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Frankfurt/Würselen: Mindestlohn im Friseurhandwerk: „Gerechter Lohn für gute Arbeit“

Frankfurt/Würselen : Mindestlohn im Friseurhandwerk: „Gerechter Lohn für gute Arbeit“

6,50 Euro Stundenlohn sind nicht die Welt — und blieben dennoch bis zum vergangenen Jahr für viele Friseurangestellte unerreichbar. Zum 1. August 2013 hatten sich Handwerk und die Gewerkschaft Verdi auf eine bundesweite Lohnuntergrenze geeinigt, die gerade im weitgehend tariffreien Osten zum neuen Mindestlohn werden soll.

Ein Jahr später sprechen die Tarifpartner mit Einführung der nächsten Stufe von einem Erfolg, auch weil die zusätzlichen Kosten über höhere Preise an die Kunden weitergegeben werden konnten.

Norbert Bock, Friseurmeister in Würselen und Obermeister der Innung Aachen-Regio.
Norbert Bock, Friseurmeister in Würselen und Obermeister der Innung Aachen-Regio. Foto: Wolfgang Sevenich

An der Arbeitszeit wird gedreht

Doch ob der Mindestlohn, der zum August auf 7,50 Euro im Osten und acht Euro im Westen festgelegt ist und der im Laufe des kommenden Jahres bundesweit auf 8,50 Euro steigen soll, in allen Betrieben tatsächlich gezahlt wird, ist nicht sicher. Die Gewerkschaft Verdi hat bislang nur wenige Klagen der Beschäftigten gehört und geht wie die Arbeitgeber davon aus, dass der Tarifvertrag im Großen und Ganzen eingehalten wird. Gedreht werde eher an der Arbeitszeit, manche Chefs verlangten unbezahlte Überstunden, sagt Verdi-Sprecher Volker Nüsse. „Es wird nicht so genau auf die Arbeitszeit geschaut.“

Norbert Bock, Obermeister der Friseur-Innung Aachen-Regio, hat noch ganz andere Erfahrungen gemacht. Für ihn ist die Einführung des Mindestlohns keine Erfolgsstory — aber nicht etwa, weil der zu hoch sei (Bock: „der Mindestlohn ist gerechtfertigt“), sondern weil er unterlaufen werde. Der Friseurmeister aus Würselen beklagt, dass einige Betriebe ihre Beschäftigten mit Teilzeit-Verträgen ausstatten würden, sie aber wesentlich länger arbeiten ließen. Die Diskrepanz zwischen dem Lohn laut vertraglicher und dem laut tatsächlicher Arbeitszeit werde dann unter der Hand ausbezahlt. Mit Einführung des Mindestlohns habe sich diese Tendenz noch verschärft.

Mit der tariflichen Lösung ist die Branche der gesetzlichen Regelung zuvorgekommen, die aber mutmaßlich zum notwendigen Einigungsdruck beigetragen hat. „Wir wollten die dreijährige Übergangszeit und das unterschiedliche Tempo in Ost und West“, sagt der Geschäftsführer des Zentralverbands des Friseurhandwerks, Rainer Röhr. „Und wir waren es leid, immer in die Billigecke gestellt zu werden.“

Die Tarifpartner haben die Lohnuntergrenze mit hohen Erwartungen versehen. „Lohndumping hat im Friseurhandwerk keinen Platz. Ebenso wenig wie Preisdumping. Denn Löhne und Preise sind im personal- und arbeitsintensiven Friseurhandwerk zwei Seiten einer Münze“, formulierte der Zentralverband nach der Einigung. Zum kompletten Bild gehört auch, dass sich wegen der geringen Verdienstmöglichkeiten und des sinkenden Images immer weniger junge Menschen für eine Friseurlehre begeistern ließen. Im vergangenen Jahr fingen nur noch 11.033 Lehrlinge an, 7,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Die Preise für Haarschnitte und weitere Dienstleistungen sind in der Folge des Mindestlohns bereits deutlich gestiegen und werden weiter klettern. Ein einfacher Männer-Haarschnitt für unter 20 Euro ist mittlerweile nicht mehr die Regel. Einer Branchenanalyse des Münchner Ifo-Instituts zufolge hat sich der Preisanstieg bei den Friseuren seit Mitte 2013 kräftig verschärft und betrug zu Jahresbeginn bereits 4,5 Prozent — deutlich über der allgemeinen Preissteigerungsrate von derzeit gut einem Prozent.

Die höheren Preise scheinen derzeit gut durchsetzbar: Die stabile Gesamtkonjunktur mit guter Beschäftigungslage und wachsender Kaufkraft lässt die Friseure auf weiter steigende Umsätze in diesem und im nächsten Jahr hoffen. Auch Bock hat die Erfahrung gemacht, dass die Kunden von den höheren Preisen naturgemäß nicht begeistert sind, diese aber akzeptieren — nach dem Motto „ein guter und gerechter Lohn für eine gute Arbeit“.

Zuletzt war die Zahl der regelmäßigen Salonbesucher wieder auf knapp zwei Drittel gestiegen. Doch das muss nicht so weitergehen, denn das Handwerk steht durchaus in einem harten Preiswettbewerb. Kleinstsalons in den Großstädten und auf dem Land erledigen einen simplen Haarschnitt für weniger Geld als größere Betriebe. Viele Friseursalons zahlen keine Umsatzsteuer, weil sie gegenüber dem Finanzamt einen Jahresumsatz von weniger als 17.500 Euro erwarten. Wie viel Geld sie hinterher tatsächlich in der Kasse haben, kontrolliere niemand, beklagen der Verband und auch Obermeister Bock. Den Kostenvorteil von 19 Prozent könnten die kleinen Anbieter nahezu vollständig an die Kunden weitergeben. Vernachlässigte Altersvorsorge und Selbstausbeutung brächten für den Moment weiter Kostenvorteile.

Außerdem gehöre im Friseurhandwerk die Schwarzarbeit zum Alltag, beklagt der Verband. Einfach als Nachbarschaftshilfe zu tarnen, gilt das diskrete Geschäft nach Feierabend als unkontrollierbar. Bis zu zwei Milliarden Euro Umsatz gehe auf diese Weise den regulären Betrieben verloren.