1. Wirtschaft

Aachen: IHK-Präsident Wirtz: Tal der Rezession scheint durchschritten

Aachen : IHK-Präsident Wirtz: Tal der Rezession scheint durchschritten

Seit 18 Monaten steht der Heinsberger Unternehmer Bert Wirtz als Präsident an der Spitze der Industrie- und Handelskammer Aachen. In dieser Zeit hat er seinen Anspruch umgesetzt, dem Mittelstand wieder mehr Geltung zu verschaffen.

Bestätigt sieht er sich darin durch die aktuelle Entwicklung, weil gerade in der Krise der Mittelstand sich als eine stabile Säule der Wirtschaft erwiesen hat. In einem Gespräch mit unserem Redakteur Ulrich Kölsch nimmt Bert Wirtz Stellung.

Wie hat die Wirtschaft der Region in den letzten zwölf Monaten die Krise überstanden?

Wirtz: Das Tal der Rezession scheint durchschritten. Eine erste Zwischenauswertung der laufenden Konjunkturumfrage zeigt eine deutlich verbesserte Lagebewertung durch die Betriebe. Besonders die Industrie hatte im vergangenen Jahr mit dramatischen Um-satzeinbrüchen zu kämpfen. Der Handel hat sich verhältnismäßig gut gehalten. Da hängt das Jahresergebnis auch stark vom Weihnachtsgeschäft ab, das den letzten Meldungen zufolge Fahrt aufgenommen hat. Das Gastgewerbe hat die Rezession da viel deutlicher gespürt. Der Dienstleistungsbereich meldete überwiegend stabile Geschäfte. Doch viele Unternehmen haben von der Substanz der letzten Jahre gelebt. Entsprechend hat sich die Ertragslage in allen Branchen in den letzten sechs Monaten deutlich verschlechtert. Da besteht die Gefahr, dass im Aufschwung Liquiditätsengpässe entstehen.

Kommt auf dem regionalen Arbeitsmarkt das dicke Ende erst im Winter oder im nächsten Frühjahr?

Wirtz: Das Positive vorweg: Die Unternehmen haben besonnen reagiert und mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen wie Kurzarbeit die Beschäftigung gesichert. Denn sie werden das Fachpersonal im Aufschwung benötigen. Allerdings planen nach unserer letzten Befragung mehr Unternehmen, ihre Beschäftigung abzubauen als zu erweitern. Das negative Saldo ist aber seit dem Frühjahr beständig zurückgegangen. Je stärker der Aufschwung im kommenden Jahr einsetzt, desto geringer wird der Abbau von Arbeitsplätzen sein. Nach Meinung der Unternehmen sind unflexibles Kündigungsrecht, hohe Sozialbeiträge sowie starre Befristungsregelungen weiter die größten Hindernisse, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen.

Auch die Entwicklung bei den Insolvenzen stimmt nicht gerade hoffnungsvoll.

Wirtz: Wie zu erwarten ist die Zahl der Insolvenzen gestiegen, und zwar kräftig um mehr als ein Viertel auf knapp 700. Ich fürchte, es wird nach Vorlage der Bilanzen im ersten Halbjahr 2010 noch weitergehen. Besonders für kapitalschwache Betriebe in den Bereichen Maschinenbau, Verkehr, Baugewerbe, Handel und besonders für das Gastgewerbe könnte es eng werden.

Sehen Sie denn eine Kreditklemme für die Wirtschaft?

Wirtz: Eine Kreditklemme gibt es gegenwärtig noch nicht; dennoch haben sich bei einigen Unternehmen die Finanzierungskonditionen deutlich verschlechtert. Grundsätzlich steht genügend Kapital zur Verfügung. Kommt es jedoch in Einzelfällen zu Problemen, sollte frühzeitig Kontakt mit der Hausbank oder aber den Beratern bei der Kammer gesucht werden. Sie kennen die Angebote und die Wege zu den Förderbanken NRW-Bank oder KfW, die mit Finanzierungsinstrumenten wie Kreditbürgschaften oder Avalen helfen können, schwierige Zeiten zu überbrücken. Aktuell sind Erleichterungen für Kreditversicherer dazugekommen. Wo es in der vergangenen Zeit zu Kürzungen der Kreditlinien gekommen ist, übernimmt jetzt der Staat einen Teil des Forderungsausfallrisikos. Das Programm nennt sich „Top-Up” und kann bei allen Kreditversicherern nachgefragt werden.

Ist die Krise ausgestanden, und wie ist die Stimmung bei den Unternehmen zur Jahreswende 2009/2010?

Wirtz: Die Stimmung hat sich seit dem Frühjahr deutlich verbessert. Während im März noch fast jedes zweite Unternehmen eine Verschlechterung der Geschäfte erwartet hat, schauen diese aktuell schon wieder mehrheitlich positiv in die Zukunft. Die Chancen stehen gut, dass es im neuen Jahr wieder aufwärts geht. Aber mit einem richtigen Aufschwung rechne ich erst für das Jahr 2012. Bis dahin kann es auch noch empfindliche Rückschläge geben. Denken Sie nur an das Beispiel Griechenland und seine möglichen Folgen. Insgesamt gesehen ist die Lage immer noch recht labil.

In den letzten zwölf Monaten ist viel über die mangelnde Außendarstellung der Region diskutiert worden. Was muss geschehen, damit sich die Region wieder besser nach außen verkauft, und wer sollte sich darum kümmern?

Wirtz: Standortmarketing für die Gesamtregion bleibt eine wichtige Aufgabe. Dazu müssen wir mit einer Stimme sprechen, das sollte die Agit machen. Ich denke da nicht an teure Imagekampagnen, deren Mehrwert schwer messbar ist, sondern an intelligente An-sprache der überregionalen Zielgruppen im Bereich der Unternehmer, Wissenschaft und Multiplikatoren. Wir müssen die positiven Impulse des Campus-Projektes oder den Gründergeist der Region nach außen tragen.