Mehr Stellen für Azubis: Wechsel von Studium in Ausbildung gefragt

Halbzeit im Ausbildungsjahr : Mehr Stellen für Azubis in der Region

Zur Halbzeit des Ausbildungsjahres 2018/2019 sind insgesamt 3952 Jobs unbesetzt – leicht mehr als im Vorjahr. Ein Weg, der immer öfter wahrgenommen wird, ist dabei auch, vom Studium in die Ausbildung zu wechseln.

Patrick Ley hat knapp vier Semester Elektrotechnik an der RWTH Aachen studiert, bevor er sich für eine Berufsausbildung bei einem Stolberger Mittelständler entschieden hat. „Mir hat der praktische Bezug gefehlt“, sagt der heute 24-Jährige, der jetzt kurz vor seinem Abschluss als Mechatroniker steht. Seit anderthalb Jahren engagiert er sich als Ausbildungsbotschafter der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen, geht an die Schulen der Region und stellt seinen Beruf vor. „Die Lehre ist eine sehr gute Alternative zum Studium“, erklärt er. Das wolle er den jungen Leuten zeigen.

 „Ausbildungsmarketing wird immer wichtiger“, bestätigt Bettina Vorwerk, Teamleiterin Ausbildung bei der Dalli-Werke GmbH & Co. KG. Der Arbeitgebermarkt sei zu einem Arbeitnehmermarkt geworden – die Jugendlichen könnten sich den Betrieb häufig aussuchen. Das Familienunternehmen habe daher gleich ein ganzes Maßnahmenbündel geschnürt – vom Girls’ & Boys’ Day über Berufsfelderkundungstage für die 8. Klasse bis hin zu verschiedenen Projekttagen in Schulen.

In der „Stolberger Nacht der Ausbildung“ öffnet das Werk der Dalli-Gruppe seine Türen auch für Eltern und Lehrer: „Wir möchten allen die Möglichkeit zu geben, sich vor Ort ein Bild von unserem Ausbildungsangebot zu machen. Die Eltern mit ins Boot zu holen, ist für uns wichtig.“ Schließlich werde die Berufswahl der Kinder stark durch die Eltern geprägt.

„Es kann auch heutzutage noch gelingen, sehr gute Auszubildende zu gewinnen, aber es wird schwieriger. Man muss heute mehr tun, als noch vor zehn Jahren“, so Ulrich Käser, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Aachen-Düren. „Von den seit Anfang Oktober gemeldeten Ausbildungsstellen sind Ende März noch 3952 unbesetzt“, sagt er mit Blick auf die Halbjahresbilanz des Berufsberatungsjahres 2018/2019. Diese Zahl liege um 178 Stellen über dem Niveau des Vorjahres (Ende März 2018: 3744 unbesetzte Ausbildungsstellen). Von den gemeldeten Bewerbern waren zum selben Zeitpunkt noch 3.534 unversorgt – ein Rückgang von 2,3 Prozent.

Für jeden gibt es eine Stelle

Rein rechnerisch stellt sich die Situation am Ausbildungsmarkt wie folgt dar: Im Bezirk der Arbeitsagentur Aachen-Düren kamen bis zum 31. März auf einen Bewerber durchschnittlich 1,01 Ausbildungsstellen (Vorjahr: 0,92). „Das Verhältnis von Berufsausbildungsstellen und Bewerbern ist also erstmals wieder ausgeglichen“, so Käser.

Eine erfreuliche Entwicklung sei die deutlich gestiegene Ausbildungsbereitschaft der Betriebe in der Region: Mit einem Plus von rund 400 Stellen liege die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen noch einmal deutlich über dem Niveau des Vorjahres. Insgesamt wurden im Zeitraum Oktober 2018 bis März 2019 5924 Ausbildungsstellen gemeldet.

IHK-Geschäftsführerin Heike Krier sagt: „Der Wettlauf um die Auszubildenden hat begonnen und startet immer früher.“ Dabei gehe es nicht mehr darum, die Besten anzuwerben, sondern darum, überhaupt Auszubildende zu bekommen. „Die Zahl der freien Stellen unserer Lehrstellenbörse hat einen Rekordwert erreicht“, erklärt Krier. „Das zeigt, dass die Betriebe dringend suchen.“ Ihr Fazit: „Die Lehrstellen sind da, aber es fehlt an ausbildungsinteressierten Jugendlichen.“ Zum einen liege das an der demografischen Entwicklung, zum anderen am Trend zum Studium: Neun von zehn Grundschülern wechseln auf eine Schule, die zum Abitur führen kann. „Und wer das Abitur hat, der studiert“, sagt die IHK-Geschäftsführerin.

Der Trend zu höheren Abschlüssen wirke sich auch unmittelbar auf die Situation im Handwerk aus, bestätigt Georg Stoffels, Geschäftsführer der Handwerkskammer Aachen. Dem Handwerk gehe es zwar nach wie vor sehr gut. Gleichzeitig suchen die Betriebe händeringend nach Fachkräften. „Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung muss in den Köpfen ankommen“, fordert er. „Wir haben auf der einen Seite 350 duale Ausbildungsberufe, die fundiert sind und häufig mit einer Jobgarantie einhergehen, und auf der anderen Seite eine inflationäre Anzahl von Bachelor-Abschlüssen, bei denen es fraglich ist, ob man damit später sein Brot verdient.“