Aachen: Nur das Studium blieb auf der Strecke

Aachen: Nur das Studium blieb auf der Strecke

Anschnallen, bitte! Dieses Auto fährt fast 400 Stundenkilometer. Uwe Niermann hat den Porsche 962, gebaut für das 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1989, nicht ganz so schnell und vor allem mit viel Respekt bewegt. Aber nicht mit weniger Begeisterung. Kein Wunder, der 42-Jährige hat mit seinem Betrieb, der Scuderia M66 (Automobilzentrum Aachen), den Sportwagen wieder in Form gebracht. Eigentlich sollte Uwe Niermann Häuser bauen.

Denn er hat nach einer Bauzeichnerlehre an der FH Aachen Architektur studiert. Doch Niermann baut keine Häuser, vielmehr baut er in einer dieser prächtigen Hallen am ausgedienten Schlachthof in Aachen ältere Autos — vor allem Porsche — wieder auf.

Etwa den Ford GT von 1968, den roten Porsche 935, den James-Dean-Porsche und jenen GT auf der Hebebühne, der am Wochenende auf dem Nürburgring gewann. An allen haben Niermann und seine Mitarbeiter Hand angelegt. Bevor Profis wie Frank Stippler oder André Lotterer dann das Gaspedal nach unten drücken, dreht der Chef ein paar Runden. Der Mann ist weltweit gefragter Experte für Youngtimer (und Oldtimer), insbesondere, wenn sie auf die Rennstrecke sollen. Und das ist seine Geschichte:

Der erste Käfer

Im Grunde fiel der Startschuss auf dem Hof einer Aachener Berufsschule. Der Düsseldorfer Niermann fuhr mit seinem ersten Auto, einem Käfer Baujahr 1965, den er aufwendig restauriert hatte, vor. Und neben ihm parkte Rolf Pütz — ebenfalls in einem solchen Käfer. Das Auto brachte sie ins Gespräch, das Thema ließ sie nicht mehr los. Niermann war 19, als er mit Pütz und Max Blees einen Porsche kaufte, um ihn zu restaurieren. Die Bauzeichnerlehre hatte er gemeistert und studierte nun eben Architektur. Neben dem Studium schraubte er an dem Porsche. „Es war einfach meine Freizeitgestaltung, wobei ich mir alles autodidaktisch beigebracht hatte“, erzählt er.

Architektur hatte ihn zwar frühzeitig begeistert. Niermanns Vater war in der Hochbauabteilung der Telekom. Der Sohn begleitete ihn auf Baustellen, machte mit 16 ein Praktikum bei Eller Maier Walter Architekten — Erasmus Eller ist der, der den NRW-Landtags entwarf. Doch Niermann musste während des Studiums feststellen, dass es ihm nicht leicht fiel, solch spannende Entwürfe zu Papier bringen. „Ich hatte kein Freihandtalent“, sagt er. „Ich hätte vielleicht mal Reihenhäuser entwerfen können.“

Er wusste nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Dann wurde der Porsche fertig. Was für ein großartiger Augenblick! Und ein kapitaler Motorschaden warf ihn direkt wieder aus der Bahn. Den konnte er nicht eigenhändig beheben. Er bekam aber eine Stelle als Aushilfe in einer freien Porsche-Werkstatt und arbeitete die Reparatur des Motors ab.

Mehr und mehr drängten die Autos die Häuser aus seinem Leben. Er setzte sein Studium aus — so war zumindest der Plan — und begann eine Kfz-Ausbildung. Und dann das: Drei Monate vor der Gesellenprüfung ging der Betrieb pleite, der Chef verschwand auf Nimmerwiedersehen, zerlegte Autos standen in der Werkstatt, die Kunden warteten auf sie. Und Niermann? Dem redeten Freunde zu, sich doch selbstständig zu machen. Es war einer dieser Jetzt-oder-nie-Momente. Niermann sagte „Jetzt“ und stellte einen Meister ein. „Bis dahin hatte ich geplant, nach der Lehre wieder mein Architekturstudium fortzuführen“, sagt er. Dazu kam es dann eben nicht mehr.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass junge Menschen ihr Studium nicht beenden und plötzlich in einem ganz anderen Metier unterwegs sind. Es gibt Ingenieure, die Cafés eröffnen, Geologen, die Hotels eröffnen. Eigentlich gibt es alles. Als verlorene Zeit will Niermann, der Architekturstudent, der Autorestaurator wurde, seine Zeit an der FH aber ganz bestimmt nicht sehen. Im Gegenteil: „Wenn ich zurückblicke, weiß ich, dass ich durch Mathe-Leistungskurs, Latinum und vor allem das Studium die mentale Reife hatte, mir Themen selbst zu erarbeiten.“

Ohne Hebebühne

Dabei war es ein mühevoller Start in die Selbstständigkeit. Das erste Geschäftsjahr musste Niermann ohne Hebebühne auskommen. Er bockte seine Autos auf und legte sich darunter. „Ich weiß, wie es ist, wenn bei minus zehn Grad die Hände am Katalysator kleben bleiben“, erzählt er. Dann durfte er ein Auto für ein 1000-Kilometer-Rennen vorbereiten. Am Steuer saß Harald Demuth und der raste auf das Podium. Das machte die Rennsportszene aufmerksam auf diesen jungen Typen aus Aachen. Jeder Erfolg sorgte für neue Anfragen.

Von 1998 bis 2006 lief alles seinen guten Gang, Niermann hatte eine Handvoll Mitarbeiter, auf 350 Quadratmetern standen immer ein, zwei Rennautos. Dann stieg Rallye-Pilot Hans-Walter Schewe in den Betrieb ein, und es ging ganz schnell. Über den Umweg einer 800-Quadratmeter-Halle auf der Hüls zog das Unternehmen (längst auch offiziell Porsche-Werkstatt) auf den Schlachthof, beschäftigt dort mittlerweile 25 Mitarbeiter und wird vor Ort erweitern.

Der Umsatz ist im letzten Jahr um 100 Prozent gewachsen, bewegt sich im zweistelligen Millionenbereich. Die Kunden kommen aus aller Welt — zu ihnen zählen die Rennsportbegeisterten Belgier D‘Ieteren, deren Firma weltweit 26.000 Mitarbeiter hat. Zuletzt wurden mehr Anfragen aus Florida als aus der Region gezählt. In Deutschland gibt es keinen, der in diesen Dimensionen unterwegs ist wie Uwe Niermann. „Wir sind Visionäre“, sagt Niermann. Wenn er nach den Rennen die Motoren auseinander nimmt, dann werden Bauteile auch mal in RWTH-Laboren gecheckt.

Gleichzeitig sind sie aber auch Realisten. „Wir haben viel Glück. Wir haben die erfolgreichste Saison, die wir je hatten, unsere Kunden sind immer aufs Podium gefahren“, erklärt Niermann. Nicht nur Nicolas D‘Ieteren eilte von Sieg zu Sieg. „Aber wir fühlen uns deswegen nicht wie Weltmeister. An einem 30 Jahre alten Motor kann schnell was kaputt gehen. Glück und Pech liegen nah beeinander“, sagt er. Aber wie heißt es doch: Glück kann man sich erarbeiten. Niermann zeigt es.