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Berlin: Für „Best Ager” ist Geiz nicht geil

Berlin : Für „Best Ager” ist Geiz nicht geil

„Meistens gab es sogar noch einen Kaffee”, erinnert sich Karl-Heinz F. an die freundliche und zuvorkommende Bedienung bei seinem BMW-Händler. Doch das war früher, als der heute 68-Jährige als Siemens-Manager täglich einen Business-Anzug trug. Heute schleicht der Rentner hingegen lange um die Modelle, bevor er in seinem Senioren-Outfit von einem Verkäufer überhaupt wahrgenommen wird.

Norbert Reidl kennt das Problem nur allzu gut. „Alte Menschen werden heute nicht als vollwertige Konsumenten gesehen”, erläutert der Gründer und Inhaber der Agentur für Generationen-Marketing in Nürnberg.

Das könnte sich für viele Unternehmen als fataler Fehler erweisen. Schließlich sind die auch gern als Best Ager bezeichneten älteren Konsumenten äußert zahlungskräftig.

In diesem Jahr verfügt jeder Deutsche über 65 Jahren nach Angaben des Marktforschungsinstituts GfK über eine Kaufkraft von rund 20.000 Euro pro Jahr, während der Durchschnitt lediglich bei etwa 18 000 Euro liegt. 2005 entfiel auf die über 60-Jährigen insgesamt über 400 Milliarden Euro Einkommen. Das ist knapp ein Drittel der gesamten deutschen Kaufkraft.

Zudem nimmt die Zahl älterer Menschen in Deutschland stetig zu. Nach Berechungen des Statistischen Bundesamtes waren 2005 rund 20,5 Millionen Menschen und damit jeder vierte Bundesbürger über 60 Jahre.

2020 könnten es Schätzungen der Behörde zufolge bereits 24,5 Millionen sein. Wegen der insgesamt rückläufigen Bevölkerung werde der Anteil dann bereits bei 31 Prozent liegen. 2050 werde die Zahl voraussichtlich weiter auf 27,8 Millionen steigen, was einem Bevölkerungsanteil von 40 Prozent entspricht.

Trotz unsicherer Rentensituation ist sich Reidl sicher, dass die Senioren auch in einigen Jahren noch eine zahlungskräftige Klientel sein werden: „Die Älteren werden auch künftig über eine enorme Kaufkraft verfügen, auch bei real sinkenden Renten”. Ein Grund sei die Vererbungswelle durch die Nachkriegsgeneration. Hier würden enorme Vermögen weiter gegeben.

Dabei benötigen die Alten mehr als Treppenlifte und Gehhilfen. Überhaupt warnt Reidl nachdrücklich vor festgefahrenen Klischees. Es sei schlicht falsch, dass Senioren kein Geld ausgäben und stets die gleichen Produkte kauften. Ältere seien durchaus neugierig und zu neuen Erfahrungen bereit.

Altersgerechte Produkte, etwa Handys mit überdimensionierten Tasten, sieht Reidl allerdings eher kritisch. „Es geht um Nuancen, nicht um Extreme”, erläutert er. Produkte müssten so gestaltet werden, dass sie alte Menschen ansprechen, ohne sie zu stigmatisieren. Die „Generation 60+” wolle nicht über den Begriff Senior angesprochen werden.

Das habe bislang am ehesten die Autoindustrie begriffen. So genannte Premiummarken wie Mercedes, BMW und Audi würden von alten Menschen geschätzt, dennoch gelten sie nicht als langweilige Senioren-Autos. Viele Geländewagen, denen ein sportliches Image anhaftet, bieten den Best-Agern beispielsweise den Vorteil, dass die erhöhte Sitzposition einen vereinfachten Einstieg ermöglicht, erläutert Reidl. Als Rentner-Porsche hat der Cayenne dennoch nicht von sich reden gemacht.

In anderen Branchen sieht Reidl hingegen noch einigen Nachholbedarf, allen voran der Einzelhandel. Dabei gehe es meist um banale Dinge, wie schwer zugängliche Produkte, schwer zu öffnende Verpackungen, zu klein gedruckte Produktinformationen oder Preisauszeichnungen sowie unzugängliche Toiletten. Doch auch hier sei es vor allem die mangelnde Aufmerksamkeit des Personals, an der es fehlt: „Alte Menschen werden belächelt, aber selten als Kunde ernst genommen”.

Reidl weiß das alles von Menschen wie dem früheren Siemens-Manager Karl-Heinz F. Er ist nämlich einer von rund 1000 Älteren, die für seine Agentur für Generationen-Marketing als so genannte Senior-Scouts über ihre Erfahrungen berichten.