Aachen: Mit Datenbrille durch den Paket-Dschungel

Aachen : Mit Datenbrille durch den Paket-Dschungel

Eine riesige Halle voller Regale. Im hinteren Teil reichen gestapelte Kartons bis unter die Decke. Im vorderen Teil lagern einzelne Medikamentenpackungen in vielen blauen Boxen übereinander gestapelt. 10.000 verschiedene Produkte. Wie soll man sich nur zurecht finden im Lager der größten Versandapotheke Europas?

Der Online-Handel boomt. Nach Zahlen des Versandhandel-Fachverbands bevh verschickten die deutschen Online-Händler im vergangenen Jahr Waren für 58 Milliarden Euro an die Kundschaft. Auch bei Doc Morris in Heerlen direkt an der Grenze gehen täglich rund 25.000 Pakete raus. Für Mitarbeiter in der Logistik eine Herausforderung, auch für Eltjo Tolhuis. Er muss die angeforderten Produkte finden, einscannen und weiter zum Abpacken schicken — am besten so schnell wie möglich. Die Mitarbeiter haben zeitliche Vorgaben. Fließbandarbeit. Ein falscher Griff? Im Medikamentenhandel eine Katastrophe. Doch Fehler können hier kaum noch passieren.

Ein Blick reicht: Leicht oberhalb des rechten Augen befindet sich das Display der Datenbrille. Es zeigt alle relevanten Informationen an. Foto: Laura Laermann

Während die Logistiker in einigen Betrieben die Bestellungen auf ihren Zetteln noch mit dem Stift abhaken, ist man bei Doc Morris schon mehrere Schritte weiter. Seit drei Jahren wird dort mit Unterarm-Scannern kommissioniert, seit einem Jahr auch mit Datenbrillen. Eltjo Tolhuis arbeitet nur noch mit der Brille. „Es ist gemütlicher“, sagt der Niederländer ganz einfach. Doch die Brille bringt mehr als nur Komfort.

Ware mit der Datenbrille finden

Das System, das in der Brille steckt, hat ein anderes Unternehmen der Region entwickelt: Picavi. Es beruht auf dem Prinzip „Pick-by-Vision“ und ermöglicht es Mitarbeitern in der Logistik, über eine Datenbrille die Waren zu finden und zu scannen. Dabei werden alle relevanten Informationen wie Standort der Ware, Menge oder Farbe über ein kleines Display angezeigt. „Das Programm, das auf der Brille läuft, ist wie eine App, die die Daten grafisch darstellt“, erklärt Johanna Bellenberg, die Marketingchefin des Unternehmens.

Lautet der Auftrag zum Beispiel, dass Himbeermarmelade kommissioniert werden soll, sieht man eine kleine Abbildung des Produkts und eine Zahl, die angibt, wie viele Paletten benötigt werden. Mit einem kleinen Ringscanner, der per Bluetooth an die Datenbrille angebunden ist, kann gescannt werden. Über den Code erkennt die Brille dann, ob das richtige Produkt gewählt wurde.

Das grüne Häkchen, das dann im Display erscheint, ist für Eltjo Tolhuis eine echte Erleichterung — und eine Sicherheit. In einer Versandapotheke muss schließlich genauso sorgfältig gearbeitete werden wie in einer stationären Apotheke. Das manuelle Abgleichen von Codes, das nach mehreren Stunden Arbeit zur Fehlerquelle werden könnte, ist bei digitalen Kommissioniersystemen nicht mehr nötig. Aber nicht nur gegenüber Stift und Papier hat die Datenbrille Vorteile, auch andere Systeme hängt sie in gewissen Bereichen ab.

Die Brillen sind zum Beispiel im Gegensatz zu robusten, schweren Handscanner, die auch mal einen Fall aushalten müssen, leicht und filigran. Diese Anforderung muss sie aber erfüllen. „Anderenfalls wäre die Akzeptanz bei den Mitarbeitern nicht da“, erklärt Bellenberg. Dennoch: Nicht für jeden ist die Brille etwas. Diese Erfahrung hat jedenfalls René Michel gemacht, der Logistikchef bei Doc Morris. Zehn Brillen hat er für seine Mitarbeiter vor einem Jahr angeschafft: „Aus Gründen der Ergonomie. Um unseren Mitarbeitern das Arbeiten so angenehm wie möglich zu gestalten. Manche nutzen die Brille gerne, andere nicht“, erklärt er. Denn das Display ist leicht oberhalb des rechten Auges platziert. Damit fällt es zwar nicht ins direkte Sichtfeld, liegt aber dauerhaft im peripheren Bereich. „Man muss sich daran gewöhnen“, sagt auch Eltjo Tolhuis. Einiger seiner Kollegen nutzen alternativ die Unterarm-Scanner. Die sind dafür aber auch schwerer und liegen direkt auf der Haut.

Als sich das Unternehmen für ein Kommissioniersystem entschieden hat, ging es aber längst nicht nur um das Wohlgefühl der Mitarbeiter. Es ging auch um Effizienz.

Während Tolhuis den Code der blauen Kiste einscannt, der den neuen Auftrag bereithält, geht sein Blick schon Richtung Display. Er ruft die Standortinformationen ab, greift gleichzeitig nach einem Kühlbeutel für die angeforderten Medikamente und läuft schon zu den Regalen. Sein Vorteil: Er hat die Hände frei. „Die Mitarbeiter sind tatsächlich schneller, das sehen wir in der Auswertung“, berichtet Michel. Wie viel es wirklich ausmacht, möchte das Unternehmen aus Wettbewerbsgründen nicht veröffentlicht sehen.

Geringere Hürde als Sprache

Parallele Handlungen sind auch bei dem System „Pick-by-Voice“ möglich, bei dem man Aufträge per Sprache über ein Headset erhält. Aber: „Das menschliche Gehirn kann visuelle Informationen viel leichter verarbeiten“, sagt Picavi-Chef Dirk Franke. Wegen der Visualisierung sänken Fehlerquoten, Einarbeitungszeiten würden kürzer, und auch für zugewanderte Mitarbeiter seien Grafiken eine geringere Hürde als Sprache.

Seit 2015 stattet Picavi Betriebe mit seinen Datenbrillen aus. 50 Unternehmen nutzen sie bereits, darunter auch einige aus der Region wie das Aachener Kosmetikunternehmen Babor.

Die Datenbrille kommuniziert per WLAN mit dem Warenwirtschaftssystem der jeweiligen Firma. So werden Aufträge abgerufen und Daten zurück an das System gesendet. Bei dem System SAP, das viele Unternehmen nutzen, ist eine Verknüpfung sehr schnell möglich, erklärt Bellenberg von Picavi. Aber auch die Verbindung mit allen anderen rund 450 Warenwirtschaftssysteme in Deutschland sei möglich.

Künftig bleibt die Weiterentwicklung von Kommissioniersystemen ein wichtiges Thema. Denn der Online-Handel wächst stetig. Auch Doc Morrris verzeichnet eine steigende Anzahl von Bestellungen, weiß Michel. Für seinen Mitarbeiter Eltjo Tolhuis wird es also künftig nicht einfacher, sich im Jungle von Produkten zurecht zu finden. Zumal diese zunehmend variieren. „Beim Arzneimittelversand gibt es saisonal stark unterschiedliche Nachfragen“, erklärt Michel. Ein Grund, weshalb er sich für Doc Morris erstmal keine Vollautomatisierung aller Logistikwege ohne Mitarbeiter vorstellen kann. „Prozesse ändern sich schnell. Wir müssen also flexibel bleiben.“