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MINT-Fächer: Frauen noch immer unterrepräsentiert

Bundesweite „Woche der Ausbildung“ : „Zukunftschancen ohne Ende“

Die bundesweite „Woche der Ausbildung“ rückt die MINT-Fächer in den Fokus von zukünftigen Arbeitnehmern. Die Arbeitsagentur Aachen Düren bietet eine spezielle Beratung. Frauen sind noch immer unterrepräsentiert.

Im Labor ist Sabrina Soiron ganz in ihrem Element: „Wir entwickeln und testen Produkte und begleiten sie bis in den Markt“, sagt sie. 2018 startete die heute 21-Jährige ihre Berufsausbildung zur Chemielaborantin bei einem Stolberger Mittelständler. „Mein Berufswunsch stand früh fest: Ich hatte in der Schule 16 Stunden Chemie pro Woche“, erzählt Soiron, die ihr Abitur am Robert-Schuman-Institut in Eupen abgelegt hat. „Die belgische Schulbildung ist sehr praxisnah, da können Schüler in Deutschland nur von träumen“, bestätigt Norbert Kuhl, zuständiger Ausbildungsleiter sowie Teamleiter Forschung und Entwicklung bei der Dalli-Werke GmbH & Co. KG, mit Blick auf die Anzahl der Laborstunden und die Erfahrung mit Experimenten, die Soiron bereits gesammelt hat. Die Entscheidung für die Bewerberin sei ihm dementsprechend leicht gefallen: „Sie wusste, was auf sie zukommt.“

Mehr Männer in MINT-Berufen

Jedes Jahr werden im Stolberger Werk der Dalli-Gruppe drei Chemielaboranten ausgebildet. Soiron ist in ihrem Jahrgang die einzige Frau, im Ausbildungsjahrgang 2017/18 gibt es hingegen einen Mann und zwei Frauen. „Das Geschlechterverhältnis ist bei uns in diesem Bereich insgesamt recht ausgewogen“, so Kuhl. Generell zeichne der Ausbildungsmarkt bei den MINT-Berufen – also in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – jedoch ein anderes Bild, sagt Andrea Hilger, Beauftragte für Chancengleichheit bei der Agentur für Arbeit Aachen-Düren: „Frauen sind im MINT-Bereich nach wie vor stark unterrepräsentiert.“

Das gelte auch für die Region, die sie als „eine Hochburg“ für MINT-Berufe bezeichnet: „Im Agenturbezirk entfallen 35,5 Prozent aller Ausbildungsstellen auf die MINT-Berufe.“ Das sei also kein kleiner Untermarkt, erklärt sie, sondern über ein Drittel des gesamten Ausbildungsmarktes. Zum Vergleich: In ganz Nordrhein-Westfalen beträgt der Anteil 30,4 Prozent.

In der Region sind laut Hilger derzeit 15.000 Frauen und 84.000 Männer im MINT-Bereich beschäftigt. Der Anteil der Frauen beträgt damit nur 15 Prozent. Von allen Bewerbern um MINT-Ausbildungsstellen sind lediglich 10,5 Prozent weiblich. Die gute Nachricht: „Der Anteil der Bewerberinnen steigt von Jahr zu Jahr“, so Hilger. Trotzdem sei noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. „Im Zuge der Digitalisierung gewinnen MINT-Berufe immer mehr an Bedeutung. Hier gibt es Zukunftschancen ohne Ende.“ Engpässe würden sich mittelfristig auch durch die Demografie ergeben: Jeder fünfte Beschäftigte im MINT-Bereich ist aktuell über 55 Jahre alt.

Anlässlich der bundesweiten „Woche der Ausbildung“ – in diesem Jahr mit dem Schwerpunktthema MINT – macht die Agentur für Arbeit Aachen-Düren verstärkt auf die dualen Ausbildungsmöglichkeiten aufmerksam: So gab es bereits im Februar ein „Speed-Dating“ speziell für MINT-Berufe in der Digital Church in Aachen, bei dem sich Jugendliche in kurzen Gesprächen bei Arbeitgebern der Region vorstellen konnten. „Es ist unser Auftrag, den Jugendlichen zu zeigen, welche Chancen eine Berufsausbildung eröffnet – vor allem als sehr gute Alternative zum Studium“, bekräftigt Rüdiger Schneider, Teamleiter der Berufsberatung. Man sei mit einer Ausbildung schließlich keineswegs „festgefahren“, wie viele glauben würden. Im Gegenteil: „Die duale Ausbildung bietet vielfältige Karrieremöglichkeiten und optimale Aufstiegschancen – bis hin zum späteren Hochschulstudium“, sagt Schneider. Wichtig sei, dass hier auch die Eltern mitziehen: „Nach wie vor spielen die Eltern bei der Berufswahl ihrer Kinder eine entscheidende Rolle. Auch hier müssen wir ansetzen.“

Derzeit kommen im Agenturbezirk 1,1 Berufsausbildungsstellen auf jeden Bewerber, mit regionalen Unterschieden: In Aachen sind es zwei Ausbildungsstellen pro Bewerber, in Stolberg 0,8 (Stand: Januar 2020).

Mehr Stellen als Bewerber

Das Fazit: Insgesamt gibt es seit Beginn des Berichtsjahres deutlich mehr gemeldete Lehrstellen (4909) als Bewerber (4663). „Mittlerweile bewerben wir uns bei den Jugendlichen und nicht andersherum“, bestätigt Ausbildungsleiter Kuhn. Die Dalli-Gruppe setze daher ganz bewusst auf ein attraktives Programm – von Sprachkursen bis hin zu den begehrten Auslandspraktika bei Rohstofflieferanten, die europaweit verteilt sind. „Der Bewerberpool wird immer kleiner und der Konkurrenzkampf um gute Auszubildende wird immer größer“, sagt Kuhn. Auf dem „Girls’ & Boys’ Day“ oder bei freiwilligen Praktika in den Ferien können sich Schüler frühzeitig ein Bild von dem Ausbildungsangebot des Familienunternehmens machen.

Der berufliche Weg stehe schließlich nicht bei allen Jugendlichen so früh fest, wie im Fall von Sabrina Soiron. „Viele wissen nicht, was sie werden sollen, sie vertrauen nicht auf ihre Talente oder sie machen sich falsche Vorstellungen von den Ausbildungsinhalten“, betont Schneider. „Wir stellen fest, dass Aufklärung und Beratung immer wichtiger werden.“ Vor allem auch, weil sich Ausbildungsinhalte verändern: „Die Zeit steht ja nicht still. Unser Job ist es, diesen Wandel zu begleiten.“