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Damme/Havixbeck: Schweinezüchter in der Krise: Betriebe vor dem Aus

Damme/Havixbeck : Schweinezüchter in der Krise: Betriebe vor dem Aus

Es weht zwar ein Hauch frischer Luft durch den Stall, aber es hilft nicht viel. Es stinkt nach Schweinestall. „Das ist das Ammoniak”, sagt Birgit Scharlau.

Die 41- Jährige betritt eine Box mit zehn Tieren, und sofort beginnen die Tiere sie zur Begrüßung zu beschnüffeln. Einige beißen ihr sogar in die Gummistiefel. Es sieht nach Landwirtschafts-Idylle aus.

Tatsächlich ist die Lage für viele Schweinehalter und -züchter dramatisch, teils sogar existenzbedrohend. Vom Aufschwung, der die Milch- und Getreidebauern mittlerweile wieder strahlen lässt, hat die Schweinebranche noch nichts mitbekommen.

„Ich mache im Moment fünf Euro Verlust pro Schwein”, sagt Scharlau. Für ihren Betrieb geht das noch nicht an die Substanz, denn sie bewirtschaftet auf ihrem Betrieb im westfälischen Havixbeck noch 83 Hektar Wald und Ackerflächen und hat darüber hinaus ein kleines Standbein mit Landurlaub. „Man muss Rücklagen bilden, um in schlechten Zeiten zu überstehen”, sagt sie.

Besonders schlecht gehe es im Augenblick den Betrieben, die sich auf Sauenmast und Ferkelerzeugung spezialisiert haben, sagt Franz Meyer zu Holte, der Vorsitzende der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) mit Sitz in Damme in Niedersachsen.

„Da werden wir in diesem Jahr einen dramatischen Strukturwandel erleben”, sagt er. „Viele Betriebe werden ein echtes Liquiditätsproblem haben”, ergänzt der zweite Vorsitzende der ISN, Heinrich Dierkes. Mit anderen Worten: Es werden viele Betriebe aufgeben müssen - und das im 20. Jahr des Bestehens der ISN.

Einer der Gründe für die schlechte Situation der Schweinebauern ist die große Abhängigkeit vom Export. Die Selbstversorgungsquote in Deutschland liegt bei mehr als 100 Prozent. Der Export wird durch den schwachen Dollar erschwert, sagt die studierte Agrar-Ingenieurin Scharlau. Ein großer Markt ist China. „Leider gibt es kein Handelsabkommen mit China”, sagt sie. Schließlich sind die Futtermittel- und die Energiekosten deutlich, teils explosionsartig, gestiegen.

Das Futtermittel habe sich innerhalb eines Jahres um 70 Prozent verteuert, sagt der Sprecher des Deutschen Bauernverbandes, (DBV), Michael Lohse. „Für ein Ferkel bekommt ein Landwirt heute nur noch die Hälfte wie vor einem Jahr, so 30 bis 35 Euro”, betont er.

Die Betriebe seien in „höchster Not”. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr fast 80 000 Betriebe mit Schweinen und rund 29 000 Betriebe mit Zuchtsauen. Tendenz fallend. Wie viele Landwirte in diesem Jahr aufgeben müssen, dazu geben weder ISN noch DBV Prognosen ab.

Um die Chancen auf dem Weltmarkt zu verbessern, drängen die Landwirte auf gleiche Rahmenbedingungen. Während in Ländern wie in den USA oder Brasilien die Masttiere ohne Probleme gentechnisch verändertes Futter bekommen, ist die Rechtslage in der Europäischen Union schwieriger.

„Die Verbraucher wollen das hier nicht”, sagt Dierkes. Dieser „Sonderweg” bei den gentechnisch veränderten Produkten mache das Futter für die europäischen Bauern teurer als für die Konkurrenten aus Amerika.

Die Landwirte setzen ihre Hoffnung auf den freien Markt. „Da haben wir die Chance, dass es uns auch mal wieder bessergeht”, sagt Dierkes. Rauf mit den Preisen, runter mit den Preisen - selbst die Wirtschaftswissenschaft kennt den Begriff „Schweinezyklus”.

Birgit Scharlau hat schon den Hauch eines Aufwindes gespürt. „In den vergangenen 14 Tagen sind die Preise wieder um 10 Prozent gestiegen”, sagt sie. Sie schließt die Stalltür und spült sich mit dem Schlauch ihre Stiefel ab. Der Duft bleibt, die Hoffnung aber auch.