Interview mit Christian Laudenberg und Michael F. Bayer

Interview zum Jubiläum der Gründerregion : Die Vergangenheit und die Zukunft im Blick

Zum 20-jährigen Bestehen der Gründerregion Aachen ziehen der Geschäftsführer Christian Laudenberg und der heutige IHK-Hauptgeschäftsführer Michael F. Bayer im Interview eine Bilanz.

Kaum eine Region in Deutschland verzeichnet in jedem Jahr so viele Unternehmensgründungen wie die Wirtschaftsregion Aachen. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber vor allem die hiesigen Hochschulen haben großen Anteil daran. Und eine Institution, die in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feiert: die Gründerregion Aachen. Getragen von 14 Einrichtungen aus der Wirtschaftsförderung bündelt und koordiniert sie alle Aktivitäten rund um das Thema Gründen und Wachstum in der Region. Neben der Beratung und Begleitung von angehenden Unternehmern richtet die Gründerregion die AC2-Wettbewerbe aus und vergibt den Visionplus-Unternehmerinnenpreis.

Der erste Geschäftsführer der Gründerregion und heutige IHK-Hauptgeschäftsführer, Michael F. Bayer, und der Geschäftsführer der Gründerregion, Christian Laudenberg, ziehen im Gespräch mit unserem Redakteur Christian Rein Bilanz und blicken auf die Herausforderungen in der Zukunft.

Herr Bayer, Sie haben einmal gesagt, beim Gründen komme es im Wesentlichen auf zwei Dinge an: die Einzigartigkeit einer Idee und die Persönlichkeit des Gründers. Gilt das immer noch?

Michael F. Bayer: Ja, das sind immer noch die beiden Pfeiler, auf denen eine Gründung steht. Die Persönlichkeit spielt ja nicht nur eine Rolle in Bezug darauf, wie ein Gründer auf Geldgeber, Kunden oder Partner wirkt, sondern auch in Bezug darauf, wie er das Geld zusammenhält, ob er viele Dinge gleichzeitig regeln kann oder teamorientiert ist.

Ist die Individualität des Typs wichtiger als die Individualität der Idee?

Bayer: Wir erleben einen Wandel: Noch vor 20 Jahren blickte man auf den fleißigen Gründer, den man bewunderte, weil er alles richtig gemacht und sein Geschäft gut im Blick hatte. Heute wird zuerst ein sogenannter Elevator Pitch gemacht, also eine Kurzpräsentation einer Idee vor einer Jury. Angehende Unternehmer müssen sich ständig präsentieren – und ständig präsent sein. Da kommt es auf die Persönlichkeit an, darauf, wie gut jemand sich und sein Geschäftsmodell verkaufen kann.

Die eigentliche Geschäftsidee verliert also gegenüber der Persönlichkeit etwas an Bedeutung?

Bayer: Die Idee muss zünden. Das heißt nicht, dass sie tatsächlich neu sein muss, aber man muss sie dann so verfeinern, dass sie etwas Besonderes ist – etwa, indem man ihr eine besondere regionale Note hinzufügt oder das Produkt oder die Dienstleistung zu etwas macht, das einzigartig ist.

Sie sagen, wir erleben einen Wandel. Wie setzen sich die Gründungen zusammen, die Sie begleiten? Welchen Anteil haben Start-ups?

Christian Laudenberg: Wir haben aktuelle Trends, die ganz neue Geschäftsmodelle und damit einhergehend auch neue Bedarfe an die Gründerregion entstehen lassen, was die Beratung und Begleitung anbelangt. Trotzdem bewegen sich immer noch 90 bis 95 Prozent der Gründungen im klassischen Bereich. Das sind hauptsächlich sogenannte Chancengründungen, also Gründungen von Menschen, die von ihrer Geschäftsidee und von der Selbstständigkeit überzeugt sind, aber auch Gründungen im Nebenerwerb. Da ändert sich nicht allzu viel.

Nur fünf bis zehn Prozent im digitalen Bereich? Das überrascht. Man sollte meinen, an einem Hochschulstandort gäbe es mehr Start-ups.

Laudenberg: Die Digitalisierung ist ein wichtiger Bestandteil der heutigen Zeit, den wir auch aufgreifen. Deshalb ist das Digital Hub auch als 14. Träger der Gründerregion mit hinzugekommen.

Was unterscheidet die Start-ups von den klassischen Gründungen?

Laudenberg: Die Digitalisierung ermöglicht ganz andere Geschäftsmodelle, bringt aber auch eine andere Gründer- und Unternehmenskultur hervor. Das sieht man am augenfälligsten am Arbeitsumfeld: Aus Sicht eines klassischen Unternehmens sieht das, was in einem Start-up passiert, eher chaotisch aus. Das ist aber der hohen Dynamik geschuldet und den Gründer-Typen, die dort unterwegs sind.

Müssen Start-ups anders betreut werden als klassische Gründungen?

Laudenberg: Es gibt eine große Schnittmenge mit den klassischen Unternehmen. Auch da geht es um Finanzierungsthemen, auch da geht es um rechtliche Themen, und auch da geht es irgendwann um Personalgewinnung, um Wandel in Unternehmensstrukturen oder um Wachstum. All diese Themen spielen auch da eine Rolle. Aber es gibt auch einen Teil bei den digitalen Gründungen, der anders ist. Da müssen wir am Anfang erst das Eis brechen, um Kontakt zu den Gründern zu bekommen und die Sinnhaftigkeit der Gründerregion auch dort deutlich zu machen.

Herr Bayer, Sie haben den Erfolg in der Vergangenheit immer auch an Zahlen gemessen. Welche ist für Sie die aussagekräftigste?

Bayer: Diejenigen, die Geld geben, haben zu Recht einen Anspruch da­rauf, nicht nur zu erfahren, wie viele Broschüren wir gedruckt oder wie viele Veranstaltungen wir organisiert haben, sondern auch, was es der Region im NRW- oder im Bundesvergleich gebracht hat. Für mich sind vor allem zwei Zahlen interessant: Wir hatten zum Start der Gründerregion 1999 in der Region rund 68.000 Unternehmen. Aktuell – es gibt bislang nur Daten bis zum Jahr 2018 – sind es 95.000 Unternehmen. Das sind rund 40 Prozent mehr.

Man kann natürlich allein diesen Zuwachs schon als Erfolg werten. Aber es geht natürlich auch da­rum, was das für Unternehmen sind. Wenn viele große Firmen schließen und nur kleine gegründet werden, könnte sich das negativ auf die Beschäftigung auswirken, auch wenn die Zahl der Unternehmen insgesamt wächst. Deshalb lohnt es sich, auf die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu schauen: 1999 waren dies 340.000 in unserer Region, aktuell sind es 430.000. Das ist ein Zuwachs von rund 20 Prozent. Das heißt, es sind mehr Unternehmen geworden, und mehr Menschen sind in Arbeit gekommen.

Die gute Beschäftigungssituation ist sicherlich auch Ergebnis der guten wirtschaftlichen Gesamtlage der vergangenen Jahre.

Bayer: Ja, aber wir betrachten ja den Zeitraum von 20 Jahren, beginnend kurz nach der Schließung der letzten Steinkohle-Zeche im Aachener Revier, Sophia Jacoba in Hückelhoven, im Jahr 1996. Da ging es nicht nur wie zuletzt immer bergauf, sondern es gab auch Krisen wie etwa 2000 mit dem Neuen Markt. Oder dann 2008/2009 nach der Lehman-Pleite. Insofern kann man schon schauen, wie die Situation am Beginn war und wo wir heute stehen. Deshalb sind die Zahlen der Unternehmen und der Beschäftigten für mich auch die relevanten Eckdaten, und da stehen wir sehr positiv da. Das kann nicht jede Region von sich behaupten.

Der damalige IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Drewes hat 2011 gesagt: „Die Wirtschaftsregion Aachen ist ein Eldorado der Innovationen und der Gründungen.“ Ist das immer noch so?

Bayer: Noch mehr!

Ist ein Eldorado nicht schon das Ziel aller Träume?

Bayer: Das innovative Potenzial ist natürlich 1999 schon sehr groß gewesen, aber es ist heute um ein vielfaches größer. Das liegt an den Hochschulen, die in dieser Zeit gewachsen sind. Das Potenzial, von dem Jürgen Drewes gesprochen hat, ist heute noch mal potenziert. Nicht zuletzt ist das ein Grund, weshalb die Hochschulen ihre Zahlen weiter nach oben schrauben. Wir sind mal gestartet mit 30 bis 35 Ausgründungen pro Jahr, die wissensintensiv sind. Jetzt liegen wir bei 50 bis 60 pro Jahr, und das Ziel sind 100.

Welches Wachstumspotenzial steckt in der Digitalisierung?

Laudenberg: Es ergeben sich natürlich neue Geschäftsmodelle im rein digitalen Bereich. Es ergeben sich aber noch viel mehr neue Möglichkeiten in der Kombination aus Digitalisierung und bekannten, insbesondere hier in der Region tätigen technischen Anwendungen. Dafür muss Raum geschaffen werden. Die Digital Church ist da sicher geeignet. Eine weitere Möglichkeit wäre eine Kombination aus Raum und Anwendungsmöglichkeiten zum Schaffen möglichst schneller Prototypen. Das Fab Lab an der RWTH ist so ein Beispiel, wo man mit modernen Fertigungstechniken möglichst schnell auch einen Prototypen entwickeln kann.

Spielt das geplante neue Gebäude der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Agit auf dem Campus der RWTH dabei eine Rolle?

Bayer: Ja, definitiv. Wir benötigen das, was man neudeutsch „Maker Spaces“, also Räume für Macher, nennt. Es muss ein Zwischending aus Büro, Werkstatt und Experimentierlabor sein. Eine Art Katalysator für Menschen aus dem Umfeld der Hochschulen, aber auch gerne aus bestehenden Unternehmen. Das wird die neue Agit sein, die auf dem Campus dann auch enger mit dem Exzellenz-Business-Center der RWTH kooperiert.

Ich bin aber überzeugt, dass wir auch an anderen Stellen in der Region, denken wir nur an die FH Aachen, „Maker Spaces“ benötigen – vielleicht auch in unterschiedlichen Größenordnungen. Wir brauchen dringend eine neue Dynamik. Wir müssen Dinge viel schneller ausprobieren, sie vielleicht auch wieder aufgeben. Aber es muss immer geprüft werden, ob nicht ein Geschäftsmodell darin steckt.

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