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Frankfurt/Bonn: Massenpanik oder die Lust am Zocken: Anleger handeln selten rational

Frankfurt/Bonn : Massenpanik oder die Lust am Zocken: Anleger handeln selten rational

An den Börsen geht es zurzeit drunter und drüber: Die Finanzkrise ließ die Kurse erst dramatisch abstürzen, dann stiegen sie wieder steil an, um kurz darauf wieder einzubrechen.

Zwar gibt es kurzfristige Prognosen. Doch wie sich die Kurse tatsächlich entwickeln, das weiß keiner so genau. „Aktiengeschäfte haben viel mit Unsicherheit und Spekulation zu tun”, sagt der Bonner Volkswirt Armin Falk, der sich auf verhaltensorientierte Ökonomie spezialisiert hat. Deshalb sind extreme Kursschwankungen an den Börsen nicht immer rational erklärbar.

„Da steckt ganz viel Massenpsychologie dahinter”, erklärt der Psychologe Werner Gross vom Psychologischen Forum Offenbach, der auch viele Banker und Anleger behandelt. Die Börsen reagierten oft so unberechenbar wie eine in Panik geratene Büffelherde. „Es gibt auch so was wie intelligentes Schwarmverhalten. Aber wenn Panik oder Goldgräber-Stimmung an den Aktienmärkten herrschen, ist das dahin.” Sobald die ersten in eine bestimmte Richtung stürmen, rennen alle hinterher. Manchmal reicht ein winziger Auslöser, und die Kurse stürzen plötzlich ins Bodenlose oder steigen kometenhaft an.

Da hilft auch nicht, dass der Handel zum Großteil computergesteuert läuft. Im Gegenteil: „Computer können helfen, wenn sie die richtigen Informationen bekommen. Sie können Fehler aber auch verstärken”, sagt Falk. Das sieht der Psychologe Gross ähnlich: „Die Computerlogik beschränkt sich auf 0 und 1, sie kennt also nur zwei Extreme.” Dies verstärke dramatische Kursabstürze oder -anstiege.

Der Markt neigt deshalb zu Übertreibungen. „Das Problem ist, dass sich die Kurse von dem wirklichen Wert eines Unternehmens entfernen”, kritisiert Falk. Kerngesunde Firmen werden völlig unterbewertet, andere schneiden dagegen grundlos gut ab. „Vieles, was an den Börsen passiert, ist irrational.” Und genau das nutzen manche Anleger ganz gezielt, wie der Fondsmanager Trudbert Merkel von der Deka-Bank in Frankfurt weiß: „Es gibt Investoren, die spielen klar mit der Karte Panik, um die Märkte nach unten zu drücken.” Dadurch streichen sie später kräftige Gewinne ein, weil sie sich zum Beispiel günstig in Unternehmen einkaufen können oder weil sie vorher auf fallende Kurse gewettet haben.

Das Nachsehen haben dann vor allem die Millionen deutschen Kleinanleger. „Das liegt an der Verlustaversion”, erläutert Falk. „Wir neigen dazu, Verluste nicht realisieren zu wollen und Gewinne viel stärker zu bewerten.” Das führt dazu, dass Anleger ihre Aktien bei sinkenden Kursen zu lange behalten und bei steigenden Kursen zu schnell verkaufen. Verstärkt wird das Ganze dadurch, dass private Anleger oft nicht ausreichend informiert sind und auch nicht schnell genug reagieren können. „Sie sind in der Informationskette immer die letzten - was zum Teil aber auch selbst verschuldet ist”, sagt der Frankfurter Anlegeranwalt Klaus Nieding, der auch für die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz tätig ist. Viele Anteilseigner nutzten das Internet noch zu wenig, um die aktuelle Entwicklung an den Börsen im Auge zu behalten.

Doch wieso zocken Anleger trotz des hohen Risikos an den Börsen? Der Chef der Welthandelsorganisation WTO, Pascal Lamy weiß eine Antwort: „Die Spekulation liegt in der menschlichen Natur”, sagte er kürzlich einer französischen Zeitung. Das kann Gross bestätigen: „Natürlich gibt es einen menschlichen Spieltrieb.” Zwei bis zehn Prozent aller Börsianer seien Schätzungen zufolge sogar süchtig danach. „Sie suchen den "Kick". Manche Menschen bekommen den beim Sex oder riskanten Sportarten, andere eben an der Börse.”