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Schuldneratlas: Nur die Ruhe vor dem Sturm?

Schuldneratlas : Nur die Ruhe vor dem Sturm?

Die Zahl der überschuldeten Verbraucher ist im laufenden Jahr leicht gesunken – sowohl in Deutschland als auch der Region. Doch die Corona-Krise wirft bereits erste Schatten.

Auf den ersten Blick ist die Entwicklung positiv. Sowohl im Bundesgebiet als auch in unserer Region ist die Zahl der Verbraucher, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, im laufenden Jahr zurückgegangen. Trotzdem warnen Experten: Es könnte die Ruhe vor dem Sturm sein. Zudem weisen sie auf ein Problem hin, das unter der Oberfläche deutlich wächst: Die Altersarmut.

Zunächst die nüchternen Zahlen: Der vom Aachener Sozialwissenschaftler Rainer Bovelet auch in diesem Jahr für die Wirtschaftsauskunftei Creditreform erstellte Schuldneratlas weist zum Stichtag 1. Oktober deutschlandweit 6,85 Millionen Privatleute aus, die überschuldet sind. Das sind rund 69.000 Personen weniger als im vergangenen Jahr. Die Überschuldungsquote sank damit zwar leicht auf 9,87 Prozent. Doch nach wie vor steckt fast jeder zehnte Erwachsene in tiefen Zahlungsschwierigkeiten.

Schlechter noch sieht es in der Region aus. Zwar ist auch hier in den meisten Kommunen die Zahl der Überschuldeten leicht rückläufig. Doch sowohl die Städteregion Aachen (Überschuldungsquote 11,17 Prozent), als auch die Kreise Düren (11,85 Prozent) und Heinsberg (11,62 Prozent) liegen mit ihren Werten über dem Bundesdurchschnitt. Den Negativrekord hält die Stadt Düren mit 16,47 Prozent, gefolgt von Übach-Palenberg (14,83 Prozent) und Alsdorf (14,75 Prozent). Während sich in diesen drei Städten die Lage zuletzt leicht entspannt hat, ist das Problem in Eschweiler (14,49 Prozent) und Stolberg (14,34 Prozent) während der vergangenen Monate weiter gewachsen.

Frische Daten aus dem Oktober

Doch wahrscheinlich sind diese Zahlen bald schon überholt. Bovelet rechnet jedenfalls damit, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung auch zu einem deutlichen Anstieg der Überschuldungsfälle führen werden. „Die staatlichen Hilfsmaßnahmen haben zwar die schlimmsten sozialen Auswirkungen abgemildert“, sagt der Sozialwissenschaftler. „Doch viele Menschen haben einfach weniger Geld in der Tasche.“

Bovelet verweist darauf, dass seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie zwischenzeitlich etwa 700.000 Menschen den Arbeitsplatz verloren haben, dass bis zu 7,3 Millionen Arbeitnehmer wegen Kurzarbeit Einkommenseinbußen verzeichnen mussten und dass rund zwei Millionen Freiberufler und Soloselbständige um ihre Existenz bangen. Er ist sich sicher: „Der neue Teil-Lockdown wird diese Problematik weiter verschärfen.“ Angesichts ganz frischer Daten aus Umfragen, die im Oktober erhoben wurden, müsse davon ausgegangen werden, dass inzwischen bereits rund 7,3 Millionen Menschen von einer Überschuldung betroffen seien, also etwa 400.000 Personen mehr, als der neue Schuldneratlas ausweise.

Diese Oktober-Erhebungen haben weitere interessante Details zu Tage gefördert. So ist derzeit in mehr als jedem zweiten Haushalt (rund 23,2 Millionen) die Rede davon, sparen zu müssen oder sparen zu wollen. In etwa einem Viertel der Haushalte (10,4 Millionen) geht die Furcht vor Zahlungsschwierigkeiten um. Als Konsequenz daraus wollen viele weniger Geld ausgeben – vor allem für den Urlaub, aber auch für die private Altersvorsorge.

Wachsendes Problem Altersarmut

Damit dürfte ein Problem an Dynamik gewinnen, dass sich seit Jahren aufbaut. Überschuldung ist zunehmend ein Problem von älteren Menschen, von Rentnern. Während im vergangenen Jahr in der Altersklasse bis 50 Jahren die Zahl der Überschuldungsfälle um 315.000 gesunken ist, stieg sie bei den älteren Semestern um 246.000, allein bei den Senioren ab 70 Jahren um 23 Prozent. „Gerade für diese Menschen ist Situation besonders schlimm“, sagt Bovelet. „Denn mit Eintritt ins Rentenalter sinkt die Aussicht rapide, jemals von den Schulden herunterzukommen.“

Die Gründe für diese prekäre Lage sind vielfältig. Einerseits machen sich laut Bovelet die Rentenreformen der vergangenen Jahrzehnte bemerkbar, die fast durchweg auf die Kürzung des Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rente abgezielt hätten. Zudem wirkten sich die wachsende Zahl unsteter Erwerbsbiografien und der große Niedriglohnsektor aus. Und schließlich spiele auch der zum Teil drastische Anstieg der Mieten eine Rolle. 

Blick in die USA

Bovelet warnt deshalb vor einem Abbau sozialer Sicherungssysteme. Wie wichtig sie seien, zeige ein Blick in die USA oder nach Großbritannien. Dort, wo der Staat wirtschaftlich Bedrängten weit weniger helfe als in Deutschland, ist inzwischen rund jeder fünfte Erwachsene überschuldet.