Aachen: Norbert Hermanns: Seine Euregio findet zum 30. Mal statt

Aachen: Norbert Hermanns: Seine Euregio findet zum 30. Mal statt

Wenn Norbert Hermanns durch die Straßen Aachens spaziert, dann sieht er doppelt. Er sieht, was er und alle anderen Menschen sehen: Häuser, die dort stehen, Plätze, Wege. Und er sieht, was die anderen Menschen nicht sehen:

Dass, was er aus Häusern und Plätzen machen würde — als Projektentwickler. Denn genau das ist Norbert Hermanns, Jahrgang 1959, aus Aachen. Als der sieht er Landmarken, also solche Gebäude, die die Umgebung prägen. Er ist Chef der Aachener Landmarken AG und baut in ganz Deutschland. Und dies seit Jahrzehnten erfolgreich.

Zwischen Wirtschaftsschau und Immobilienentwicklung: Norbert Hermanns kann im nächsten Jahr auf 30 Jahre Euregio (oben 1989) zurückblicken. Mit der Landmarken AG verantwortet er unter anderem die Karmeliterhöfe (Mitte links), das Aachener Jobcenter (Mitte rechts) und das Campus-Cluster Foto: Krömer, Steindl, Plitzner

Begonnen hat seine Geschichte mit einem Problem. Er wollte studieren: Philosophie. Dafür hatte aber sein Vater kein Verständnis. Wenn der Sohn des Unternehmers denn bitteschön studieren wollte, dann doch Medizin. Den Numerus clausus dafür hatte er jedenfalls. Es war schwierig, im Grunde überflüssig, dem Vater zu erklären, warum es Philosophie sein sollte, erinnert sich Norbert Hermanns. Am Ende fanden Vater und Sohn eine Art Kompromiss. Norbert Hermanns konnte studieren. Nicht Medizin. Aber auch nicht Philosophie. Er entschied sich am Ende für Wirtschaftswissenschaften an der RWTH Aachen — auch wenn er sich dieses Studium selbst finanzieren musste.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 06.05.2015 Job Center Aachen, Einweihung JOB : Job 1 Foto: Krömer, Steindl, Plitzner

Lukrativ, aber chaotisch

Das tat er auch: Er hatte mit einem Schulfreund ein paar Mal auf Flohmärkten gestanden und alten Plunder verkauft. Er wusste: Flohmärkten waren damals, am Ende der 1970er, durchaus lukrativ — aber eben auch chaotisch organisiert. Und so hob der 20-Jährige die letzten 1000 Mark von seinem Sparbuch ab, der Freund tat es ihm nach, und gemeinsam organisierten sie im Frühjahr 1980 den ersten Flohmarkt. Die Idee nennt Hermanns heute — für Flohmärkte — revolutionär. Statt in der Innenstadt veranstalteten sie den Flohmarkt auf einem Supermarktparkplatz — des damaligen „Plaza“ an der Breslauer Straße in Aachen. Bald schon wurden es drei, vier Flohmärkte an einem Wochenende — parallel und in ganz Nordrhein-Westfalen. Sie arbeiteten 80 bis 100 Stunden in der Woche und wurden immer professioneller: aus der Idee wurde Hermanns erste Firma „Melan — macht Märkte“. Sie gibt es immer noch.

Die Flohmärkte liefen gut, als Hermanns sah, wie die ersten Computer für kleine und mittelständische Unternehmen erschwinglich und damit interessant wurden. Er sah auch hier einen Markt, organisierte im Aachener Eurogress die „1. Aachener Computertage“. Es war seine erste Messe. Das Haus war voll, er versuchte es mit einer Baumesse — mit ähnlichem Ergebnis. Und mit der Vorstellung, dass Menschen, die sich für Computer und Bauen interessieren, bestimmt auch Begeisterung für den Sport haben entwickelte er ein themenübergreifendes Messekonzept. 1986 wurde die erste Regio-Messe eröffnet, ein Jahr später wurde sie schon Euregio genannt und diese Messe, die „Euregio Wirtschaftsschau“ wird im nächsten Jahr damit 30 Jahre alt.

Wenn Norbert Hermanns jetzt an seine ersten Schritte zurückdenkt, dann sieht er eine logische Folge. „Flohmärkte und Messen haben eine ähnliche Organisationsstruktur“, erklärt er. Mit diesen beiden Projekten hat er die Basis seines unternehmerischen Erfolges geschaffen. „Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um Flohmärkte zu organisieren. Aber ich habe gelernt, dass ich jede Idee immer zu Ende denken muss.“

Die ersten Immobilien

Seine Flohmarkt-Firma ist mittlerweile bundesweit unterwegs, die Euregio ein gleichbleibender Erfolg. In beiden Unternehmen — Melan und der Euregio Messe GmbH — hat er sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, sein Blick ist vor allem auf Immobilien gerichtet. Das habe ihm immer schon Spaß gemacht.

Seine erste Baustelle lag am Aachener Kreuz. 1989/1990 war dies, und binnen fünf Jahren plante und baute Hermanns mit einer Handvoll Leute 100 000 Quadratmeter Gewerbeflächen neu oder um. Es war der Grundstein für die Landmarken AG. Von viel Enthusiasmus getrieben, wie er lächelnd berichtet, wurde das Geschäft immer größer — und ausgebaut. Richtig stolz ist er auf sein Expertenteam: Architekten, Ingenieure, Banker, Designer, Juristen und andere Experten stießen hinzu, die Projekte verteilten sich über die Grenzen der Region hinaus. Am Ende stand die Landmarken AG, deren Vorstandsvorsitzender Hermanns ist. Er sei der, der „strategisch, unternehmerisch vorangehe“, sagt er.

Den Namen seines Unternehmens hat Hermanns sehr bewusst gewählt. Landmarken seien mehr als nur Gebäude. Sie hätten einen gesellschaftlichen Anspruch, sollten immer einen Mehrwert für die Menschen haben — nicht nur städtebaulich. „Wir haben auch einen ethischen Anspruch“, sagt Hermanns und es wird klar, dass in diesem Moment der Philosoph in ihm spricht. Und er weiß das.

Fairness und Geradlinigkeit seien das ethische Fundament. „Wir würden kein Projekt machen, was kein Mensch will. Aber wir sind auch keine Altruisten. Wir sind ein gewinnorientiertes Unternehmen“, sagt er. Und: Nicht jedes Gebäude könne zur Landmarke werden. „Es gibt auch das Brot-und-Butter-Geschäft. Aus einem Baumarkt, den wir aus der Konkursmasse herauskaufen, wird kaum eine Landmarke.“

Hermanns hat Beispiele für das, was er erläutert. Als die Nachbarn gegen einen Hotelbau an der Aachener Sandkaulstraße protestierten, konnte er die Argumente nachvollziehen und zog sich aus dem Projekt zurück. Das Hotel bauen nun andere. An einer anderen Ecke gab es ebenfalls Proteste: An Stelle eines Weltkriegsbunkers am Aachener Lousberg plante die Landmarken AG die Lousberghöfe: schickes Wohnen. Hier war und blieb er von der Idee überzeugt.

Die Beispiele zeigen auch: Ein Projektplaner eckt an, wo er plant. Er polarisiert. Es gehöre viel Gelassenheit zu seinem Job, sagt Hermanns. Und viel Geduld. Denn ein gutes Projekt braucht oft Zeit. Letztlich beginnt alles mit einem Stück Land, bebaut oder eben nicht. Die erste Phase umfasst dann den Entwurf der Architektur, das Baurecht, das Erfassen der Zielgruppe, also der Nutzer, idealerweise mit ersten Mietverträgen. Bisweilen werden Projekte auf halber Strecke verkauft. „Wir müssen als Landmarken AG nicht alles selbst realisieren. Es reicht doch, wenn wir dafür sorgen, dass ein Projekt am Ende realisiert wird“, sagt Hermanns. So war es bei der Shopping-Mall „Aachen Arkaden“ und auch bei genannten Lousberghöfen, die jetzt andere bauen.

Der Charme war weg

54 Mitarbeiter hat die Landmarken AG, 35 in der Projektentwicklung. Das Unternehmen ist weltweit vernetzt, hat Kontakte zu großen Architekturbüros — als Investor auf dem Campus der RWTH wurden bewusst internationale gewonnen — und renommierten Baufirmen. Als privater, überregionaler Bauherr tritt die Landmarken AG aber auch in Erscheinung und betreibt selbst Immobilien. „Letztlich muss jedes unserer Projekte so sein, dass wir es am Ende auch gerne selbst behalten würden.“

So war es mit dem Büro in den Karmeliterhöfen, in dem Hermanns seinen Schreibtisch stehen hat. Die Karmeliterhöfe in Aachen waren ein altes Polizeipräsidium. Doch der Charme des Baus war verloren gegangen. Das Treppenhaus war mit blauem Linoleum ausgelegt wurden. Die Landmarken AG hat es herausgeputzt, als Landmarke und Firmensitz. Das Gebäude zählt zu den Lieblingen des Vorstandsvorsitzenden wie auch die beiden Campus-Gebäude seiner Gruppe — in die diese 40 Millionen Euro investiert hat — oder das neue Jobcenter in Aachen.

Die Märkte- und Messeerfahrung würde ihm bis heute helfen. Auch das Reisen in alle Welt. Dort hole er sich Ideen, sehe Entwicklungen, die er mit in die Heimat trägt — und umsetzt, wenn die Zeit reif ist. „Aachen ist nicht New York“, sagt er. „Das Talent des Projektentwicklers ist es in erster Linie, ein Potenzial und den Markt zu sehen — und Trends zu erkennen.“ Unglaublich viele Objekte würden ihm angeboten, doch nicht immer sehe er Potenzial, Markt oder den passenden Trend. Er sei grundsätzlich vorsichtig, aber nicht ängstlich. „Ich muss hundertprozentig überzeugt sein.“

Das war er beim Jobcenter Mettmann oder beim Nordtor Brühl. Die Landmarken AG ist dabei längst mehr als eine Firma. Unter ihrem Dach gibt es rund 30 Tochtergesellschaften. Hinzu kommt die AMW Projekte, die Liegenschaften betreut. Alles geht auf Hermanns zurück. Wenn der jetzt durch die Straßen geht, dann ist es schwer vorstellbar, dass das alles auf Flohmärkten aufgebaut wurde.

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