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Aachen: Kaum eine Branche bleibt unberührt

Aachen : Kaum eine Branche bleibt unberührt

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, nicht gerade bekannt dafür, eine altmodische Einrichtung zu sein, hat sie einmal als „Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts” bezeichnet. Die Rede ist von der Textiltechnik.

Professor Thomas Gries hat sich darüber gefreut, nicht nur weil er die Einschätzung teilt, sondern vor allem, weil sie seinem Institut, dem Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen (ITA) für die nächsten Jahre, ja Jahrzehnte, eine besonders gute Entwicklung prognostiziert.

Auf eine hervorragende Entwicklung kann das Institut, das in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen feiert, bereits zurückblicken. In den vergangenen Jahren ist das ITA, dessen Kernkompetenzen in der Entwicklung von Textilmaschinen und -komponenten, neuen Werkstoffen, textilen Strukturen und Produkten sowie Verfahren zu ihrer Herstellung liegen, stetig gewachsen.

Mehr als 200 Menschen sind hier beschäftigt, 43 davon als wissenschaftliche Mitarbeiter. Bemerkenswert: Unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern liegt der Frauenanteil bei 40 Prozent.

Erst im Juni ist das Institut in ein hochmodernes Gebäude an der Otto-Blumenthal-Straße gezogen und hat mit dem Bau gleich den Beweis angetreten, dass Textilien auch im Bauingenieurwesen (ein) Werkstoff der Zukunft sind. Bei einer gleichen oder höheren Festigkeit sind die textilbewehrten Betonwände leichter und dünner. Das schafft Platz für Dämmschichten.

„Durch textilverstärkten Beton können Energieverbrauch und Kohlendioxid-Emissionen erheblich gesenkt werden”, erklärt Institutsleiter Gries. Der ITA-Neubau ist das weltweit erste Gebäude, das komplett aus Textilbeton gebaut wurde, im nächsten Jahr soll mit dem Erweiterungsbau ein zweites folgen.

Doch nicht nur das Bauingenieurwesen profitiert von den Entwicklungen des ITA. Kaum eine Branche, die davon unberührt bliebe. Ob in der Medizin, im Autobau, bei der Entwicklung von XXL-Windkraftanlagen oder eben in der Luft- und Raumfahrt: Das ITA forscht und entwickelt auf allen diesen Gebieten und arbeitet interdisziplinär mit anderen Instituten und mit der freien Wirtschaft zusammen. „Da profitieren wir von dem hervorragenden Netzwerk, das die RWTH bereitstellt”, sagt Gries.

Der enorme Erfolg der Textiltechnik liegt wohl auch in den höchst vielfältigen Eigenschaften des Werkstoffs begründet. Fasergeflechte erreichen eine hohe Festigkeit, können große Oberflächen haben, als Filter dienen, porös sein oder dicht, weich oder hart.

Zudem sind sie außerordentlich leicht, was gerade im Automobil- und Flugzeugbau der Zukunft ein entscheidender Vorteil ist. Und: „Diese Werkstoffe lassen sich besonders gut gestalten”, erläutert Gries. Also biegen und formen.

Auch wenn das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Textilien den „Werkstoff des 21. Jahrhunderts” entdeckt hat: Gegen das Image, dass sich ein Institut für Textiltechnik in erster Linie mit Bekleidung beschäftigt - musste Institutsleiter Gries in der Vergangenheit immer wieder ankämpfen.

Ganz davon verabschiedet hat sich das Institut aber doch nicht. Es gibt einen hochinnovativen Bereich der Bekleidungsbranche, in dem das ITA nach wie vor forscht, die sogennanten Smart Textiles: T-Shirts, in denen die Technik für ein komplettes EKG untergebracht ist, Hosen, die den Körperwiderstand beim Laufen messen.

Die Zielgruppen für diese intelligenten Kleidungsstücke hat das ITA bereits ausgemacht: „Zum einen denken wir natürlich an Leistungssportler, zum anderen an ältere, kranke Menschen”, erläutert Nadine Jungbecker, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts.

Eingeweiht wird der Neubau des Instituts für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen, Otto-Blumenthal-Straße 1, am Freitag, 11. September, um 9 Uhr. Zeitgleich feiert das ITA sein 75-jähriges Bestehen. Der offiziellen Einweihung schließt sich von 11.30 bis 16 Uhr ein Tag der Offenen Tür an. Anmeldung per E-Mail: innotex75@ita.rwth-aachen.de