Aachen: Theo Lieven weiß, wie sich Unternehmensgründer beweisen müssen

Aachen: Theo Lieven weiß, wie sich Unternehmensgründer beweisen müssen

Fritz Pleitgens Worte hatten es in sich. Seine Rede bei der ersten Verleihung des Aachener Marketingpreises blieb nachhaltig in Erinnerung. Die Deutlichkeit, mit der Pleitgen Aachener Aushängeschildern wie dem Karlspreis begegnete, sorgte für Beifall wie Aufregung.

Deutliche Worte, für die wird auch Theo Lieven stehen — wenn auch aus einem ganz anderen Blickwinkel. Lievens Geschichte ist vor allem mit dem Namen Vobis verbunden. 1975 gründete er mit Rainer Frieling das Computer-Unternehmen, 20 Jahre später verkaufte er es für viel Geld. In den frühen 90er Jahren machte das Unternehmen Milliardenumsätze, so etwas wird in der Regel Erfolgsgeschichte genannt. Lieven, 1952 in Mönchengladbach geboren, wird gewiss auch davon am 12. November berichten, wenn der Marketingpreis zum zweiten Mal vom Marketing Club Aachen verliehen wird. Er könnte auch über schlechtes Marketing sprechen: Für 600.000 Mark hatte Vobis eine Werbe-Kampagne gestartet, die schlichtweg erfolglos blieb.

Doch ansonsten steht der Mann in der Regel für Erfolg. Er ist am Aachener Kaiser-Karls-Gymnasium zur Schule gegangen und hat später an der RWTH studiert, der er immer treu verbunden blieb und deren Ehrendoktorwürde ihm zuteil wurde. Nun ist er geschäftsführender Gesellschafter der Vincero Holding und arbeitet an der Universität St. Gallen. Ein Drittel des Jahres verbringt er in Aachen, wohnt seit 30 Jahren jenseits der Grenze in Belgien und hat ein kleines Büro in der Innenstadt.

Die Rede von Fritz Pleitgen 2013 war ein Paukenschlag. Welche Saiten werden Sie anschlagen?

Lieven: Zuerst mal trifft der Paukenschlag mich, denn ich muss in Fritz Pleitgens Fußstapfen treten (lacht), was schon von der Vita her nicht möglich ist. Ich bin auch keiner für Paukenschläge. Das kann er aus seiner Position viel besser, weil er Intendant des Westdeutschen Rundfunks war. Ich kann aus meiner Vita heraus Erlebnisse zusammentragen, von denen es durch die Geschichte mit Vobis und meine Zugehörigkeit zur RWTH doch auch einige gibt.

Aus welchem Blickwinkel werden Sie bei der Preisverleihung den Blick auf die Region richten?

Lieven: Ich bin Unternehmer. Einer, der selber gegründet hat und der die ganze Ochsentour kennt, die so ein Gründer hinter sich bringen muss. Ich habe auch diesen einen Punkt erlebt, den jeder Gründer irgendwann einmal erlebt, wenn er weiß, dass er am Ende ist, wenn er noch einen Fehler macht. Das ist eine Erfahrung, die jeder Gründer kennt. Es ist dann aber auch der Ritterschlag für den Unternehmer, wenn er diese Situation übersteht. Das ist der Unterschied zu einem Angestellten, auch bei einem großen Unternehmen wie Audi oder Daimler. Unternehmer wie leitende Angestellte mögen das gleiche tun. Aber die Risiken sind andere. Wären sie Seiltänzer im Zirkus, würden sie von unten auch gleich aussehen, nur der eine hat ein Netz drunter, der andere nicht.

Der Moment des drohenden Scheiterns ist einer, den ein Unternehmer nie vergisst?

Lieven: Ja, aber es ist weniger der Moment der Erkenntnis als viel mehr das, was anschließend unternommen wurde, was bleibt. Die erste Million ist immer die schwerste. Die letzte ist einfach zu erklären, aber die erste ist ganz schwierig.

Scheitern ist dennoch erlaubt? Es wird immer wieder angemahnt, dass der deutschen Unternehmerkultur das Recht auf Scheitern fehlen würde…

Lieven: Jein, ich denke, man muss es beim Scheitern nicht zum Letzten kommen lassen. Ich hatte auch in meinen Beteiligungen eine Druckerei, die musste ich einfach gehen lassen. Da musste Insolvenz angemeldet werden. Aber das war so früh, dass noch ausreichend Maschinen und Mitarbeiter da waren, dass das Unternehmen noch einsatzfähig war und veräußert werden konnte, so dass die meisten Arbeitsplätze erhalten werden konnten. Scheitern darf nicht bedeuten, dass am Ende alles weg ist und der Insolvenzverwalter nichts mehr vorfindet. Dafür gibt es auch Beispiele in Aachen. Dieses Scheitern ist typisch deutsch. Scheitern muss man sich früh genug eingestehen können. Ob ich es als Scheitern bezeichnen soll, weiß ich nicht, aber ich bin nach drei Monaten als Präsident von Alemannia Aachen wieder zurückgetreten. Nicht, weil ich Schaden angerichtet hätte, sondern weil ich gemerkt habe, dass es mit mir eher schlechter als besser werden würde. Dann ist Horst Heinrichs ein sportlich sehr erfolgreicher Präsident geworden. Man muss also aufgeben können, dann ist Scheitern kein Problem. Man muss nicht Präsident eines Fußballklubs sein.

Verfolgen Sie die Alemannia noch — sie ist nach Ihnen dann irgendwann auch wieder kolossal gescheitert?

Lieven: Das ist nicht meine Schuld…

Nein, der Niedergang kam weit später.

Lieven: Was war es doch für ein Glück, ins Pokalfinale gegen Bremen zu kommen und dann in der Europa League zu spielen. Da hätte wohl besser Geld angespart werden sollen. Aber ich habe gelesen, dass beim letzten Heimspiel in der vierten Liga mehr als 8000 Zuschauer waren. Das ist irre!

Welches Bild haben Sie denn unabhängig von der Alemannia von dieser Region?

Lieven: Ich bin kein Aachener, bin kein Lokalpatriot, bin aber mit Aachen verbunden. Aber lassen Sie mich dazu eine kleine Geschichte erzählen: Wir waren vor ein paar Wochen in Wien, haben uns Karten für das Burgtheater gekauft. Dabei kamen wir ins Gespräch. Und der Mann dort, mit dem wir uns jedes Mal nett unterhalten, fragte, wo wir denn eigentlich herkommen. Wir sagten Aachen, und er antwortete direkt: Aachen? Da gibt es doch im Moment die große Karls-Ausstellung. Da wusste er fast mehr als wir (lacht). Da wusste also ein Wiener von einer bedeutenden Ausstellung in Aachen. Auch wenn man sagt: Der Karlspreis und der Orden wider den tierischen Ernst, naja… Möglicherweise sehen die Aachen selber nicht, was die Stadt zu bieten hat und stellen ihr Licht unter den Scheffel. Wo soll es denn schöner sein? Heidelberg? Tübingen? Göttingen? Das sind auch alles geisteswissenschaftliche Städte, während wir hier technisch orientierte Hochschulen haben. Die müssten vielleicht noch ein bisschen mehr aus sich machen.

Die Stadt und ihre Hochschulen müssten sich also noch besser präsentieren?

Lieven: Das Problem ist: Stadt und Hochschule sind verwaltungsmäßig getrennte Wesen. Die Universität ist Land, die Stadt ist Stadt. Ich weiß, dass sich die Stadt bei Uni-Veranstaltungen ein wenig als Fremdkörper fühlt und umgekehrt. Das merkte man schon vor 40 Jahren. Die Studenten waren schon immer die, an die Wohnraum vermietet wurde. Aber so richtig integriert waren sie nicht, außerhalb ihrer Zirkel, früher in Theos Pinte.

Wer braucht wen mehr — die Stadt die Uni oder die Uni die Stadt?

Lieven: Das ist egal. Braucht der Mann die Frau mehr oder die Frau den Mann? Die Frage ist doch: Wer könnte den anderen mehr gebrauchen? Wie könnte man mehr voneinander profitieren? Vielleicht müssten beide Seiten mal über die Rolle der Universitätsabsolventen als Botschafter nachdenken. Ich bin an der Universität in St. Gallen tätig, und die macht das sehr geschickt. Seit mehr als 75 Jahren erzeugt der Alumni-Club eine Außenwirkung, die Aachen so noch nicht hat. Die Verbundenheit mit der Hochschule, die bestimmt da ist, müsste noch stärker kanalisiert werden.

Die Stadt müsste also ein Marketingkonzept entwickeln, was deutlich stärker auf den Hochschulen aufbaut?

Lieven: Ob ich das jetzt Marketingkonzept nennen muss, weiß ich nicht. Ich kenne Marketing auch nicht aus der Theorie, sondern nur vom Schlachtfeld — bei Vobis damals. Aber wenn ich will, dass etwas nach außen getragen wird, dann brauche ich Botschafter. Das können nicht Rektor oder Oberbürgermeister sein, die sprechen immer pro domo. Da muss man die Community nehmen, und im Communitymarketing gibt es ganz tolle Möglichkeiten. Da braucht es keine Versammlungen und Mitgliedergremien mehr. Wenn ich sehe, was St. Gallen alles über soziale Netzwerke macht…

Was macht für Sie gutes Marketing aus?

Lieven: Das man es mir erklären kann. Denn oftmals ist Marketing so kompliziert, dass man es nicht mehr erklären kann. Die, die Marketing betreiben, müssen sich in den Adressaten hineinversetzen. Das geschieht meines Erachtens nach noch zu selten.

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