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Philipp: Ausbildungsplatzabgabe ist faktisch überholt

Philipp: Ausbildungsplatzabgabe ist faktisch überholt

Aachen.Tiefgreifende strukturelle Reformen sind nach Ansicht des Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Dieter Philipp, Voraussetzung für schnelleres und stärkeres Wachstum.

Mit Philipp, der auch Präsident der Handwerkskammer Aachen ist, sprachen die Redakteure Ulrich Kölsch und Gerard Peters.

Die nicht gerade als linkslastig geltende „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” hat Sie wegen der Verteidigung des Meisterbriefes zu den fünf größten Blockierern gezählt. Trifft das zu?

Philipp: Nein, die Redakteure des als renommiert geltenden Blattes sollten bei solchen Behauptungen ein bisschen gründlicher recherchieren. Wenn sie unser schlüssiges Konzept zur Reform der Handwerksordnung rein sachlich bewerten würden, kämen sie zu einem anderen Ergebnis.

Glauben sie, dass die Ausbildungsplatzabgabe tatsächlich kommt ?

Philipp: Ich glaube nicht, dass eine Abgabe jetzt beschlossen wird. Vielmehr gehe ich davon aus, dass Anfang nächsten Jahres der Versuch gemacht wird, ein Gesetz durchzubringen. Die Macht des Faktischen spricht aber dafür, die Abgabe nicht zu erheben. Wir sind in diesem Jahr wieder sehr erfolgreich in der Nachakquisition von Lehrstellen. Und wer sich die demographische Entwicklung ansieht, weiß, dass in wenigen Jahren die Zahl der Jugendlichen stark zurückgehen wird. Mit dem Thema Ausbildungsplatzabgabe wird im nächsten Jahr möglicherweise noch in der politischen Diskussion gearbeitet - faktisch aber wird sie durch die Zeitläufte überholt.

Lehrstellen und Wirtschaftslage gehören eng zusammen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung im nächsten Jahr?

Philipp: Das Handwerk bildet immer noch weit über seinen Bedarf hinaus aus. Gleichzeitig ist der Rückgang der Ausbildungszahlen deutlich schwächer als die wirtschaftliche Talfahrt. Wenn die Prognose der Institute über ein Wirtschaftswachstum in der Größenordnung von 1,6 oder 1,7 Prozent aufgeht, wird das für das Handwerk bedeuten, dass sich die Negativentwicklung nicht mehr fortsetzt. Nicht mehr tiefer ins Tal zu rutschen, ist dann schon ein positives Ergebnis. Aber dann sind wir noch längst nicht in den Pluszahlen. Deshalb müssen wir alle Wirtschaftskräfte so mobilisieren, dass in Deutschland wieder eine Wachstum von 2,5 bis drei Prozent erreicht wird. Das ist die Zahl, ab der Unternehmen, die in Deutschland vorwiegend regional agieren, davon profitieren und auch wieder neues Personal einstellen.

In der Vergangenheit wurde immer die Ausbildungsleistung des Handwerks unwidersprochen anerkannt. Wie erklären Sie es sich, dass die Bundesregierung in der Bildungspolitik einen derartigen Gegenkurs zum Handwerk eingeschlagen hat?

Philipp: Wir werden mit der Bundesregierung nach der Novellierung der Handwerksordnung noch einmal reden. Auch für uns ist es nicht begreifbar, wie man diesen Schwenk vollziehen konnte. Wenn die Politik erklärt, das Wissen und Können die Basis für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist, ist es widersinnig, eine Struktur abzubauen, die in Europa als âbest practiceÔ hinsichtlicher beruflicher Qualifizierung im gewerblich-technischen Bereich anerkannt wird.

Die Banken verschärfen ihre Kreditvergabepraxis bei kleinen und mittleren Firmen. Ist Basel II daran schuld, dass auch 2004 mit einer hohen Pleitewelle zu rechnen ist?

Philipp: Basel II ist dabei nur indirekt im Spiel. Wir haben in Deutschland im Handwerk und im gesamten Mittelstand eine bewusst in Kauf genommene Eigenkapitalschwäche, weil unser aktuelles Steuersystem den Unternehmern suggeriert, es sei besser das Geld aus dem Betrieb zu nehmen und privat anzulegen. Aber ein Kreditinstitut sollte immer die Gesamtsituation eines Betriebsinhabers einschließlich seiner privaten Möglichkeiten sehen. Vor diesem Hintergrund ist festzuhalten, dass das Handwerk wegen der hohen unternehmerischen Qualifikation der Meister die Wirtschaftsgruppe mit der niedrigsten Insolvenzquote überhaupt ist. Dennoch gibt natürlich wegen der lang anhaltenden Konjunkturschwäche eine große Zahl von Handwerksbetrieben auf, um eine weitere finanzielle Auszehrung zu vermeiden. Basel II hat die auch früher schon praktizierte Begutachtung des Kreditnehmers durch das Rating formalisiert. Dennoch ist das neue Regelwerk nicht die Ursache für die heutigen Schwierigkeiten.

Das hört sich bei manchen Meistern oft anders an...

Philipp: Ja, wir hatten mit Basel II eine Zeitlang ein Problem. Aber inzwischen hat man in Abstimmung mit den Mittelstandsorganisationen gerade für die kleinen und mittleren Unternehmen Lösungen gefunden, mit denen wir leben können. Viel größere Schwierigkeiten ergeben sich durch die Marktlage. Früher hatten wir im Handwerk Auftragsbestände zwischen drei und sechs Monaten - heute liegen sie zwischen drei und vier Wochen. Früher zahlten Privatkunden innerhalb von zehn Tagen, Behörden und Architekten binnen vier bis sechs Wochen. Heute sind daraus vier bis sechs Monate geworden. Wenn aber ein Betrieb heute einen solch knappen Auftragsbestand hat und geleistetes Arbeitsvolumen, für das er noch kein Geld bekommen hat, vorfinanzieren muss, dann gerät er über kurz oder lang in Bedrängnis. Zu geringer Auftragsbestand, zu lange Zahlungszeiträume - darin liegt das Problem des Mittelstandes. „Chancen in Belgien und Holland”

Im industriellen Bereich erweist sich der Export als Motor der Konjunktur. Hat nicht das Handwerk der Region in diesem Bereich einen starken Nachholbedarf?

Philipp: Im Verhältnis zum Bundesdurchschnitt schneidet die Region Aachen beim Export gut ab. Die Marktchancen, die in Belgien und in den Niederlanden liegen, sind noch nicht im vollen Umfang ausgeschöpft. Da setze ich verstärkt auf unsere jungen Unternehmer, die sich leichter tun, die Sprachbarrieren zu überwinden und administrative Hürden zu überspringen.

Gibt es grenzüberschreitende Aktivitäten der Handwerkskammer Aachen?

Philipp: Wir haben im Haus eine starke Beratertruppe, die Betriebe bei ihrem Gang ins Ausland berät und begleitet. Daneben kooperieren wir mit belgischen und niederländischen Mittelstandsorganisationen mit dem Ziel, die Chancen des EU-Binnenmarktes voll auszuschöpfen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass in den Niederlanden die abzurechnende Stunde ein Viertel billiger ist als in Deutschland. An diesem Punkt sind wir wieder bei den Rahmenbedingungen, die bei uns geändert werden müssen.

Wie stark wird der Rückzug des Elektrokonzerns Philips aus Aachen die Handwerksbetriebe in der Region treffen?

Philipp: Für unseren Wirtschaftszweig ist es ein Schlag in doppelter Hinsicht. Die rund 1000 direkt Betroffenen werden künftig bei ihrer Auftragsvergaben ins Handwerk sehr zurückhaltend sein. Auf der anderen Seite fehlt dem Handwerk ein wichtiger Nachfrager - das große Industrieunternehmen Philips. Dies lässt sich nicht innerhalb weniger Monate ausgleichen. Ich hoffe, dass sich nicht allzu viele Firmen allein auf den Kunden Philips verlassen haben.