Düsseldorf: Philipp Schindler, der Mr. Google aus Düsseldorf

Düsseldorf: Philipp Schindler, der Mr. Google aus Düsseldorf

Wer Philipp Schindler googelt, wird enttäuscht. Die Suchmaschine weiß wenig. Ein Profil im Berufsnetzwerk LinkedIn, ein altes Interview und eine Meldung über die Gründung eines Investmentfonds. Als Suchergänzung schlägt Google „Ehefrau“ und „Gehalt“ vor. Doch dazu später mehr.

Philipp Schindler ist der ranghöchste Deutsche beim IT-Weltkonzern und einer der einflussreichsten Manager im Silicon Valley. Und er ist einer der Stillen. Knapp 15 Monate dauerte es, bis ein Treffen mit dem 46-Jährigen zustande kommt. Am Düsseldorfer Flughafen, Privatjet-Terminal. Er kommt ohne Entourage, ohne Sprecher. Gleich geht es weiter nach London. 1,94 Meter ist er groß, dunkler Lockenkopf, blaue Augen. Typ Surfer. „Unser Unternehmen ist exponiert genug, ich dränge nicht selbst in die Öffentlichkeit“, erklärt er die wenig aussagekräftigen Google-Treffer zu seiner Person.

90 Prozent Marktanteil

Exponiert, ja, das passt wohl zu Schindlers Arbeitgeber. Google, der Gigant: 1995 in einer Garage in Menlo Park gegründet, erwirtschaftet der Mutterkonzern Alphabet heute mit 7\.000 Mitarbeitern weltweit einen Umsatz von 75 Milliarden Euro (2016). Gewinn: 24 Milliarden. Dieses Jahr soll es noch besser laufen. Der Tech-Konzern ist an der Börse knapp 580 Milliarden Euro wert, dafür könnte man die zehn größten Dax-Firmen kaufen. Google ist die meistbesuchte Internetseite der Welt. Wer im Netz sucht, „googelt“. Der Marktanteil liegt bei 90 Prozent, das hauseigene Betriebssystem Android läuft auf neun von zehn verkauften Smartphones. Dazu Cloud-Dienste, Software, Spiele. Und seit 2006 die Videoplattform Youtube, die pro Minute 600 Stunden bewegte Bilder hochlädt. Immer, wenn es klickt, verdient Google mit.

Persönliche Daten sind der Treibstoff für das Wachstum. Das Geschäftsmodell ist personalisierte Werbung, die immer treffsicherer wird, je mehr Google über seine Nutzer weiß. „Google hat erst die Suche revolutioniert und dann das dazugehörige Geschäftsmodell gefunden, in dem es seinen Kunden individuelle und sozial perfekt verknüpfte Echtzeitmarktforschungsdaten anbietet“, sagt der Kölner Digital-Experte Klemens Skibicki. Drei Viertel des Umsatzes kommen aus der Werbung bei Suchanfragen oder Videos. Wer „Staubsauger“ in den Suchschlitz eingibt, stößt bei den ersten zehn Treffern (und viel weiter kommen Nutzer meist nicht) auf Dyson, Saturn und Media Markt.

Gehalt inklusive Boni: 80 Millionen

Werbemilliarden — dafür ist Business-Chef Philipp Schindler zuständig. 14\.000 Mitarbeiter in 80 Nationen berichten an ihn. Schindlers Teams helfen Millionen kleinen und mittleren Unternehmen, ihr Geschäft zu digitalisieren, ihre Online-Werbung zu optimieren. „Je erfolgreicher unsere Geschäftspartner in der digitalen Welt wachsen, desto besser für uns.“ Insider schätzen Schindlers Gehalt inklusive Boni auf 80 Millionen Euro. Er selbst sagt dazu nichts. Zum Vergleich: Dax-Topverdiener wie SAP-Chef Bill McDermott und Daimler-CEO Dieter Zetsche kommen auf 10 bis 15 Millionen.

Schindlers Karriere beginnt nicht in einer Garage, sondern im Kinderzimmer seines Gerresheimer Elternhauses. Der junge Philip bastelt an seinem Commodore 64, programmiert Zeile um Zeile, während andere draußen Fußball spielen. „Ich war besessen“, erinnert er sich. Nach der Schule studiert er Betriebswirtschaft an der European Business School in Oestrich-Winkel. Als 26-Jähriger kommt er in das Nachwuchsprogramm bei Bertelsmann und wechselt später zu AOL, wo er zum Marketing-Chef aufsteigt.

Schindler wirbt mit Boris Becker für das Internet („Bin ich schon drin?“) und flaggt das Hamburger Fußballstadion in AOL-Arena um. 2005 wirbt ihn Google ab und macht ihn zum Deutschland-Chef. 2015 gelingt ihm mit der Neustrukturierung von Alphabet/Google der Sprung in das Top-Management, als Chief Business Officer. Der Mann fürs Geschäft.

In der Branche gilt der Hobby-Surfer und begeisterte Skifahrer als Prozessfreak, als „Logikmensch“. Detailverliebt und diplomatisch. Mit kindlicher Neugier erzählt der 46-Jährige im Gespräch von Algorithmen, die Videos auf Urheberrechtsverletzungen scannen, aber auch Röntgenbilder analysieren könnten. Schindler lacht, gestikuliert. Er holt sein Smartphone aus der Jeanstasche und demonstriert, wie die (Google) Fotosoftware per Sprachbefehl aus Hunderten Bildern blitzschnell die Motive mit seinem Sohn auf das Display zaubert. „Toll, oder?“

Überzeugung durch Begeisterung

Im Gegensatz zu seinem Förderer und Vorgänger Nikesh Arora, der mit Radikalität und flotten Sprüchen Google in Europa nach vorne trieb und sich mit allem anlegte, was sich in den Weg stellte, versucht es Schindler mit sanfter Stimme und dem Motto: Überzeugung durch Begeisterung. „Er hat den 360 Grad Blick für Kunden, Konsumenten, Partner und Strategie“, lobt ihn John Doerr, Google-Aufsichtsrat. „Man sagt mir nach, dass ich ein Faible für Präzision und Prozesse habe, also, dass die Dinge funktionieren“, sagt Schindler. Seine Erfahrungen als Programmierer und seine Liebe zur Technik verschaffen ihm Respekt bei den Software-Ingenieuren. Ein wichtiges Pfund in der internen Google-Hierarchie.

In Europa spielt der Deutsche zusätzlich die Rolle des Erklärers und Lobbyisten. Zu viel Porzellan wurde zerbrochen. 2010 hatten Googles Streetview-Fahrzeuge unbeabsichtigt 600 Gigabyte Daten aus öffentlichen W-Lan-Netzen gezogen, der Konzern entschuldigte sich und löschte die Daten. Prominente klagten erfolgreich gegen Google, weil durch bestimmte Suchkombinationen Unwahrheiten verbreitet wurden (Max Mosley, Bettina Wulff). Und immer wieder die Kritik an der Marktmacht.

Ex-Justizministerin Brigitte Zypries warf dem Konzern aus Mountain View „rechtswidriges Verhalten“ vor, die EU-Kommission brummte Google dieses Jahr eine 2,4 Milliarden-Euro-Strafe auf, weil der Konzern seinen eigenen Shoppingdienst in der Suchleiste bevorzugt. Zeitungen und Zeitschriften gehen gegen den Konzern vor, weil er Inhalte nicht adäquat vergütet.

Freund oder Feind? Kaum einer in der Wirtschaft kann sein Geschäft mehr ohne Google voranbringen. Aber die Abhängigkeit besorgt viele. Für Datenschützer ist der Konzern ein rotes Tuch. Google lebt von intimen Daten seiner Nutzer. Je mehr desto besser. Nur so kann der Konzern den werbetreibenden Kunden den perfekten Zugang zur Zielgruppe versprechen. Deshalb sind Google-Programme zunächst kostenlos wie Maps, Mail oder Android, wichtiger sind die persönlichen Daten.

Schindler kennt diese Kritik. Er selbst würde den umstrittenen Satz des früheren Google-Chefs Eric Schmidt — „wenn es irgendetwas gibt, was man nicht über Sie wissen sollte, dann sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun“ — auch nie sagen. Er argumentiert aus der Logik des Geschäfts. „Unser Geschäftsmodell basiert auf der Glaubwürdigkeit, dass wir Nutzer-Daten bestmöglich schützen und verantwortungsvoll mit ihnen umgehen. Das Vertrauen der Nutzer ist das wichtigste Gut. Warum sollten wir das gefährden?“

Immer wieder betont Schindler in dem zweistündigen Gespräch, das man doch gar kein Interesse habe, Schindluder mit den Daten zu betreiben. Google-Mitarbeiter dürften nur auf Datensätze zugreifen, wenn sie dazu vom Kunden autorisiert wurden. Er erzählt von der Transparenz-Übersicht „Mein Konto “, mit der Google den Nutzern offenlegte, was das Unternehmen über sie weiß. Diese Übersicht sei in Deutschland entwickelt worden und nun weltweit im Einsatz, so Schindler.

Datenschutz als Mentalitätsfrage

Datenschutz ist für den Mann, der seit 2012 in den USA lebt, auch eine Mentalitätsfrage. US-Amerikaner würden ihre Daten lieber einem Unternehmen anvertrauen als dem ungeliebten Staat, in Deutschland ist es umgekehrt. Aber auch in Europa wächst die Datenmenge exponentiell. Bequemlichkeit siegt über Bedenken. Viele Deutsche, die vor Jahren ihr Haus nicht von Google für seinen Kartendienst fotografieren lassen wollten, bitten Google heute darum, um die Immobilie zu vermieten oder sie Freunden zeigen zu können, erzählt Schindler.

Die größere Herausforderung ist für den Manager ohnehin der Wettlauf um neue Geschäftsmodelle (zumal Facebook bei der Online-Werbung massiv aufholt). Die Vernetzung aller Lebensbereiche mit digitalen Assistenten, die per Sprache gesteuert werden, beispielsweise. In diesem Rennen ist Google nur einer von vielen. Amazon ist mit dem Assistenten Alexa vorgeprescht, auch Apple investiert Millionen in Spracherkennung. Und in China sind die schlauen Computerprogramme Staatsdoktrin. Bis 2030 will das Land bei der künstlichen Intelligenz führend sein.

„Durch die immer besser funktionierende Spracheingabe und die dahinter liegenden vernetzten Daten wird die praktische Hilfe im Alltag dramatisch einfacher. Wir werden künftig viel natürlicher mit Computern kommunizieren“, sagt Schindler. Intelligente Maschinen seien auch für die deutsche Industrie eine große Chance. „Ich bin sicher, dass künstliche Intelligenz die Wirtschaft mindestens so voranbringen wird wie die Automatisierung der Industrie im 20\. Jahrhundert. Warum sollen nicht deutsche Unternehmen mitmischen?“

Heimat? Dort, wo die Familie ist!

Schindler selbst wird die deutschen Bemühungen weiter aus dem fernen Kalifornien beobachten, eine Rückkehr steht nicht an. Er genieße jeden Besuch in Düsseldorf, sagt er. Die Kinder seien neulich erst mit der Mutter und den Großeltern im Aquazoo und im Tierpark im Grafenberger Wald gewesen. Wunderbar! Aber: „Heimat ist dort, wo wir als Familie zusammenkommen.“ Und das ist Kalifornien.

Immerhin wird im Hause Schindler deutsch gesprochen. Der viel beschäftigte Vater nutzt jede freie Minute, um seine aus Bremen stammende Frau und die drei Kinder zu sehen. Familienzeit wird straff organisiert. Vor 8\.30 Uhr morgens nimmt Philipp Schindler nur selten Termine an, er bringt die Kinder in die Schule. Geschäftsreisen über das Wochenende lässt er nur zu, wenn es nicht anders geht. Dafür nimmt er auch den Kräftezerrenden Nachtflug aus Asien in Kauf. Und selbst die digitale Welt wird bei den Schindlers streng reglementiert. Die Kinder, das älteste ist zehn Jahre alt, dürfen unter der Woche nicht am Tablet oder auf dem Smartphone spielen.

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