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Aachen: Handwerk: Volle Auftragsbücher, aber kein Personal

Aachen : Handwerk: Volle Auftragsbücher, aber kein Personal

Beim Blick auf die Zahlen der jüngsten Konjunkturumfrage unter den 16451 eingetragenen Handwerksbetrieben (Stand März) im Kammerbezirk Aachen ist Peter Deckers sehr zufrieden. Die meisten Unternehmen melden gute Geschäfte.

Besonders das Baugewerbe boomt, nur die Automobilbranche und das personenbezogene Dienstleistungsgewerbe dämpfen die Freude über die positiven Ergebnisse ein wenig.

Die Situation: 86 Prozent der regionalen Handwerksbetriebe schätzen ihre Geschäftslage im Winterhalbjahr als gut oder befriedigend ein. Die Hälfte der Unternehmen bewertet die Situation als „befriedigend“. 36 Prozent bewerten sie als „gut“. Damit werden die im vergangenen Herbst geäußerten Erwartungen leicht übertroffen, denn seinerzeit waren 83 Prozent von einer guten oder befriedigenden Entwicklung ausgegangen.

Besonders gut hat sich der Kreis Heinsberg im Frühjahr 2016 entwickelt. Dort geben 89 Prozent der Betriebe positive Rückmeldungen zur Geschäftslage. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum waren es noch 76 Prozent. Nicole Tomys, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin, spricht in diesem Zusammenhang von einem Aufholeffekt, weil die Betriebe dort „ein bisschen hinterhergehinkt haben“. In Düren hingegen profitierten die Betriebe deutlich weniger von der guten Winterkonjunktur. Dort schätzten 79 Prozent der Betriebe ihre Situation als „gut oder befriedigend“ ein.

Die Anzahl der Handwerksbetriebe insgesamt ist konstant, obwohl die Gründungsdynamik im vergangenen Jahr zurückgegangen ist.

Der Umsatz: 71 Prozent der Fachbetriebe haben bessere oder gleich hohe Umsätze erzielt. „Die Verkaufspreise sind mehrheitlich stabil“, sagt Deckers. 23 Prozent der Unternehmen haben in den vergangenen sechs Monaten sogar höhere Preise durchsetzen können. Nur acht Prozent mussten Nachlässe gewähren. Das liege an der guten Konsumlaune der Verbraucher, interpretiert Deckers die Ergebnisse. Das spiegelt sich auch in den Auftragsbüchern der Unternehmen wider. 73 Prozent melden der Handwerkskammer stabile oder gestiegene Auftragsvolumina.

Die Aussichten: „Indikatoren wie Auftrags- und Umsatzerwartungen zeigen nach oben“, sagt Deckers im Hinblick auf die Sommerkonjunktur. Die Aussichten seien äußerst positiv.

Die Branchen: Das Bau- und Ausbaugewerbe boomt. Dazu zählen Dachdecker, Gerüstbauer, Tischler, aber auch Heizungsbauer und Elektrotechniker. Im Baugewerbe bewerten 90 Prozent der Unternehmen die Situation als „gut oder befriedigend“. Im Ausbaugewerbe sind es 88 Prozent. Deutlich negativer stellt sich die Situation in der Automobilbranche und personenbezogenen Dienstleistungsgewerbe, wozu auch Fotografen, Schuhmacher und Textilreiniger zählen, dar.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist die Zahl im KFZ-Gewerbe um sechs Prozentpunkte gesunken auf 73 Prozent. Für den Herbst werden 71 Prozent erwartet. Im Dienstleistungssektor liegt der Wert bei 77 Prozent. Als eine Ursache vermutet Tomys, dass die Menschen lieber Kleidung kauften, die sie nicht mehr extra zur Reinigung bringen müssten. Bei den Fotografen drängten immer mehr Hobbyfotografen auf den Markt, die die Arbeit erledigen wollen.

Die Beschäftigung: Im Winter geht die Anzahl der Beschäftigten im Handwerk traditionell zurück. „Diese Winterdelle hat es nicht gegeben“, sagt Deckers. Das liege daran, dass es meteorologisch keinen richtigen Winter gegeben habe. 86 Prozent aller Betriebe behielten ihre Mitarbeiter oder stellten neue Fachkräfte ein. Im Baugewerbe liegt die Auslastung aufgrund der guten Auftragslage sogar bei 84,6 Prozent. Der Beschäftigungsstand ist im Vergleich zum Frühjahr 2015 um sechs Punkte angestiegen und liegt bei 81 Prozent.

Der Nachwuchs: Die Gesamtzahl der Lehrlinge verringerte sich gegenüber dem Vorjahr um 4,3 Prozent. Die Zahl der Auszubildenden sank im vergangenen Jahr auf 6187. Im Jahr 2014 waren es noch 6466. Dieser Rückgang macht sich in allen Branchen bemerkbar. Die Zahl der neuen Lehrverträge bleibt dagegen konstant. Im Jahr 2015 waren es 2261 Neuverträge. Angesichts des demografischen Wandels sei das ein Erfolg, wenn die Neueinstellungen stabil gehalten würden, sagt Tomys. Deckers ergänzt: „Das Handwerk kämpft auf breiter Fläche, um die Situation zu stabilisieren.“ Dass vor allem Fachkräfte fehlten, zeige sich auch auf den Stellenbörsen. Besonders schmerzlich sei dieser Zustand für Branchen, die sich über eine gute Auftragslage freuen und dringend Fachleute gebrauchen könnten.