1. Wirtschaft

Aachen: Kopfschütteln über Focus-Studie: Region mit schlechten Plätzen

Aachen : Kopfschütteln über Focus-Studie: Region mit schlechten Plätzen

Wolfgang Steinle hat einen Wettbewerb geschaffen, den es überhaupt nicht gibt. Zum dritten Mal hat der Sozialforscher für den „Focus“ 401 deutsche Kreise und kreisfreie Städte miteinander verglichen und nach der Auswertung von Millionen Daten ein Ranking erstellt.

Steinle wohnt zum Beispiel in der Stadt auf Rang 130. Immerhin hat sich Köln damit um 30 Plätze im Vergleich zum Vorjahr verbessert. Analysiert wurden 21 Indikatoren in fünf Kategorien. Das macht allgemeine Aussagen —und das ist so ein Platz in der Abschlusstabelle — schwierig.

Die Rubrik Wachstum und Jobs umfasst neben den Arbeitsmarktkennzahlen auch das Wirtschaftswachstum gemessen am Bruttoinlandsprodukt je Einwohner. Die Firmengründungen gelten als Indikator für die jeweilige Aufbruchstimmung. In dieser Kategorie wurde erstmals auch die Verfügbarkeit eines schnelleren Internets (mindestens 50/Mbit/s) berücksichtigt. Mit der Analyse von Produktivität und Standortkosten geht Studienleiter Steinle der Frage nach, welche Wertschöpfung Angestellte mit ihrer Arbeit erzielen (Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigenstunde) und wie hoch der jeweilige Gewerbesteuerhebesatz für die Betriebe ist.

Mit der Untersuchung von Einkommen und Attraktivität wurden die Höhe der Löhne und der Haushaltseinkommen abgebildet. Dahinter steckt die Fragestellung, wie die Einwohner am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Region partizipiert. Berücksichtigt wurde auch der Saldo aus Zu- und Wegzügen. In der Kategorie Lebensqualität geht es um Sicherheit (Statistiken zur Straßenkriminalität und Wohnungseinbrüchen), Gleichbehandlung von Männern und Frauen, dem Armutsrisiko, aber auch um gemeldete Krankheitstage in der Region oder dem Nitratgehalt im Wasser.

So entsteht ein Ranking zwischen Platz 1 Landkreis München und Platz 401 Salzlandkreis in Sachsen- Anhalt. „Von gleichen Chancen oder Voraussetzungen kann in Deutschlands Regionen und Städten überhaupt keine Rede sein“, sagt der Wissenschaftler.

Die Kommunen aus der Region landen eher in den hinteren Regionen wie auch das Land NRW selten Vorderplätze belegt. Die Städteregion Aachen wird auf Platz 216 gelistet (2015: 252), der Kreis Düren auf 267 (2015: 320) und der Kreis Heinsberg auf 334 (2015: 290). „Die Region leidet unter ihrer schwachen wirtschaftlichen Basis“, sagt Steinle und verweist auf das geringe Bruttoinlandsprodukt (Rang 351).

Landrat auf den Barrikaden

Damit bringt er schnell den zuständigen Landrat Stephan Pusch auf die Barrikaden. Der Landrat des Kreises hält die aktuelle Wirtschaftsstudie der Region Aachen dagegen, die der Zweckverband Region Aachen hat erstellen lassen. „Hier schneidet der Kreis Heinsberg in vielen Bereichen — auch vergleichsweise — sehr gut ab. Wir haben im Vergleich zum Kreis Düren, zur Städteregion und zur Stadt Aachen die mit Abstand niedrigste Arbeitslosenquote der Region, dazu herausragende Firmenansiedlungen mit Schaffung von zahlreichen Arbeitsplätzen, stehen aber im Bereich ‚Wachstum und Jobs‘ im Focus-Ranking weit hinter Aachen und Düren“, wundert er sich.

Ein flächendeckendes Glasfasernetz, ein Plus von 10.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen in den letzten zehn Jahren und auch die statistisch belegbare überdurchschnittlich positive Entwicklungsdynamik zum Beispiel mit der überdurchschnittlichen Vermarktung von Gewerbeflächen spiegele sich im Focus-Ranking ebenfalls nicht wieder. „Der Kreis Heinsberg wird seinen erfolgreichen Entwicklungsprozess fortsetzen, daran wird ein beliebiges ‚Ranking‘ einer deutschen Zeitschrift nichts ändern“, kündigt Pusch an.

Die Städteregion erringt nur einen Vorderplatz — Rang 67 — in der Breitbandabdeckung, die laut Studie inzwischen bei 92 Prozent liegt. In der Sparte Wachstum und Jobs rangiert die Region im Mittelfeld auf Platz 185; das Bruttoinlandsprodukt ist gut (31), eine bessere Platzierung verhindert die Arbeitslosenquote (Rang 341). Bernd Büttgens, Sprecher der Stadt Aachen, sagt, dass man sich prinzipiell intensiv mit fundierten Umfragen auseinandersetze, dem Focus-Ranking messe man aber „keine Bedeutung“ bei. „Analysen mit so einer großen Unschärfe lassen sich kaum ernsthaft bewerten“, findet er, zumal nur eine pauschale Betrachtung der gesamten Städteregion vorliege.

In den fünf Kategorien reicht es nur einmal zu einem Platz unter den Top 50 für die untersuchten Kommunen aus der Region. Düren belegt bundesweit Rang 49 bei den Firmengründungen. Zufrieden reagiert dann auch Dürens Landrat Wolfgang Spelthahn auf das Ranking und die deutliche Verbesserung in der Tabelle. „Es dokumentiert den Erfolg der Anstrengungen des Kreises Düren in den letzten Jahren, zum Beispiel in den Schwerpunktbereichen Tourismus und High-Tech.“ Die aktuelle Erhebung sei mit Blick auf die Wachstumsstrategie „Kreis Düren 2025“ aber nur eine „Momentaufnahme“ eines Etappenzieles.

Wenn Steinle sich die Statistiken genauer anschaut, ist er erstaunt über schlechte Eckdaten in einigen Unterkategorien. Der Kreis Heinsberg liege zum Beispiel bei der Straßenkriminalität, die Schlägereien, Überfälle und Taschendiebstähle aufliste, unverändert auf einem schlechten Platz 332, die Städteregion gehört in dieser Disziplin sogar zu den schlimmsten Region mit Platz 381 (2016: 384), Düren landet auf Platz 328.