1. Wirtschaft

Aachen: Kfz-Gewerbe mit dem Rücken an der Wand

Aachen : Kfz-Gewerbe mit dem Rücken an der Wand

Einen Appell zu einer schnellen Produktionsanpassung an den übersättigten Automarkt hat Rolf Leuchtenberger, Präsident des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes, am Montag in Aachen an die Automobilindustrie gerichtet.

Mit den Worten „Stopp die Autoflut” forderte er Hersteller und Importeure auf, „das Kernproblem Überproduktion anzupacken”.

Das deutsche Kfz-Gewerbe sieht sich im Augenblick gleich von mehreren Seite in die Zange genommen.

Über die Hälfte der rund 44.000 deutschen Betriebe mit noch rund 500.000 Beschäftigten schreibt rote Zahlen. Der Druck auf die Rendite hat weiter zugenommen.

So drücken die Autohersteller, die selbst auf hohen Lagerbeständen sitzen, immer mehr Fahrzeuge als Jahres- oder Vorführwagen in die Ausstellungsräume der Händler.

Angesichts einer Überproduktion von sechs bis siehen Millionen Fahrzeugen in Europa forderte Rolf Leuchtenberger vor 500 Vertretern des deutschen Kfz-Gewerbes in Aachen eine deutliche Produktionsanpassung der großen Autofirmen.

Das Kfz-Gewerbe habe das Autojahr 2003 bereits abgeschrieben. Für das kommende Jahr sei allerdings mit einer Belebung zu rechnen, wenn die Auftragseingänge vom September sich entsprechend fortsetzten.

Dabei machte Leuchtenberger eine folgenreiche Einschränkung: „Die politischen entscheidungen der nächsten Wochen entscheiden darüber, ob in diesem land eine dauerhafte und stabile aufbruchstimmung entstehen kann.”

Sollten aber aus dem politischen Lager weiterhin Störfeuer gelegt werden wie Änderung der Kilometerpauschale oder Dieselbesteuerung, so Leuchtenberger, sei dieser Aufschwung rasch in frage gestellt. Er sprach sich für eine aktive und verlässliche Mittelstandspolitik aus.

Für verwerfungen in der Branche sorgt die seit dem 1. Oktober in der EU gültige Gruppenfreistellungsverordnung (GVO).

Ursprünglich wollte EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti mit der GVO eine Liberalisierung des Handels erzielenund die Preise drosseln. Künftig sollen Autohändler unter einem dach mehrere Marken anbieten können.

Im Vorfeld der GVO haben die großen Autohersteller die Zeit genutzt, mit ihren Händlern neue Verträge festzulegen, die die Händler noch fester binden.

Das Kfz-Gewerbe sieht - das wurde auf der Tagung in Aachen deutlich - darin eine Aushebelung der angestrebten Liberalisierung.

Die Händler haben inwischen über 100 Vertragsklauseln zusammengetragen, die gegen die Brüsseler GVO-Grundsätze verstoßen.

Ein Beispiel: Einem Händler, der mit seinem Autolieferanten im Geschäft bleiben will, wird vom Hersteller vorgeschrieben, einen siebenstelligen Betrag allein für den Ausstellungsraum zu investieren.

Dabei wird jedes Detail genau vorgeschrieben und die Umsetzung rigoros überprüft. Den Dreiklang Ermahnung, Abmahnung, Kündigung hält Leuchtenberger für kontraproduktiv im täglichen Miteinander zwischen Handel und Herstellern.

Zudem überforderten die Investionen die Möglichekiten der überwiegend mittelständischen Händler.Leuchtenberger: „Uns geht betriebswirtschaftlich die Luft aus.”

2003 werde eine Umsatzrendite vor Steuern von „knapp unter einem Prozent erzielt. erforderlich sei aber eine größenordnung von drei Prozent, so Leuchtenberger.