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Aachen: Mit der famosen Aprikose fing bei Zentis alles an

Aachen : Mit der famosen Aprikose fing bei Zentis alles an

Es begann ganz famos — mit „Famos“: feinste Aprikosen-Marmelade ohne Sirup. Und die Südfrucht ist heute immer noch ein Renner im Sortiment des Aachener Süßwaren-Unternehmens Zentis. Produkttreue ist geblieben, die Dimensionen haben sich in 125 Jahren Firmengeschichte stark verändert. Die Treue zum Standort Aachen hat ebenso Bestand; und auch personell zeichnet sich die Firma durch Kontinuität aus.

Dafür steht — in mehreren Generationen aufeinanderfolgend — der Name Franz Zentis, dafür steht seit Jahrzehnten aber auch ein anderer Name.

„Das fing bei mir mit sieben Jahren an; bei uns zu Hause wurde ja immer nur über Zentis gesprochen“, sagt Karl-Heinz Johnen, einer der drei Zentis-Geschäftsführer, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Und das hat sich bis heute — bis zu meinem 57. Lebensjahr — hingezogen.“ Sein Vater, Heinz-Gregor Johnen, war der erste externe Manager bei Zentis und leitete über drei Jahrzehnte die Geschicke der Firma.

Sohn Karl-Heinz wurde 1996 sein Nachfolger. „Der überwiegende Teil meines Lebens lässt sich mit Zentis buchstabieren.“ Er ist in die Firma rein gewachsen. „Ich habe hier angefangen mit einem guten Auto und einem schlechten Gehalt. Die Mitarbeiter haben gedacht: ‚Der fährt ein tolles Auto.‘ Die wussten aber nicht, was ich verdiene.“ Heute führt Johnen mit Stephan Jansen und Nobert Weichele die Firma.

Die Familie bleibt am Ball

Angefangen hat alles mit Franz Hubert Joseph Zentis und dessen Kolonialwarenladen, der vor genau 125 Jahren — am 20. Juni 1893 — am Adalbertsteinweg in Aachen eröffnet wurde. Schon früh stellte Zentis eigene Marmeladen her und belieferte auch Bäcker der Region damit als Zutat für deren Fläden. „Der erste Schritt vom Händler zum Konfitüren-Produzenten war getan“, heißt es in der Firmenchronik. „Ab 1915 verlagerte sich das Unternehmen dann vollständig auf die Herstellung von Marmeladen und Backfüllungen.“

Bis heute ist die Firma ein Familienunternehmen. Das heißt: Auch wenn der Betrieb nicht mehr vom Eigentümer geführt wird, nehmen die Gesellschafter doch weiterhin regen Anteil am Geschäft. „Das macht uns beweglich; wir können sehr schnell sein“, sagt Jansen. „Sie sind nah dran; und das ist auch so gewünscht“, ergänzt Johnen. „Das gehört zur Identität der Firma.“

Zur Identität gehört nicht weniger die Frucht als solche, die Frucht, die hier veredelt wird, wie es heißt. Ist sie also nicht edel genug? Bei Zentis ist man sich der Einzigartigkeit der natürlichen Frucht durchaus bewusst. „Wenn die Frucht richtig wächst, wenn sie richtig geerntet und verarbeitet wird, ist sie das Edelste“, erklärt Jansen Es sei aber nicht einfach, immer frische Früchte zur Verfügung zu stellen. „Deshalb verfeinern wir das Lebensmittel, damit man es über das gesamte Jahr genießen kann. Wenn man 75 Prozent Fruchtanteil in der Konfitüre hat, schmeckt man das. Das nennen wir veredeln.“

Zucker — ebenfalls ein wichtiger Rohstoff in der Zentis-Produktion — hat seinen guten Ruf verloren. Das Aachener Unternehmen nimmt Rücksicht auf geänderte Prioritäten der Verbraucher. Gleichzeitig rät Johnen zu etwas Gelassenheit: „Es ist wie mit dem Alkohol: Im Übermaß ist er schädlich. Das ist doch nichts Neues.“ Er beobachtet einen Trend gegen die Industrialisierung von Lebensmitteln, was zu Verteuerung führen könne. „Wir bemühen uns um Produkte, die 50 Prozent weniger Zucker enthalten.“

Daran müsse sich der Verbraucher gewöhnen. „Zucker ist ein sehr angenehmer Naturstoff, der sich im Geschmack deutlich auswirkt. Und er hat die wunderbare Eigenschaft zu konservieren; so werden Früchte haltbar gemacht.“

Zentis reagiert auf den Trend, bietet biologische und regionale Produkte an. „Würden wir aufhören zu reagieren, wären die nächsten 125 Jahre sehr gefährdet. Wir sind keine Ideologen“, sagt Johnen, der in der Zucker-Diskussion auch ein wenig Hysterie sieht. Den Vorwurf, „die böse Industrie habe die Verbraucher an den Zucker gewöhnt und süchtig gemacht“, sei lächerlich. Zuckerreduzierte Ware verkaufe sich schlechter.

Ansprüche an Qualität, an Hygiene, an umweltschonende Produktion sind auch in der Lebensmittelindustrie hoch. Johnen sieht das nach eigener Aussage nur positiv. „Wer anfängt, das als Belastung zu sehen, wird schnell aus dem Markt ausscheiden.“ Die Anforderungen — auch und gerade vom Handel — seien enorm.

Der Schwefel hat ausgedient

Zentis verarbeitet in Aachen pro Jahr 100.000 Tonnen Früchte, weltweit mehr als 200.000. Nur vier bis fünf Prozent dieser Früchte kommen aus Deutschland. „Weil wir ständig liefern müssen, sind wir auf frische tiefgefrorene Früchte angewiesen“, so Johnen. Erdbeeren kommen vor allem aus Polen und Spanien, Himbeeren aus Schottland und Neuseeland, Serbien und Kroatien, Aprikosen aus Griechenland und Spanien, Heidelbeeren aus Kanada und Chile. Alle Lieferanten werden laut Jansen zwei Mal im Jahr überprüft.

61 Prozent der Zentis-Produkte werden exportiert — vor allem nach Frankreich, in die Benelux-Länder, Spanien und Italien. Der Marktschwerpunkt liegt also eindeutig in Europa.

Aprikosenprodukte sind nach wie vor dabei, aber nicht mehr die gute alte „Famos“; sie wäre heute nicht mehr standesgemäß, meint Johnen. „Denn die Früchte wurden damals noch geschwefelt. Das schmeckte man sehr stark und wäre heute nicht mehr zumutbar. So war damals die Technik, um Früchte zu konservieren. Da würde uns die Lebensmittelaufsicht heute verhaften.“ Johnen lacht. „Als mein Vater in den 60er Jahren hier anfing, roch es überall nach diesen geschwefelten Waren.“ Das habe ihn damals etwas abgeschreckt. Der Geruch ist längst weg und Johnen geblieben.