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Aachen: Maßstäbe der Mobilität: Made in Aachen

Aachen : Maßstäbe der Mobilität: Made in Aachen

Andreas Schamel hatte da so eine Vermutung. Vor wenigen Wochen, im Gespräch mit unserer Zeitung, prophezeite der verantwortliche Forschungsleiter des US-Autobauers Ford, dass wohl viele Besucher mit drängenden Fragen im Gepäck den Weg in die Aachener Theaterstraße ansteuern würden — und zwar mit drängenden Fragen zur Autobranche, „die nicht zuletzt durch die Schlagzeilen aufgetreten sind, die ein großer Mitbewerber verursacht hat“, sagte er damals.

Am Montagabend wurde dann im Haus der Industrie- und Handelskammer Aachen (IHK) ziemlich schnell deutlich: Schamel sollte recht behalten. Das Unternehmerforum, organisiert von der IHK in Kooperation mit unserer Zeitung, war derart gut besucht wie schon lange nicht mehr. Gründe dafür gab es gleich mehrere.

Stand Rede und Antwort: Andreas Schamel im Gespräch mit Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung.
Stand Rede und Antwort: Andreas Schamel im Gespräch mit Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung.

Zentraler Akteur der Branche

Einer dieser Gründe, das war — natürlich — Ford selbst. Es hat in der Geschichte des Unternehmerforums schon viele Unternehmen gegeben, die Einblicke in ihre Arbeit gewährten: kleine Player, große Player, die ganze Bandbreite unternehmerischer Innovationen aus der Region eben. Doch Ford, das ist nicht bloß ein großer, das ist einer der größten Konzerne. Und ein zentraler Akteur der Automobilbranche, dessen Innovationen direkt aus der Region in aller Welt zu Geltung kommen.

Seit 1995 besitzt der US-Autobauer einen Forschungsstandort in der Aachener Süsterfeldstraße. Doch damit nicht genug: Aachen ist einer von insgesamt nur drei Ford-Forschungsstandorten weltweit, er ist der einzige außerhalb des amerikanischen Kontinents, und: Er ist wahrscheinlich der bedeutendste. „Wir haben uns bewusst für den Standort Aachen entschieden“, sagte Schamel im Gespräch mit Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, der als Moderator durch den Abend führte. „Das Dreiländereck und die enge Beziehung zu den Aachener Hochschulen war ein entscheidender Aspekt bei der Standortwahl“, sagte Schamel.

Nachwuchs von den Hochschulen

Der Automobil-Ingenieur ist seit 2012 weltweit verantwortlich für den Bereich Forschung bei Ford. 30 Jahre steht er bereits im Dienst des Unternehmens. 2005 übernahm er den Bereich der Motorenforschung in den USA, 2009 folgte der Schritt nach Aachen. Und genau dort verschreiben sich rund 350 Mitarbeiter sämtlichen Forschungsthemen rund um die Entwicklung von Motoren, Antrieben und Brennstoffen. „Und es werden ständig mehr“, verriet Schamel. „Wir profitieren hier vom Nachwuchs, der von den Hochschulen kommt.“

Eigentlich, so könnte man es formulieren, treibt die Ford-Forscher so ziemlich alles an, was sich bewegt. Doch die Schwerpunkte in Aachen liegen im Wesentlichen in drei Kernkompetenzen: Fahrdynamik und Fahrwerkstechnologie, künftige Bordnetze und die Entwicklung der Dieselmotoren. Dieselmotor: Da ist er also, der Begriff, um den sich — wie es zu erwarten war — vieles drehte beim Besuch des Ford-Forschungsleiters, der gar nicht erst versuchte, den Abgasskandal eines großen Mitbewerbers kleinzureden. „Klar ist, dass die gesamte Dieselmotorenforschung durch den Abgasskandal eine spürbare Delle erhalten hat“, sagte Schamel. „Die gesamte Automobilindustrie ist jetzt gefordert.“

Volkswagen ist durch den Abgasskandal schwer gebeutelt — und Ford? Waren die Zuständigen des US-Autobauers einfach geschickter? „Nein“, sagte Schamel. „Geschickter klingt so, als wolle man etwas vertuschen. Was ich aber versichern kann: Wir haben bei der Forschung und Entwicklung der Dieselmotoren äußerst scharfe interne Standards.“ Fest steht: Der Dieselmotor — und das gilt nicht nur für Ford — wird längerfristig ein Thema bleiben, besonders in Europa. „Die Dieseltechnik ist alternativlos“, sagte Schamel.

Wenn der zuständige Forschungsleiter eines der größten Automobilkonzerne der Welt beim Unternehmerforum in Aachen zu Gast ist, dann muss natürlich in diesem Zusammenhang auch über die Elektromobilität gesprochen werden. Schamel kennt die Fragen nach zukunftsorientierten batteriebetriebenen Fahrzeugen. Und er weiß auch, wie er auf diese Fragen zu antworten hat: Das Elektroauto, das rein für den privaten Gebrauch genutzt wird, sei noch zu teuer, so Schamel. „Anders sieht es da bei Hybridfahrzeugen aus. In diesem Bereich setzen wir Maßstäbe.“

Auto reserviert den Parkplatz

Der Ford-Forschungschef wollte den Abend lieber nutzen, um über das zu sprechen, was ihn auch persönlich antreibt: die Entwicklung innovativer Fahrerassistenz-Systeme und das autonome Fahren. Ford gehe in der Automobilindustrie in diesem Bereich voran. „Es geht nicht ausschließlich darum, dass das Fahrzeug dem Fahrer alles abnimmt; es geht viel mehr um die Kommunikation zwischen Auto und Mensch. Und: Wir brauchen Technologien, die auf die aktuelle Verkehrsentwicklung reagieren. All das immer unter dem Gesichtspunkt der erhöhten Sicherheit auf den Straßen“, sagte Schamel.

Kommunikation zwischen Auto und Mensch — ein großer Bereich, bei dem Schamel gerne weiter ins Detail ging: „Es wird schon in ein paar Jahren so weit sein, dass uns das Auto auf dem Weg in die Stadt anzeigt, welcher Parkplatz wo zur Verfügung steht und diesen für uns reserviert“, sagte er. Die Zeit wird es zeigen, ob er auch mit dieser Prophezeiung recht behalten wird.