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Aachen: Job-Speed-Dating: Die ersten Verträge sind fast unterzeichnet

Aachen : Job-Speed-Dating: Die ersten Verträge sind fast unterzeichnet

Als der Gong ertönt, weiß Monika Junge, dass der Moment gekommen ist. Ihr Moment. Der, auf den sie wochenlang hingearbeitet hatte, unzählige Stunden Vorbereitung, Selbstpräsentation, Ausdrucksstärke — all das eben, das es braucht, um in zehn Minuten ihre gegenübersitzende Gesprächspartnerin von sich überzeugen zu können.

Die 45-Jährige nimmt also Platz, rückt den Stuhl heran, legt ihre Hände ruhig auf den Tisch, die Beine angewinkelt, so, also wolle sie allein mit ihrer Gestik und Körperhaltung symbolisieren, dass es losgehen kann. Und es geht los. Doch was noch viel wichtiger ist: Für Junge läuft es gut. Sehr gut sogar.

Die Nervosität ist Monika Junge aus Erkelenz während ihres zehnminütigen Gesprächs kaum anzumerken.
Die Nervosität ist Monika Junge aus Erkelenz während ihres zehnminütigen Gesprächs kaum anzumerken. Foto: Harald Krömer

So wie der gelernten Bankkauffrau aus Erkelenz geht es an diesem Mittwoch in der Business Lounge des Tivoli auch 599 anderen Menschen. Was alle vereint: Sie sind arbeitssuchend. Der eine ein paar Wochen, der andere schon einige Monate. Wie lange genau, spielt an diesem Tag keine Rolle. Sie sind nicht gekommen, um zurückzuschauen; sie sind da, um den Blick in die Zukunft zu richten.

Die Arbeitsagentur Aachen-Düren und der TÜV Nord Bildung wollen ihnen dabei helfen. Und zwar mittels eines Speed-Datings. Am Ende eines langen Tages sind es Tausende von zehnminütigen Kurzgesprächen, die die 600 Bewerber mit Vertretern von rund 30 Unternehmen aus der Region führen.

Drei Gespräche davon hat allein Monika Junge. Als unsere Redaktion die 45-Jährige vor zwei Wochen zu einem Gespräch traf, erzählt sie, dass sie schon seit knapp einem Jahr arbeitssuchend sei. „Es wäre schön, wenn es beim Speed-Dating zu einer Arbeitsaufnahme käme“, sagte sie damals.

Die Nervosität ist da

Zwei Wochen später steht sie in der Lounge, nimmt einen Schluck Wasser aus ihrem Glas und wartet auf den Beginn ihres zweiten Gesprächs. Ob sie nervös sei? „Na klar“, sagt sie. „Ist doch normal.“ Dabei läuft schon das erste Gespräch besser, als sie es sich vorab hätte vorstellen können. Junge überzeugt; sie weiß, was sie kann. Sie war jahrelang selbstständig für Bürodienstleistungen, zuletzt angestellt bei einem großen Telekommunikationsunternehmen.

Nach zehn Minuten Speed-Dating wird ihr eine Stelle im Vertrieb in Aussicht gestellt. Junge freut das, aber es ist nicht unbedingt der Bereich, den sie sich vorstellt. „Ich weiß, was ich will“, sagt sie. „Und ich habe genaue Vorstellungen von einem Job.“ Nach ihrem zweiten Gespräch — ein Unternehmen, das Angestellte für ein Callcenter sucht — wird Junge darüber informiert, dass man sie Ende der kommenden Woche anrufen werde. Junge freut sich darüber, dass man an ihr als Angestellte interessiert ist. „Man sieht, es funktioniert“, sagt sie.

Es funktioniert. So oder so ähnlich könnte man das größte Job-Speed-Dating, das die Region je zu Gesicht bekommen hat, durchaus umschreiben. Was offenbar auf jeden Fall funktioniert hat, ist die Vorbereitung auf die Veranstaltung. Jeder einzelne der 600 Teilnehmer wurde im Vorfeld in drei ganztägigen Seminaren für das Speed-Dating geschult: Bewerbungstraining, Erstellen eines professionellen Lebenslaufs, Gesprächsführung — das volle Programm sozusagen.

Die Arbeitsagentur und der TÜV Nord Bildung hatten dafür eigens 40 Coaches engagiert. „Ich bin schon erstaunt darüber, wie gut die Bewerber sich hier präsentieren“, sagt André Kleinermann, Verwaltungsleiter bei Gut Köttenich in Aldenhoven. Das Unternehmen, das in der Region Wohnanlagen für Senioren und Behinderte betreibt, ist mit rund 200 zu besetzenden Stellen nach Aachen gereist. „Wir expandieren und haben sowohl im Pflegebereich als auch in der Verwaltung zahlreiche Stellen zu besetzen“, sagt er. „Und wenn ich mir anschaue, wie sich die Bewerber hier präsentieren, dann bin ich sicher, dass wir fündig werden.“

Wie viele Bewerber am Ende tatsächlich einen Arbeitsvertrag erhalten, werde man „in ein paar Wochen“ feststellen können, sagt Stefan Köhnen, Teamleiter des Arbeitgeber-Services der Arbeitsagentur in Düren und Mitorganisator des Events. „Die heutige Veranstaltung ist auf jeden Fall die Ernte der ganzen Vorbereitung.“

Wenn die Arbeitsagentur dann tatsächlich in ein paar Wochen erste Zahlen veröffentlicht, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass Stephan Voß sich unter denjenigen befinden wird, die dank des Speed-Datings einen neuen Job erhalten haben. Auch Voß der 38-Jährige erzählte vor zwei Wochen im Gespräch mit unserer Zeitung, dass er „schon so einiges“ in seinem beruflichen Leben erlebt habe: Von Maler und Lackierer über Bürokommunikationskaufmann bis hin zur Selbstständigkeit ist so ziemlich alles dabei gewesen. Seit gut drei Monaten ist Voß arbeitssuchend.

Weitere Einladung zum Gespräch

Am Mittwoch, nach einem auch für ihn langen Tag, verlässt er die Veranstaltung mit einem Grinsen im Gesicht, einem sehr breiten sogar. „Das hätte besser nicht laufen können“, sagt er. Gleich im ersten Gespräch erhält er das Signal, ein äußerst interessanter Kandidat für eine Stelle im Bereich Kundenmanagementlösungen eines Aachener Outsourcing-Unternehmens zu sein.

Noch für die kommende Woche ist er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. „Ich habe ein sehr gutes Gefühl“, sagt Voß. „Das könnte passen.“ Dem 38-Jährigen ist es gelungen, sich gut zu präsentieren. „Das Coaching vorab war also nicht vergebens“, sagt er und lacht. In der kommenden Woche kann Voß das erneut beweisen. Und über eines ist er sich sicher: „Ich bin vorbereitet.“