1. Wirtschaft

Aachen: Philips: „Hohe Automatisierung sichert Standort”

Aachen : Philips: „Hohe Automatisierung sichert Standort”

Der Philips-Standort Aachen ist ins Gerede gekommen. Im Oktober 2002 wurde der Bereich „Spracherkennung” mit 160 Mitarbeitern an die US-Firma ScanSoft Inc. verkauft. Im Bildröhrenwerk standen zum Jahresende 2002 rund 190 Entlassungen an.

Auch in diesem Jahr soll der Stellenabbau fortgesetzt werden. Politiker und Gewerkschaften blicken mit Sorge zum Philips-Gelände im Aachener Stadtteil Rothe Erde. Sie fragen sich, ob der größte industrielle Arbeitgeber in Aachen bald völlig dicht macht.

Die Sorgen um den Standort kann Christoph Klaus verstehen. Er ist Geschäftsführer der LG. Philips Displays Germany GmbH und zuständig für das Bildröhrenwerk.

In einem Gespräch mit der AZ macht er deutlich, dass es zu den verstärkten Automatisierungsanstrengungen keine Alternative geben kann, wenn man den Standort Aachen sichern will.

Dabei geht er auch auf das von der IG Metall zitierte Positionspapier ein, wonach von den sieben Bildröhrenwerken des Konzerns in Europa nur das moderne Werk im tschechischen Hranice übrig bleiben soll.

Klaus betont, dass diese Konzentrationsbestrebungen auf den Standort im Niedrigpreisland Tschechien nur die Werke betreffen, die nicht mehr profitabel arbeiten.

„Aachen ist aber ein profitabler Standort. Wir schreiben hier deutlich schwarze Zahlen”. Die Umsatzrendite liege je nach Produkt zwischen fünf und zehn Prozent. Dennoch sei auch in diesem Jahr mit einem weiteren Personalabbau in der Größenordnung von 50 bis 100 Stellen zu rechnen.

Zum 31. Dezember 2002 standen 1060 Beschäftigte auf der Lohnliste. Ein Jahr zuvor waren es noch 1280. Die Bildröhrenfabrik hat im kontinuierlichen Dreischicht-Betrieb einen Tagesausstoß von rund 6000 Röhren in verschiedenen Größen.

Im vergangene Jahr konnte die Produktion gegenüber 2001 um 200 000 auf 1,9 Millionen Bildröhren gesteigert werden.

Klaus sieht seine Manager-Aufgabe nicht darin, den Standort zu schließen, sondern ihn weiter nach vorn zu bringen. In dieser Hinsicht bestehe eine gemeinsame Interessenlage mit der Gewerkschaft.

Auch vor dem Hintergrund des globalen Wettbewerbs stünden die Chancen für Aachen dabei nicht einmal so schlecht. Er nennt einige Kriterien, die bei LG.Philips Displays generell für Standortentscheidungen ausschlaggebend sind.

Zu den negativen Faktoren zählt er das deutsche Lohnkostenniveau und die steuerlichen Belastungen. Bei der Flexibilität der Produktion stünden inzwischen die deutschen Standorte den Fabrikationen in anderen Ländern nicht mehr nach.

Politische Stabilität und ein gutes Verhältnis der Tarifpartner seien weitere Pluspunkte für eine Fertigung in Deutschland ebenso wie eine gute Infrastruktur und ein entsprechende Fachkräftepotenzial.

Letztlich komme es im knallharten internationalen Wettbewerb aber auf die Fertigungskosten an. „Wichtigste Voraussetzung für die Produktion in einem Hochlohnland ist dabei der Grad der Automatisierung”, so Klaus.

Um die Kosten zu senken, wird LG.Philips Displays im Zeitraum von 2001 bis Ende des laufenden Jahres 50 Millionen Euro in Aachen investieren. So sorgen rund 100 „Knickarm”-Roboter für eine störungsfreie Produktion.

Weitere Automatisierungsschritte im Wert von knapp sieben Millionen Euro sind zum Jahresbeginn für die Produktionsaufnahme der 36-Zoll-Röhren erforderlich.

Mehr als ein einfacher Produktionsstandort

Innerhalb von LG.Philips Displays setzt sich das Aachener Werk durch den Status als „Kompetenzzentrum” von den einfachen Produktionsstandorten ab. „Wir backen hier nicht einfach Brötchen, sondern wickeln komplizierte vor- und nachgelagerte Prozesse ab”, erläutert Klaus.

Dazu gehört auch eine eigene Maschinenbauabteilung, in der die Fertigungs-Aggregate konstruiert werden. Auch die Bereiche Marketing, Vertrieb und Kundenbetreuung sind in Aachen angesiedelt.

„Wichtig wird es in Zukunft sein, die gesamte Wertschöpfungskette einschließlich Service und Logistik in Aachen zu behalten.”

Gegen den permanenten Preisverfall bei den TV-Geräten ist das Unternehmen allerdings machtlos. Klaus beziffert ihn auf zehn bis 20 Prozent pro Jahr. Deshalb wird LG.Philips Displays verstärkt:

Neue und hochpreisige Produkte in Aachen auf die industrielle Fertigungsreife vorbereiten.

Sie zwei bis drei Jahre am Standort produzieren, um die Profite abzuschöpfen.

Die Produktion anschließend nach Tschechien abgeben, wo kostengünstiger produziert wird.

„Wir werden nie auf das tschechische Kostenniveau kommen. Deshalb brauchen wir hier verstärkt Innovationen und höhere Produktivität.”

Klaus wehrt sich gegen die Behauptung, Bildröhren seien Produkte auf einem sterbenden Markt. Das Potenzial vor allem bei den Größen 28 und 36 Zoll im Format 16 : 9 sei noch nicht komplett ausgereizt.

Optimistisch versichert er: „Wir befinden uns noch in einer Wachstumsphase und müssen uns erst mittelfristig nach Ersatzprodukten umsehen.”

Der niederländische Philips-Konzern hat im Juli 2001 seine Bildröhren-Aktivitäten mit dem koreanischen Branchenriesen LG in ein Gemeinschaftsprojekt (joint venture) eingebracht.

Unternehmenssitz der LG.Philips Displays ist Hongkong. An der gemeinsamen Firma sind beide Konzerne paritätisch beteiligt. Beide ergänzen sich in ihrem Sortiment: Philips ist Weltmarktführer bei Bildröhren und LG ist Nummer eins bei Monitoren.

Die Zusammenarbeit erstreckt sich auch auf die Bereiche Forschung und Entwicklung, den Einkauf und das weltweite Vertriebsnetz. LG.Philips Displays beschäftigt weltweit rund 35 000 Mitarbeiter und erzielte 2001 einen Umsatz von vier Milliarden Euro.