1. Wirtschaft

Aachen: „Industriepolitische Leitlinien“: IHK Aachen stellt Forderungen an Politik

Aachen : „Industriepolitische Leitlinien“: IHK Aachen stellt Forderungen an Politik

Es gibt einige Bezeichnungen, die das Land Nordrhein-Westfalen gerne für sich beansprucht. „Industrieland NRW“ ist so eine, „Land der Technologie“ eine andere. Einen Namen gibt sich NRW hingegen nur höchst ungern: Tabellenschlusslicht.

Dabei ist genau das mit Blick auf die Wachstums- und Beschäftigungszahlen in Deutschland Realität. NRW hinkt im Vergleich zu den anderen Bundesländern hinterher.

Von dieser wirtschaftlichen Entwicklung bleibt auch der Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen nicht verschont. Das produzierende Gewerbe hat zuletzt im Vergleich zum Vorjahr auf mehreren Ebenen Verluste verzeichnet: Die Zahl der Beschäftigten sank um ein Prozent auf 73.500 Menschen, der Auslandsumsatz um 2,7 Prozent auf 7,8 Milliarden Euro und die Exportquote um zwei Prozent auf 43,8 Prozent. „Diese Ergebnisse zwingen uns zum Handeln“, sagt Anke Schweda, Geschäftsführerin der IHK Aachen.

Fünf Tage vor den Landtagswahlen und gut vier Monate vor den Bundestagswahlen ergreifen nun 47 Betriebe des produzierenden Gewerbes im Kammerbezirk die Initiative, konkrete Forderungen an die Politik zu stellen. „Industriepolitische Leitlinien und Handlungsfelder aus der Sicht der Wirtschaft“ heißt ein Maßnahmenkatalog, der insgesamt 24 Leitlinien und Forderungen umfasst. „Wir betreiben damit keinen Wahlkampf“, sagt Stephan Kufferath, IHK-Vizepräsident und Vorstandsmitglied der Dürener Metall- und Drahtweberei GKD — Gebr. Kufferath AG. „Aber wir wollen auf die schleichende Deindustrialisierung in NRW hinweisen.“ Die wichtigsten Leitlinien:

Gewerbeflächen: Es ist eines der dringlichsten Anliegen, die die Unternehmen in ihren Leitlinien formulieren: die Forderung, mehr Gewerbeflächen zu gewährleisten. Während im IHK-Bezirk die Kreise Euskirchen und Heinsberg vergleichsweise viele freie Gewerbeflächen besitzen, wird der Raum im Kreis Düren und besonders in der Städteregion immer knapper. „Die derzeitigen Rahmenbedingungen ermöglichen weder große Neuansiedlungen noch Expansionen etablierter Unternehmen“, sagt Kufferath. „Diese Entwicklung ist fatal, schließlich leben NRW und die Region von der Industrie. Ohne sie wäre das schnell das Ende des Landes.“ Die konkrete Forderung der IHK an die Landesregierung: 500 Hektar zusätzliche Gewerbeflächen.

Verkehrsinfrastruktur: Die Forderung, die Verkehrsinfrastruktur zu optimieren, ist nicht neu. Das Verkehrsnetz im Dreiländereck mit seiner Anbindung an die großen ZARA-Häfen weist Engpässe und Kapazitätsgrenzen auf. Das dritte Gleis zwischen Aachen und Köln ist vom Tisch, Alternativen müssen her. Die Forderung an die Politik, ihre Anstrengungen diesbezüglich deutlich zu erhöhen, ist eines der wesentlichen Leitlinien.

Fachkräftemangel: Bei den Betrieben ist dieses Problem längst Gegenwart. „Man kann das Thema fast schon nicht mehr hören“, sagt Dagmar Wirtz, geschäftsführende Gesellschafterin der Aachener 3 Win Maschinenbau GmbH. „Trotzdem müssen wir es immer wieder ansprechen.“ Die IHK stellt in diesem Zusammenhang gleich mehrere Anforderungen. Eine ist, die duale Ausbildung zu stärken. Sie trage „entscheidend zur Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie bei“, heißt es in den Leitlinien. Zudem hätten die duale und die akademische Bildung lange Zeit in keinem gesunden Wettbewerb gestanden, kritisiert die IHK. Die logische Folge: höhere Akademikerquoten. Die Unternehmen fordern daher eine gleichmäßige Investition in alle Bildungswege.

Ein weiterer Punkt: die Begeisterung für Technologie. Die Betriebe kritisieren die mangelnde praxisorientierte Technik-Bildung in Schulen. Die MINT-Bildung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) müsse daher von der Kita bis zum Abitur einen größeren Stellenwert erhalten. Auch die Integration von qualifizierten Zuwanderern müsse erleichtert werden.

Energiewende: Mit ihren energieintensiven Unternehmen stellt die Energiewende die Region Aachen vor große Herausforderungen. Von der Landesregierung wird daher eine Energiepolitik gefordert, durch die die Industrie in der Region leistungsfähig bleibt. Ein weiterer wichtiger Punkt: die steigenden Strompreise. Im Preisvergleich mit den europäischen Nachbarländern zeige sich, dass Industriebetriebe in anderen Ländern günstiger produzieren könnten. „Die anhaltend steigenden Stromkosten für Unternehmen sind ein klarer Standortnachteil“, sagt Hans-Helmuth Schmidt, Geschäftsführer der Dürener CWS-Lackfabrik Conrad W. Schmidt GmbH.

Bürokratie abbauen: Bürokratische Anforderungen würden Unternehmen den Innovationsprozess erschweren, kritisieren die Betriebe. Stichwort Zeit- und Kostenaufwand bei Zulassungs- oder Genehmigungsverfahren. Eine Forderung: Die deutsche Politik soll sich auf europäischer Ebene für den Abbau von Hürden im EU-Recht einsetzen.