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Aachen: Meister-Entscheidung: Philipp sieht „Wortbruch”

Aachen : Meister-Entscheidung: Philipp sieht „Wortbruch”

Nach eigenem Bekunden „ziemlich aufgewühlt” hat Dieter Philipp, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), das Votum des Bundeskabinetts für den Gesetzentwurf zur Reform der Handwerksordnung kommentiert.

Das Handwerk habe „das Vertrauen in die Bundesregierung zu diesem Thema restlos verloren”. Mehr noch: Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement warf der Handwerkspräsident „Wortbruch” vor.

Der Verband habe vor sieben Wochen ein konstruktives Konzept zur Modernisierung unterbreitet. Die Zusicherung, dass dieses im Reformvorhaben der Bundesregierung Berücksichtigung fände, sei gebrochen worden.

Das nun im Bundesrat zu diskutierende Gesetzesvorhaben habe „mit der notwendigen Modernisierung nichts zu tun”. Es sei „nur dazu geeignet, Grundlagen zu zerschlagen”, so Philipp weiter.

Mehr Beschäftigung, mehr Ausbildung sei „so nicht zu erreichen”. Die Vorschläge seien „in vielen Bereichen kontraproduktiv”: So drohe die Zahl der Lehrlinge drastisch abzunehmen. Es bestehe nämlich „ein enger Zusammenhang zwischen der Meisterausbildung und der Verpflichtung, diese Qualifikation weiterzugeben”.

Im Handwerk sei die Ausbildungsquote drei Mal höher als in den übrigen Wirtschaftsbereichen Deutschlands. Ein weiterer Vergleich: Während im restlichen Europa Handwerksbetriebe durchschnittlich drei bis vier Mitarbeiter beschäftigten, liege der Durchschnitt im hoch qualifizierten deutschen Handwerk bei zehn Mitarbeitern pro Unternehmen.

Sein Verband müsse sich folglich „keine Vorwürfe gefallen lassen”. Man leide vielmehr unter der gesamtwirtschaftlichen Situation, unter der „dramatischen binnenwirtschaftlichen Entwicklung.”

In den letzten Jahren seien die Umsätze stetig zurückgegangen, im letzten Jahr gar um fünf Prozent. „Da finden Gründer kaum noch Chancen”, bestritt Philipp die Argumente der Bundesregierung, wonach die Lockerung des Meisterzwangs mehr Handwerker zum Schritt in die Selbstständigkeit bewege.

Der Anteil der Selbstständigen an der Gesamtwirtschaft liegt in Deutschland mit 9,3 Prozent deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 12,3 Prozent.

Der ZDH-Präsident beurteilte diese Tatsache mit einem deutlichen Gegenplädoyer: „Es kommt nicht darauf an, wie viele Selbstständige man in einer Volkswirtschaft hat, sondern darauf, wie diese qualitativ ausgerichtet sind.”

Eine Qualität, die der Zentralverband des Deutschen Handwerks gefährdet sieht. Und da laut Philipp eine „irreparable Zerschlagung der Strukturen” zu befürchten ist, werde sein Verband in den kommenden Monaten seine „eigenen Vorstellungen voranbringen”.

Man werde sich weiter für eine „sachgerechte Modernisierung der Handwerksordnung” einsetzen.

Der Verband habe in seinem Konzept sehr wohl Zugeständnisse gemacht, habe Bereitschaft gezeigt, sich „den Gegebenheiten anderer europäischer Länder anzuschließen”.

So wolle man alle 400 europäischen handwerklichen Berufsfelder - die Mehrzahl setze vergleichsweise niedrige Qualifikationen voraus - auch in Deutschland ausbilden lassen. Gerade im Sinne der Gründung von Ich-AGs.

Die Abschaffung des Meisterbriefs als bindende Voraussetzung für Selbstständigkeit in vielen traditionsreichen deutschen Handwerksfeldern freilich mag man nicht aufgeben. Bleibt abzuwarten, wie der Bundesrat entscheidet.