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Aachen/Heerlen: Post drückt beim Streetscooter aufs Tempo

Aachen/Heerlen : Post drückt beim Streetscooter aufs Tempo

Es ist ziemlich genau fünf Jahre her, da machte sich Jürgen Gerdes auf den Weg, die großen Automobilkonzerne des Landes nacheinander abzuklappern. Gerdes, Mitglied des Konzernvorstandes der Deutschen Post DHL Group, hatte da einen ziemlich ambitionierten Plan.

Er wollte Elektroautos für die Brief- und Paketzustellung des Konzerns entwickeln lassen. So klopfte er also an die Türen von Daimler, Volkswagen und Co. in der Hoffnung, seine vielversprechende Idee einer umweltfreundlichen Postflotte auf die Straße bringen zu können. Das Problem: Keiner der großen Automobilhersteller war sonderlich angetan von seinem Vorhaben. Gerdes blieben zwei Möglichkeiten: den Kopf in den Sand stecken oder an seiner Idee festhalten.

Der 1000. Streetscooter ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange: Der Logistikkonzern plant nun in Aachen eine Massenproduktion. Foto: Andreas Steindl

Dass Gerdes sich für letztere Option entschieden hat, wird an diesem sonnigen Dienstagmorgen im Innovationspark Avantis zwischen Aachen und Heerlen deutlich, wo die Post auf einem Testgelände weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ihre elektrobetriebenen Transporter testet. Im dunklen Anzug steht Gerdes dort in der prallen Sonne, schaut in den wolkenlosen Himmel und sagt: „Ein besseres Wetter für einen so großartigen Tag wie heute hätte es nicht geben können.“

Ab 2017 will die Post jährlich 10.000 Streetscooter in Aachen bauen, um ihre Zustellflotte in Deutschland durch Elektrofahrzeuge zu ersetzen. Foto: Oliver Berg/dpa

Dann grinst er, blickt stolz in die Kameras Dutzender Fotografen, ehe er schließlich das Objekt unter einer Plane hervorholt, weswegen Hunderte von Journalisten aus ganz Deutschland an diesem Tag an die deutsch-niederländische Grenze gereist sind: der 1000. batteriebetriebene Kleintransporter, Streetscooter genannt.

Die Deutsche Post: jetzt auch ein Autobauer — so oder so ähnlich könnte die Überschrift lauten einer Geschichte, die 2011 aus der Not heraus entstanden ist. Als Gerdes bei Deutschlands Autokonzernen auf taube Ohren stieß, wurde er in einem kleinen Start-up der RWTH Aachen fündig, das damals schon unter den beiden Firmengründern und Professoren Achim Kampker und Günther Schuh in Sachen Elektromobilität Maßstäbe zu setzen wusste.

Die ersten Gespräche wurden geführt, die ersten Prototypen entwickelt. Vor zwei Jahren dann übernahm die Post ernst und kaufte die Aachener Streetscooter GmbH. „Das war natürlich ein Glücksfall“, sagt Gerdes heute über die Aachener Entwickler. Und aus diesem Glücksfall soll jetzt eine Großoffensive der Deutschen Post hervorgehen: Denn ab dem kommenden Jahr will der Konzern 10 000 Streetscooter produzieren — jährlich versteht sich.

Rund 800 Fahrzeuge sind bereits in einzelnen Zustellbetrieben und in den Niederlanden im Einsatz, bis zum Ende des Jahres sollen es 2000 Streetscooter auf Deutschlands Straßen sein. Irgendwann einmal — sagt Gerdes — könnten tatsächlich bis zu 70.000 umweltfreundliche Transporter in deutschen Städten zum Einsatz kommen. Das Projekt ist ambitioniert, so viel steht fest. Erst recht, wenn man einmal hinter die Kulissen schaut, also dorthin, wo die elektrobetriebenen Fahrzeuge für den Großkonzern produziert werden.

10.000 Fahrzeuge jährlich, das hat wenig mit Serienproduktion zu tun, das ist Massenware. Und diese Massenware entsteht derzeit mitten in Aachen, genauer gesagt an der Jülicher Straße. Da, wo einst Schienenfahrzeuge der Firma Talbot produziert wurden, laufen die Streetscooter vom Band. In den kommenden Jahren dürften diese Bänder kaum noch zum Stehen kommen.

9,5 Millionen Euro Fördermittel

Das Großprojekt, das die Deutsche Post und die Experten in Aachen auf die Beine stellen, bleibt selbstverständlich auch auf höchster politischer Ebene nicht unbemerkt. Und so ist es auch kein Zufall, dass Bundesumweltministerin Barbara Hendricks am Dienstag ebenfalls im deutsch-niederländischen Gewerbegebiet vorbeischaut. „Was hier entsteht, ist von großer Bedeutung“, sagt Hendricks.

Die Bundesministerin darf an diesem Tag als erster Gast im Jubiläumsmodell Platz nehmen. Während sie die Fensterscheibe herunterkurbelt und aus dem Auto schaut, überrascht sie mit einer unerwarteten Bemerkung: „Einen Schönheitspreis gewinnt man mit so einem Modell nicht. Aber hier geht es ja auch nicht um Schönheit, sondern um einen großen Nutzen.“

Bis zum Jahr 2020 wird das Bundesumweltministerium die C02-freie Brief- und Paketzustellung der Post mit insgesamt 9,5 Millionen Euro fördern. Einzige Voraussetzung: Die Erkenntnisse der Entwickler sollen auch anderen Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. „Wenn wir über Elektromobilität sprechen, dann sprechen wir oft von Pkw, die privat genutzt werden“, sagt Hendricks. „Der Wirtschaftsverkehr gerät dann oft in den Hintergrund. Dabei ist es gerade der Wirtschaftsverkehr, der aufgrund zunehmender Logistik in Zukunft in den Städten größer wird. Von einer emissionsarmen Lösung sollen daher auch andere Unternehmen profitieren.“

Ob der Bonner Logistikkonzern den Streetscooter künftig auch für Dritte bauen wird, soll bis Anfang 2017 entschieden werden. Gerdes jedenfalls macht kein Geheimnis daraus, dass es bereits großes Interesse anderer gebe. Und er verrät: „Es würde mich persönlich wundern, wenn wir das nicht täten.“

Als die ersten Gäste Dienstagvormittag die Teststrecke der Post wieder allmählich verlassen, steigt Jürgen Gerdes noch einmal in einen der Elektroflitzer. Er zieht sein Sakko aus, setzt sich hinters Steuer und saust davon. In einem Kreisverkehr auf dem Gelände dreht er in flinkem Tempo eine Runde nach der anderen — so, als wolle er demonstrieren, dass es dem Streetscooter nicht an Leistungskraft fehlt. Acht, neun, zehn Runden dreht Gerdes geräuschlos, immer wieder beschleunigt er. Die Bremse zu betätigen, kommt ihm gar nicht erst in den Sinn — im Gegenteil: Gerdes und die Deutsche Post drehen jetzt erst so richtig auf.