Ein besonderes Kraftwerk: Klärschlamm verbrennen neben Kohle und Müll?

Ein besonderes Kraftwerk : Klärschlamm verbrennen neben Kohle und Müll?

Klärschlamm ist quasi das Allerletzte. Das, was vom Abwasser der Zivilisation übrigbleibt. Bisher wird ein Teil der Klärschlämme unter anderem in Kohlekraftwerken und Zementöfen mitverbrannt. Auf lange Sicht ist das aber keine Lösung mehr. Steht also die Frage im Raum: Wohin mit dem Zeug?

Klärschlamm ist quasi das Allerletzte. Das, was vom Abwasser der Zivilisation übrigbleibt  – eine stinkende dunkle Masse, durchsetzt mit Giften, Krankheitserregern, Medikamentenrückständen und vielem mehr. Aber zum Beispiel auch mit Phosphor, weswegen Klärschlamm ein wichtiger Dünger ist. Besser gesagt: bald gewesen ist. Denn wegen der vielen schädlichen Inhaltsstoffe wird es auf Sicht verboten sein, Klärschlamm aus Kläranlagen in der Landwirtschaft zu verwerten. Laut verschärfter Verordnung gilt das für Kläranlagen mit einer Kapazität über 100.000 Einwohner ab 2029 und über 50.000 Einwohner ab 2032.

Außerdem werden umgehend die Rahmenbedingungen für den Einsatz auf Feldern verschärft. Die Schwermetallbelastung muss gesenkt werden, es darf nicht mehr so viel Stickstoff und Phosphor im Dünger sein und es darf nur noch seltener gedüngt werden.

Bisher wird ein Teil der Klärschlämme unter anderem in Kohlekraftwerken und Zementöfen mitverbrannt. Doch erstens haben die einen – verglichen mit einer Müllverbrennungsanlage (MVA) – vielfach höheren Schadstoffausstoß. Und zweitens wird es Kohlekraftwerke wie jenes in Weisweiler auf Sicht kaum noch geben, wodurch auch nichts mehr mitverbrannt werden kann. Steht also die Frage im Raum: Wohin mit dem Zeug?

Eine Antwort für die gesamte Region könnte lauten: just nach Weisweiler und statt ins Kraftwerk in eine Klärschlammverbrennungsanlage. Die gibt es (noch) nicht. Aber sie könnte in Nachbarschaft zur ebenfalls dort beheimateten MVA Weisweiler gebaut werden.

„Günstig für den Bürger“

Das jedenfalls ist ein Plan, den die „Klärschlamm-Kooperation Rheinland“ (KKR) hegt. Ihm gehören der für weite Teile unserer Region zuständige Wasserverband Eifel-Rur (WVER), die Städte Köln und Bonn, der Erftverband und der Niersverband (Kuckum im Süden bis Goch im Norden) mit insgesamt rund vier Millionen Einwohnern an. Denn Fakt ist, dass es bislang nur rund 20 sogenannte Monoklärschlammverbrennungsanlagen (MKVA) in Deutschland gibt.

Viel zu wenige für die Masse, die verbrannt werden muss. Der Verband will eine Anlage bauen, die den Klärschlamm quasi aus dem gesamten südlichen Rheinland in Asche verwandeln kann. Auch weitere Kommunen könnten sich noch anschließen. Die Kapazität könnte bei 90.000 Tonnen getrocknetem Klärschlamm liegen. Das entspricht einer Menge von ungefähr 360.000 Tonnen ungetrockneten Klärschlamms, der aus den angeschlossenen Gebieten nach Weisweiler geliefert und dort verarbeitet würde. Das wiederum entspricht ziemlich exakt der Kapazität der MVA Weisweiler. Die Partner sehen in einer derartigen Bündelung in einer großen Anlage unter anderem wirtschaftliche Vorteile. Nicht etwa, dass sie sozusagen aus – vornehm gesagt – Mist Gold im Sinne von Gewinnen machen wollen, sondern im Sinne einer „günstigen Entsorgung für die Bürger der Region“. So steht es in einer Präsentationsvorlage des WVER, die unserer Zeitung vorliegt. Diese wird heute dem Aufsichtsrat der AWA – der Entsorgungsgesellschaft von Stadt, Städteregion und Kreis Düren – von WVER-Vorstand Joachim Reichert und KKR-Projektleiter Jörn Kleinmann vorgestellt.

Grund: Neben der unter anderem von der AWA betriebenen MVA gibt es noch ein 50.000 Quadratmeter großes freies Grundstück. 30.000 Quadratmeter davon hätte der KKR gerne in Erbpacht für die neue Anlage. Kein Wunder, dass es in der Präsentation heißt: „Der Bau einer MKVA am Standort der MVA Weisweiler bietet herausragende Chancen!“ Der Standort wird aus mehrfacher Sicht als ideal angesehen. Die Autobahnnähe, Synergieeffekte mit der MVA (Betrieb, Leitstand, Waage), „gute Genehmigungsfähigkeit“ als „langjähriger Verbrennungsstandort“ und mehr werden genannt.

Verband wirbt mit Geld und Jobs

Und die KKR winkt mit Geld und Jobs. 130 Millionen Euro würden investiert, 50 Arbeitsplätze direkt in der Anlage und weitere 50 durch „nachziehende Unternehmen“ geschaffen. Hinzu kämen durch eine Recyclingversuchsstätte der RWTH namens CIRC weitere 30 Millionen Investition und 20 Arbeitsplätze. Gepriesen wird das Ganze als Beitrag zum Strukturwandel in der Region. Erweitert werden könne die Anlage noch um ein Phosphorrecycling. Und energetisch sinnvoll sei das alles überdies, weil die entstehende Wärme als Fernwärme genutzt werden könnte.

In dem Papier heißt es auch, dass man vorab im August mit Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram gesprochen habe. Der allerdings macht erstmal piano. „Zu einem Projekt mit solchen Dimensionen sage ich sicher nicht auf Zuruf ja oder nein.“ Erstmal müsse alles auf den Tisch insbesondere der AWA und weiterer Entscheidungsebenen. Die Eschweiler Politik müsse sich überdies damit befassen. Persönlich finde er, dass man ernsthaft darüber nachdenken müsse. Aber erst müssten alle offenen Fragen beantwortet sein.

Dazu gehört sicher die Frage, warum man 360.000 Tonnen ungetrockneten Klärschlamm durch die  Gegend karren muss und davon dann nur 90.000 getrocknete Tonnen verbrennt.  Laut KKR sei ansonsten der Flächenverbrauch für die Vortrocknung enorm. Außerdem will man bei der Trocknung Energie gewinnen, mit der die Öfen betrieben werden könnten. Wäre da unter anderem noch die Frage, ob Weisweiler weitere zehntausende Lkw-Fahrten pro Jahr verträgt. Da heißt es in der Vorlage, die KKR sei bestrebt, emissionsarme Laster einzusetzen. Oder sogar solche ganz ohne Abgase, also Elektro-Lkw.

Entscheidung bis Ende 2019

Der Klärschlamm-Verband erhofft sich heute im Aufsichtsrat eine Zustimmung der AWA dergestalt, dass dem KKR ein „verbindliches Angebot zur Grundstücksüberlassung“ unterbreitet werde, das man dann bis Anfang November unterzeichnet zurückschicken will. Dem Vernehmen nach schießen die Preußen so schnell jedoch nicht. Der Aufsichtsrat will sich erstmal anhören, was die Klärschlammverbrenner präsentieren und dann ausführlich diskutieren. Allerdings macht die KKR auch unverholen Druck: Bis Ende Dezember werde man eine „finale Standortentscheidung“ treffen. Dem Venehmen nach soll neben Weisweiler vor allem noch Köln im „Rennen“ sein.