Mechernich/Hamburg: Mit Autorin aus der Eifel: Oetinger34 will Verlagswelt aufmischen

Mechernich/Hamburg: Mit Autorin aus der Eifel: Oetinger34 will Verlagswelt aufmischen

Am Anfang dieser Geschichte steht eine Schildkröte. Geboren wurde sie in einem Neubaugebiet in Kommern — da, wo das Rheinische Freilichtmuseum in alte Zeiten entführt. Dort saß Kerstin Rottland mit ihrem Sohn Tim, sie blätterten in einem Reiseführer. Korsika war das Ziel. Tim entdeckte einen Schildkrötenzoo. Er wünschte sich schon länger eine Schildkröte und verkündete Mama stolz: Wenn wir da sind, nehme ich eine mit.

Er wollte sie heimlich in eine Kühltasche packen, Mama lachte und weil sie ihren Kindern immer gerne Geschichten erzählte, begann sie, mit Tim dieser Schildkröte ein Leben zu geben. Agathe sollte sie heißen. Das wollte Tim so. Und Agentin im Ruhestand müsste sie sein. Und schlechte Augen haben, aus Eitelkeit aber die Brille meiden. Was nach dem Stoff für ein fantasievolles Kinderbuch klingt, ist nun genau das: ein fantasievolles Kinderbuch.

Kerstin Rottland aus Mechernich-Kommern, Mutter von drei Kindern, freie Journalistin für die örtliche Tageszeitung, ist die Autorin. Die Illustratorin heißt Mara Burmester. So weit, so gut. Kinderbücher werden immer wieder geschrieben. Das Besondere ist die Art, wie aus der Idee ein Buch wurde und wie Autorin und Illustratorin zusammenfanden. Dahinter steckt eine neuartige Verlagsidee. Und der Verlag, der die Geschichte von der Agenten-Schildkröte Agathe Bond veröffentlicht, ist Oetinger34.

Pippi Langstrumpf und das Sams

Oetinger34 ist der jüngste Spross der mächtigen Oetinger-Verlagsgruppe (50 Millionen Euro Jahresumsatz, 200 Mitarbeiter) aus Hamburg, der unter anderem Pippi Langstrumpf und all die anderen Astrid-Lindgren-Kinderbücher sowie Paul Maars Sams verlegt. Oetinger34 ist erst im Frühjahr 2014 gestartet, steckt noch in der Entwicklungsphase, und doch nennt er sich schon ganz selbstbewusst „Der Verlag der Zukunft“.

Über das Investment wird geschwiegen. Über die Macher nicht: Hinter Oetinger34 steckt Till Weitendorf, Enkel der Verlegerin Heidi Oetinger, der im Familienunternehmen als (Vor-)Denker für das Digitale gilt. Die 34 im Namen erscheint da ganz hausbacken: Das Verlagshaus steht in der Max-Brauer-Allee 34 in Altona.

Herz des Verlags ist eine Online-Plattform. Wer hier mitmacht, hat sich vorher recht unkompliziert beworben: als Autor mit ein paar Textproben, als Illustrator mit beispielhaften Skizzen, als Lektor muss eine Probearbeit vorgelegt werden. Das Verlagslektorat entscheidet. Wird ein Bewerber aufgenommen, dann kann er hier sehr frei seine Buch- und E-Book-Ideen entfalten und Mitstreiter finden. Und am Ende wird unter den Beteiligten abgestimmt, was tatsächlich publiziert wird. Die Verlagsfachleute fügen dann noch ein paar Favoriten hinzu.

307 Autoren, Illustratoren, Juniorlektoren plus (Test-)Leser bilden aktuell die kostenfreie Community, wie es heutzutage heißt. Für sie ist Oetinger34 die Chance auf das Debüt. Und für den Verlag ist die Community die Chance, originelle Ideen und vor allem innovative Ideen ohne großes Zutun entwickelt zu bekommen. Ob das gelingt?

200 neue Bewerber

Das Interesse ist jedenfalls da: 200 neue Bewerber gibt es. Und die Macher sind von ihrem Ansatz überzeugt. „Oetinger34 ist anders, weil bei uns Bücher auf neue Weise entstehen — kollaborativ ab dem ersten Wort beziehungsweise dem ersten Bild. Es sind kreative, innovative Herzensprojekte, die von der Zielgruppe als Leser mitgestaltet werden. Die Edition Oetinger34 ist also ein Verlagsprogramm, das sich so konsequent wie nie zuvor an seiner Zielgruppe ausrichtet“, erläutert Programmleiterin Katrin Weller.

Es ist, als würde Oetinger34 einen großen Raum bereitstellen, in dem sich Kreative finden, und nach ein paar Monaten wird die Tür wieder geöffnet und geschaut, was in der gemeinsamen Arbeit dieser Kreativen entstanden ist. Die besten Ideen werden abgegriffen. Der Rest? Der ist immerhin fertig, auf den (Bücher-)Markt muss er dann anders kommen.

Im Herbstprogramm (Juli/August) von Oetinger34 erscheint die erste Edition mit etwa 20 Neuerscheinungen. Kerstin Rottlands Kinderbuch mit Schildkröte Agathe ist unter den Titeln. Sie sagt: „Das ist unfassbar.“ Denn der Weg aus Tims Kinderzimmer, in dem sie die Geschichte immer weiter spannen, in die erste Oetinger34-Edition war ein langer. Korrekterweise ein sehr langer — er führte über Leipzig.

Der Berg der Manuskripte

Doch der Reihe nach. Wer mit Spaß für eine Tageszeitung schreibt und seinen Kindern gerne witzige Geschichten zum Einschlafen erzählt, der trägt auch den Wunsch in sich, irgendwann einmal ein Buch zu schreiben. Kerstin Rottland, eigentlich aus Kerpen-Sindorf, trug diesen Wunsch jedenfalls immer in sich. Doch da war gleichzeitig auch Unsicherheit. Wie schreibe ich eigentlich ein Buch? Und landet mein Manuskript dann nicht auf einem gewaltigen Berg von anderen Manuskripten und staubt dort chancenlos vor sich hin, wenn es unaufgefordert eingeschickt wird? Es sind Fragen, die wohl jeden beschäftigen, der einmal ernsthaft daran gedacht hat, ein Buch zu schreiben. Wie viele Hoffnungen sind schon in dicken Umschlägen stecken geblieben?

Es klingt absurd. Während sich bei den Lesern elektronische Bücher, sogenannte E-Books, zunehmend etabliert haben, allein der größte deutsche Publikumsverlag Random House 11.000 E-Books im deutschsprachigen Raum im Angebot führt und die zunehmende Bedeutung des digitalen Geschäfts prognostiziert, erreichen die Verlage immer noch reihenweise dicke Umschläge mit sorgsam ausgedruckten Geschichten, die dann hoffentlich eines Tages publiziert werden sollen.

Allein beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch vergeht kein Tag, ohne dass ein Manuskript im Postfach liegt, per Mail aber eben oftmals auch ausgedruckt, berichtet Vera Feyerabend aus dem Lektorat. „Die Manuskripte prasseln auf uns nieder wie ein warmer Regen“, erzählt sie. Bisweilen stehen die Autoren auch mit ihren Werken vor der Tür — einen Papierberg in der Hand. Am Ende sind sie da: Die Stapel von Büchern, die darauf warten, entdeckt zu werden und doch am Ende im Papierkorb landen.

Das dürfte sich ändern. Das Oetinger34-Modell wird in der Branche sorgsam beäugt. Bastei-Lübbe hat eine Self-Publishing-Plattform (Bookrix) für Nachwuchsautoren entwickelt, der Jerry-Cotton-Heftromane-Verlag sucht hier nach Talenten. „Der strategische Ansatz ist, dass wir frühzeitig Zugriff auf Inhalte haben, die dann von zigtausend Lesern getestet werden“, erklärt Verlagschef Thomas Schierack. Auch Unternehmen wie Droemer Knaur oder die Holtzbrinck-Gruppe setzen auf ähnliche Modelle.

Der Eindruck liegt nahe, dass der Literaturbetrieb die Möglichkeiten des Internets nachhaltig entdeckt hat — auch abseits des eigentlichen Publizierens. Die Bedeutung ist den Verlagen längst klar. „Wir glauben schon, dass in vier bis fünf Jahren der digitale Bereich mindestens 50 Prozent unseres Umsatzes ausmacht“, sagt Schierack in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Im Kinder- und Jugendbuchbereich gibt es hier noch Nachholbedarf: Nur sieben Prozent haben E-Books im ersten Halbjahr 2014 am Umsatz ausgemacht. Wachstum wird deswegen vorangetrieben, dtv und Hanser haben Ende 2014 entsprechende Digitalprogramme gestartet. Und Agathe? Die wird ganz sicher auch in der digitalen Welt leben.

Kerstin Rottlands beste Freundinnen tragen letztlich ein gehöriges Stück Verantwortung dafür, dass es so weit kommt. Es war im April 2013, Kerstin Rottland feierte ihren 40. Geburtstag, und die Freundinnen schenkten ihr eine Reise zur Buchmesse nach Leipzig. Sie nennt das Geschenk heute einen liebevollen Schubser — denn sie schrieb für den Besuch der Buchmesse ihre Geschichte. Doch dann hätte sie beinahe der Mut verlassen. Erst im zweiten Anlauf drückte sie einer Lektorin ihr Manuskript in die Hand — bei Oetinger34, das hier vorgestellt wurde. Die Lektorin sagte so etwas wie „Das sieht super aus“. Wenig später wurde sie auf das Oetinger34-Portal eingeladen.

Hier hat Kerstin Rottland ihre Illustratorin Mara Burmester gefunden. Oder umgekehrt. Burmester schrieb sie an, die Schildkrötenidee war ihr aufgefallen, sie schickte der Autorin ein paar Skizzen. Und Kerstin Rottland sah Agathe, so wie sie sich die immer vorgestellt hatte. Nach und nach gab Burmester Rottlands Figuren Gesichter — etwa der chaotischen Familie Dümpelgrün, deren Papa sich Kerstin Rottland immer ein wenig wie Höhner-Sänger Henning Krautmacher vorgestellt hatte. Gesehen haben sich Autorin und Illustratorin dabei übrigens bis heute nicht.

Im Juli war Agathes Abenteuer — ein bisschen Krimi, jede Menge kindgerechte Action und eine tiefe Freundschaft zwischen der Agenten-Schildkröte und dem elfjährigen, schüchternen Jürgen Dümpelgrün — fertig und Familie Rottland fuhr zunächst einmal in Urlaub: Richtung Schildkrötenzoo auf Korsika. Da war es nur wenige Wochen her, dass ihr Projekt auf dem Oetinger34-Portal vorgestellt wurde. Das war toll, machte die Autorin stolz. Doch es war nichts im Vergleich zu dem Moment, als klar war, dass ihr Buch tatsächlich zur ersten Edition zählen würde — weil in der Community entsprechend abgestimmt wurde. „Ich habe geweint vor Freude“, sagt sie.

Als Gewinner durfte sich am Ende besonders Tim fühlen. Denn wenn die erste Oetinger34-Edition im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wird, dann wird auch er entlohnt: Mama hatte ihm eine lebende Schildkröte für diesen Fall versprochen. Sie wird Agathe heißen, das ist gewiss. Und für seine beiden Geschwister gibt es das Versprechen, dass Kerstin Rottland ihnen auch noch eine Geschichte widmen will.