Rolf-Dieter Krause und Dieter Philipp über den Mittelstand in Europa

Der Mittelstand in Europa : „Das Handwerk stabilisiert die Wirtschaft“

Kurz vor der Europawahl sind im Krönungssaal Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Justiz zur Vollversammlung der Handwerkskammer (HWK) Aachen zusammengekommen.

Präsident Dieter Philipp betonte die Verantwortung der Wirtschaft für die Zukunft Europas und hob  dabei insbesondere die deutsch-französische Freundschaft hervor. „Deutsche und französische Handwerker haben verabredet, beim Wiederaufbau Nôtre Dames zusammen zu arbeiten. Das zeigt, wie sehr uns das Schicksal unserer Nachbarn berührt.“ Oberbürgermeister Marcel Philipp, Sohn des Kammerpräsidenten, betonte die historische Bedeutung Aachens für Europa ebenso wie die Wichtigkeit innovativer Handwerksbetriebe für die Städteregion. Das Handwerk vor Ort sei eine Chance für die Zukunft der Städteregion: Ohne Braunkohletagebau, mit CO2-neutraler Infrastruktur.

Weniger optimistisch zeigte sich im Anschluss Rolf-Dieter Krause, ehemaliger Leiter des ARD-Studios in Brüssel, der zur Einstimmung auf die im Anschluss stattfindende Arbeitssitzung des Kammerparlaments zur Zukunft Europas und des gemeinsamen Wirtschaftsmarktes sprach. Die EU habe sich in die falsche Richtung entwickelt. Mitgliedsländer wie Polen und Ungarn würden den Zerfall der EU vorantreiben. In der Bevölkerung gebe es darüber hinaus keinen echten Zusammenhalt mehr.

Den gemeinsamen Wirtschaftsmarkt sieht der erfahrene Journalist vor allem durch China in Gefahr. Dass nun auch noch europäische Länder wie Italien das neue Seidenstraßen-Projekt unterstützten ist für Krause nur die Spitze des Eisbergs. Dabei sei der Weg, Streitigkeiten am Verhandlungstisch auszutragen, grundsätzlich der richtige. Funktionieren könne das aber nur in einem Kerneuropa, in dem Deutschland stärker auf die Forderungen der engsten Partner, wie etwa Frankreich, eingehen müsse.

Im Anschluss legte Dieter Philipp Rechenschaft zur wirtschaftlichen Lage der Handwerksbetriebe im Kammerbezirk ab. Anders als die Gesamtwirtschaft habe das Handwerk nicht mit einem Abflauen der Auftragslage zu rechnen. „Das Handwerk stabilisiert die Wirtschaft“, sagte Philipp. Die Frühjahrsumfrage der HWK hatte ergeben, dass 93 Prozent der Unternehmen zufrieden mit der wirtschaftlichen Entwicklung sind und auch positiv auf das nächste Halbjahr blicken.

In einzelnen Branchen wie der Bauwirtschaft war die Zuversicht noch größer. Die Herausforderung läge nach wie vor in der Wertschätzung der Handwerksberufe unter den Auszubildenden. Betriebe berichten zunehmend über Nachwuchssorgen und Unsicherheiten bei der Suche nach Unternehmensnachfolgern. Der scheidendene Kammerpräsident forderte Verantwortung von Firmenchefs und Politik und forderte mehr Anerkennung für beruflichen Bildung, beispielsweise durch eine Exzellenzinitiative vom Bund, wie es sie bereits für die Hochschulen gibt.

Um einen Anfang für Aachen zu machen, lobte Philipp erstmalig den Wettbewerb „Ausbildungsbetrieb 2019“ aus. Betriebe mit Auszubildenden, die herausragende Prüfungsergebnisse vorweisen können und sich sozial engagieren, können sich online bewerben. Die Gewinner erhalten 2500 Euro.

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