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Lohmar: Keramik bringt Skispringer auf Gold-Kurs

Lohmar : Keramik bringt Skispringer auf Gold-Kurs

Zumindest der nordische Kombinierer Erik Frenzel hat vom Schanzentisch aus Kurs Richtung Goldmedaille genommen. Die Olympischen Winterspiele von Sotschi mögen in den Loipen unter den frühlingshaften Temperaturen leiden, auf den Skischanzen des „RussSki-Gorki“-Zentrums in Krasnaja Poljana trotzt deutsche Technik dem Wetter — und damit ist nicht Olympiasieger Frenzel aus Annaberg-Buchholz, sondern die Anlaufspur auf kleiner und großer Schanze gemeint.

Denn die ist aus Keramik, eine witterungsbeständige Entwicklung aus Deutschland, die bei diesen Spielen — so loben Athleten wie Trainer — für Höchstleistungen steht. Die Spur führt zu den Verantwortlichen in den Rhein-Sieg-Kreis nahe Bonn. Genauer gesagt nach Lohmar, etwa eine Autostunde von Aachen entfernt. Dort sitzt seit 2002 die Firma CeramTec-ETEC GmbH, eine Tochter der CeramTec Group aus Plochingen in Baden-Württemberg.

Bei jedem Wetter einsatzbereit: Die Spur der Skisprungschanze im russischen Sotschi.
Bei jedem Wetter einsatzbereit: Die Spur der Skisprungschanze im russischen Sotschi. Foto: CeramTec

Das Unternehmen steht für Hochleistungskeramik, die in Medizintechnik, Automobilbau, Maschinenbau, Wehrtechnik und chemischer Industrie zum Tragen kommt. 21 Standorte werden weltweit gezählt. Bei CeramTec-ETEC in Lohmar ist das Hauptgeschäftsfeld der Verschleiß- und Korrosionsschutz in der Chemie- und Glasindustrie. Irgendwie passierte es dann: Industrie wie Sport verlangen Höchstleistungen von Mensch und eben Material, Keramik ist nach Diamant der zweithärteste Werkstoff, ideal für die Belastung bei den Skispringern.

Und auf Diamanten Gold, Silber und Bronze auszuspringen ist dann doch abwegig. So kam die Keramik auf die Schanze. „Unser Unternehmen ist durch Zufall in den Bereich Anlaufspuren vorgedrungen. Es gab früher schon Anlaufspuren aus Porzellan für Sommerwettkämpfe. Diese Idee wurde dann weiterentwickelt“, berichtet Christian Klein, Marketingverantwortlicher bei CeramTec am Standort Lohmar.

Immer gleiche Bedingungen

Montagabend stand das Mannschaftsspringen auf dem olympischen Programm. Christian Klein und viele Kollegen saßen natürlich vor dem TV, ein Serviceteam ist gar vor Ort, sorgt an der Seite des russischen Schanzenwartes Sergej Sirjanow für den reibungslosen Ablauf. Der Clou des keramischen Anlaufspursystems mit den Namen „Alo-slide Ice“: Die Spur — ein sogenanntes Einspursystem — kann sowohl im Sommer auf Keramik als auch im Winter auf Eis genutzt werden, ohne dass die Anlaufspur komplett umgebaut werden muss.

Die Kühlung lässt eine Eisspur bei Außentemperaturen von 15 Grad Celsius und mehr zu. „Damit herrschen immer die gleichen Bedingungen in der Anlaufspur, vom ersten bis zum letzten Springer“, erläutert Klein. Die Keramiknoppen — in Lohmar bei 1600 Grad gebrannt — sind in Spezial-Kautschuk einvulkanisiert und in einer wissenschaftlich getesteten Anordnung platziert. Das integrierte Kälteaggregat beschert eine stabile 20 Zentimeter dicke Eisschicht.

Diese bildet sich dabei allein aus Luftfeuchtigkeit und dem starken Herunterkühlen der Spur, es ist nicht mehr notwendig, Schnee und Eis von Hand aufzutragen, wie es früher ganz normal war — und da waren teilweise 40 Tonnen Schnee angekarrt worden. „Man bedient ein paar Knöpfe, und die Spur ist schon in ein paar Tagen fertig“, erklärt Sirjanov.

Egal, wie warm es in Sotschi auch sein mag: Die Eisschicht hält stand. „Bislang sind wir sehr zufrieden. Vor allem mit der Tatsache, dass die Spur trotz der frühlingshaften Temperaturen einwandfrei funktioniert hat. Sicher ist, dass mit einer klassischen Schneespur ohne Kühlung der Wettkampf förmlich ins Wasser gefallen wäre“, erklärt Klein. Und ganz nebenbei: Die Spur würde auch ohne Schnee Höhenflüge möglich machen. Keramik hat bei allen Temperaturen gleiche Gleiteigenschaften.

Es ist nicht die erste Schanze, die das 150-Mitarbeiter-Unternehmen aus Lohmar ausgerüstet hat. Schon 2006 bei den Winterspielen von Turin ging es für den österreichischen Goldmedaillen-Gewinner Thomas Morgenstern und alle anderen auf Keramik Richtung Schanzentisch. Bei der Vier-Schanzen-Tournee fliegen die Organisatoren aus Oberstdorf und Bischofshofen auf das „Aloslide“-System.

Wenn dort die besten Skispringer der Welt in die Lüfte gehen, kann sich CeramTec-ETEC bereits als Gewinner fühlen. „Das Prestige, für Projekte mit einer solchen Strahlkraft zuzuliefern, ist enorm und spiegelt auch unsere Innovationsfähigkeit wider“, erklärt Klein. Doch es geht um weit mehr: „Man kann natürlich Parallelen zu Verschleißschutzprojekten ziehen — immerhin ist die Beständigkeit der keramischen Anlaufspuren durch die hohe Härte der Keramik enorm“, erklärt er.

Zudem lässt sich auf den Erfolgen an der Skischanze sportlich aufbauen: Die Laufflächen von Curlingsteinen können auch mit Keramik bestückt werden, um gleiche Bedingungen für alle Sportler herzustellen. Hier ist CeramTec-ETEC jetzt auch am Zug.