Beginn der Beitrittsverhandlungen der Türkei zur Europäischen Union bestimmte am Dienstag die Eröffnung der ersten Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer in Köln.

Als erster Präsident der neuen Kammer hatte der Würselener Unternehmer Kemal Sahin (Santex) sowohl Bundeskanzler Gerhard Schröder wie auch den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu Gast.

Beide Regierungschef warben mit Blick auf das entscheidende Datum im Dezember für eine zügige Aufnahme der Verhandlungen. Bei der Festveranstaltung vor rund 1100 geladenen Gästen in Köln äußerte sich der Kanzler überzeugt, es spreche wenig dafür, dass die Kriterien für Beitrittsverhandlungen von der Türkei nicht so erfüllen werden könnten, „dass eine positive Entscheidung möglich ist”.

Schröder verwies zugleich darauf, dass der Türkei bei Erfüllung der entsprechenden Voraussetzungen seit mehr als 40 Jahren die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen versprochen worden sei. Wenn die Kriterien nun erfüllt seien, dürfe dieses Versprechen nun „nicht gebrochen werden”.

Schröder fügte hinzu, eine mögliche EU-Mitgliedschaft der Türkei stelle auch einen „unglaublichen Sicherheitszuwachs” dar. Der Kanzler würigte in diesem Zusammehang das Bemühen Erdogans, in der Türkei einen „nicht-aggressiven Islam” mit dem Gedankengut der europäischen Aufklärung zu verknüpfen.

Ausdrücklich lobte der Kanzler die Zypern-Politik Ankaras. Die Wiedervereinigung der Mittelmeerinsel sei nicht an den türkischen, sondern an den griechischen Zyprern gescheitert, „was jeder von uns bedauert”. In diesem Zusammehang müsse man der türkischen Politik „ein Kompliment machen”.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hält den Reformprozess in seinem Land für nicht mehr umkehrbar. Dabei seien die größten Erwartungen der Türken für einen EU-Beitritt nachaktuellen umfragen nicht mehr die möglichen wirtschaftlichen Vorteile, sondern „in einem demokratischen Land zu leben, in dem die Menschenrechte geachtet werden”.

Erdogan setzte sich auch mit Befürchtungen in Westeuropa auseinander, ein Beitritt der Türkei werde zu einer Einwanderungswelle in diesen Ländern führen. Er verwies auf Zahlen, nach denen etliche der in der EU lebeneden türkischen Arbeitnehmer wieder in ihre Heimat zurückgekehrt seien.

„Seit den 60-er Jahren erreichte die Zahl der rückkehrer die gleiche Höhe wie die der hier lebenenden Mitbürger, das heißt 2,5 Millionen Menschen.” Erdogan glaubt deshalb nicht, dass eine Mitgliedschaft zu einer massiven Einwanderungswelle führen wird.

Auch die neue Türkisch-Deutsche Handelskammer will sich voll für einen EU-Beitritt der Türkei einsetzen, kündigte ihr Präsident Kemal Sahin an. Eine „privilegierte Partnerschaft”, wie sie unlängst von der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel vorgeschlagen wurde, kommt für Sahin nicht in Frage. Vielmehr plädiert er dafür, die Türkei wie andere Beitrittsländer in Europa auch „gleichberechtigt und fair” zu behandeln.

Sahin sagt den türkisch-deutschen Wirtschaftssbeziehungen eine dynamische Entwicklung voraus. Der international tätige Textilunternehmer aus Würselen verwies darauf, dass das Handelsvolumen im vergangenen Jahr erstmals die Marke von 16 Milliarden Euro übersprungen habe.

Die erste Türkisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer soll als Pendant zu der bereits seit 1994 bestehenden Kammer in Istanbul den gegenseitigen Handelsverkehr auch unter kleineren und mittleren Unternehmen stärken. Sahin erwartet von der Arbeit der Kammer einen großen Motivationsschub für türkischstämmige Unternehmer in Deutschland, hier zu Lande zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen.