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Aachen: Nachdrückliches Plädoyer für eine „Willkommenkultur”

Aachen : Nachdrückliches Plädoyer für eine „Willkommenkultur”

Das Problem lässt sich relativ leicht beschreiben: Kammern und Unternehmen klagen immer wieder über den sich verschärfenden Mangel an ausreichend qualifizierten Fachkräften.

Seit dem 1. April ist eine Vorgabe in Kraft, die wirkungsvoll gegensteuern soll: das „Anerkennungsgesetz”. Oder, wie es die Macher genannt haben: das „Berufsqualifizierungs-Feststellungsgesetz”. In der Tat ein Wortmonster, dessen Umsetzung, so die daran beteiligten Stellen, ganz schön kompliziert sei. Um die in der Praxis mit der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse befassten Akteure besser auf ihre Arbeit vorzubereiten, luden die Regionalagentur Aachen und Competentia, das Kompetenzzentrum Frau und Beruf in der Region Aachen, am Mittwoch ins Agit-Technologiezentrum am Europaplatz.

Von den 2,8 Millionen Menschen mit ausländischen Berufsabschlüssen arbeiten laut Gisbert Kurlfinke von der Aachener Industrie- und Handelskammer (IHK) nur 16 Prozent in den erlernten Jobs - ein Beleg dafür, wie hoch oft die Hürden sind, die vorgelegten Nachweise hierzulande anzuerkennen. Seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes haben 81 Erstberatungen bei der IHK stattgefunden. Für die weitere Prüfung ist eine gemeinsame, zentrale Stelle aller Kammern in Nürnberg, mit enger Verzahnung mit der Arbeitsagentur, zuständig. Zehn Aachener Anträge sind dorthin bislang weitergeleitet. Spätestens nach drei Monaten, wenn die Unterlagen vollständig sind, muss eine Entscheidung über die Anerkennung gefallen sein. Wenn die Experten keine Probleme sehen, gibt es einen „Gleichwertigkeitsbescheid”.

Falls keine generelle Ablehnung erfolgt, kann es auch lediglich eine Teilanerkennung geben, wenn bestimmte Qualifikationen noch fehlen. Die könnten, mit entsprechender lenkender Hilfestellung, noch nachgeholt werden. Bis zu 600 Euro kostet die Anerkennung, mit Übersetzungen und Schulungsprojekte könnten leicht vierstellige Beträge fällig werden - vielleicht für viele Bewerber eine kaum zu überwindende Hürde, mahnte der IHK-Experte. Kurlfinke hat im Übrigen bei etlichen Bewerbern festgestellt, dass sie dank ihrer umfassenden praktischen Erfahrungen im Beruf alternativ leicht die „Externenprüfung”, angelehnt an den Abschluss von Auszubildenden, ablegen könnten - „ein toller Nebeneffekt”, wie er schwärmte: „Da sind ganz pfiffige, gute Leute drunter.”

Die Handwerkskammer Aachen listet bereits 130 Erstberatungen auf, 16 schriftliche Anträge folgten, meist von Elektronikern oder Friseuren. Drei positive Bescheide liegen inzwischen vor.

„Wir brauchen ein faires Angebot, nichts Bürokratisches”, mahnte Wolfgang Heiliger aus dem NRW-Arbeitsministerium. „Die Leute müssen sich angenommen fühlen.” Sprachkompetenz müsse sicher sein, um in Deutschland beruflich bestehen zu können. Man sollte hier aber nicht die Defizite in den Vordergrund stellen, sondern würdigen, dass auch „der Betrieb als Lernort” dienen könne. Er plädierte nachdrücklich für eine „Willkommenskultur”.