Aachen: Führungskräfte und Mitarbeiter sind „keine Lusterwarter sondern Schmerzvermeider“

Aachen : Führungskräfte und Mitarbeiter sind „keine Lusterwarter sondern Schmerzvermeider“

Digitalisierung, Vernetzung, zunehmende Flexibilität: Die moderne Arbeitswelt unterliegt einem steten Wandel, der Arbeitgeber und -nehmer gleichermaßen vor neue Herausforderungen stellt. Der Psychologe und Redner Markus Väth beschäftigt sich beruflich mit diesen Entwicklungen und dem Thema „New Work“ (dt. „neue Arbeit“). Am 10. Juli spricht er im Digital Hub in Aachen. Mit ihm sprach Nina Leßenich.

Herr Väth, was ist schlecht an der alten Arbeit?

Väth: Schlecht ist an der alten Arbeit erst einmal nichts, für viele Unternehmen funktioniert sie ja noch immer gut. Aber der Arbeitsmarkt ist im Wandel: Wir haben es heute zum Beispiel zunehmend mit jungen Leuten zu tun, die mit einer ganz anderen Mentalität und einem anderen Selbstverständnis von Arbeit in Unternehmen kommen. Außerdem gibt es immer schnellere Produktionszyklen, Unternehmen müssen dynamischer agieren. Da sind wir mit den alten Strukturen und alten Methoden einfach zu langsam.

Warum fällt es manchen Unternehmen so schwer, Altbewährtes loszulassen und Neues zu wagen?

Väth: Den Unternehmen geht es doch gut. Warum sollten die was ändern? Die Produktion läuft, wir sind noch immer Exportweltmeister. Da würde ich als Unternehmen auch sagen: Bei mir, da läuft´s! Und ich finde das auch völlig ok. Reaktion gibt es eben immer erst dann, wenn in einem Unternehmen ein bestimmter Schmerz existiert.

Zum Beispiel?

Väth: Es gibt für Unternehmen eigentlich nur drei Schmerzen: Den Schmerz an Strategie: Ich weiß nicht, warum ich am Markt bin. Dann den Schmerz an Organisation: Ich weiß zwar, was ich machen will, bin aber organisatorisch nicht dafür aufgestellt. Und zuletzt den Schmerz an Menschen: Mir fehlt das geeignete Personal. Jeder der Schmerzen führt im Endeffekt zum ultimativen Schmerz an Geld — irgendwann stimmen die Zahlen nicht mehr. Spätestens dann versteht der Unternehmer: Hoppla, jetzt muss ich was tun. Und dann kann man mit „New Work“ Angebote machen und sagen: Das kannst du mal ausprobieren.

Wie viele Firmen sind dafür offen?

Väth: Das liegt im einstelligen Prozentbereich. Man darf sich von großen Flagschiff-Projekten nicht täuschen lassen. Wenn Sie sich damit beschäftigen, merken Sie, dass es immer die gleichen Firmen sind, die mit innovativen Ansätzen Aufmerksamkeit erwecken. Das sind eine Handvoll Vorzeigeunternehmen, alle anderen sagen: Das ist zwar „nice-to-have“, betrifft uns aber nicht.

Klingt wenig optimistisch.

Väth: Führungskräfte und Mitarbeiter in Deutschland sind eben keine Lusterwarter sondern Schmerzvermeider. Wirtschaftshistorisch sind wir in Europa und Deutschland alt und satt. Und alte und satte Leute bewegen sich nicht gerne. Das ist halt so.

„Das hat ja schon immer geklappt.“

Väth: Ja, genau! Es hat ja geklappt und wir spielen noch immer vorne mit. Kluges Lernen wäre jetzt aber, zu überlegen, wo die Wirtschaft hingeht — und dahin zu investieren. Aber das klappt ja schon beim Klimawandel nicht: Wir wissen, was passieren wird, aber trotzdem tun wir nichts. Das Lernen aus Prognosen ist für Menschen die schwierigste Lernform — weil wir die Folgen nicht unmittelbar spüren. In dieser Lernlähmung stecken wir gerade fest.

Viele Unternehmen machen aber erste Schritte — etwa durch die Flexibilisierung von Arbeit durch Home-Office. Ein guter Schritt?

Väth: Die meisten Firmen meinen es schon gut mit solchen Initiativen. Oft wird aber eine wichtige Frage am Anfang nicht gestellt: Wozu? Wozu machen wir das? Was ist für uns der Nutzen? Solche Initiativen verpuffen häufig, weil das Unternehmen am Ende merkt: Die Leute wollten das gar nicht und für unsere Zusammenarbeit passt das eigentlich auch nicht. Mein erster Tipp wäre also, nach dem „Wozu?“ zu fragen. Danach kann man über konkrete Maßnahmen wie Flexibilisierung reden.

Ist Flexibilisierung gut?

Väth: Nach meinen Erfahrungen spielt das Thema Flexibilisierung keine große Rolle. Das können Sie ohnehin nur machen, wenn Sie digitale Jobs haben. Gehen Sie mal zu einem Automobilzulieferer und sagen den Mitarbeitern in der Produktion, sie sollen zu Hause arbeiten: Das ist Quatsch.

Weg vom Arbeitgeber und hin zum Arbeitnehmer: Die bemängeln oft mangelnde Work-Life-Balance. Wer Ihr Buch liest, merkt, dass Sie von dem Begriff nicht viel halten.

Väth: Ich fand den schon immer schräg. Das ist schon deshalb Blödsinn, weil „Work“ und „Life“ ja nie getrennt sind. Ich nutze lieber den Begriff „Life-Blending“: Die Menschen sollten sich fragen, was in ihrem Leben wichtig ist. Da gehört die Arbeit natürlich dazu, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Aber dazu gehört auch: Wer sind die Menschen um mich herum? Was brauche ich, damit es mir gut geht? Was ist meine Vision? Kann ja sein, dass ich sowas habe.

In Ihrem Buch nennen Sie das „Calling“. Was genau bedeutet das?

Väth: „Calling“ bedeutet, dass ein Mensch die Chance haben sollte, einer Tätigkeit nachzugehen, die seinen Stärken und Bedürfnissen entspricht.

Ist das zwingend?

Väth: Ich kenne auch Arbeitnehmer, die sind Söldner: Die gehen zur Arbeit und verdienen Geld, um damit in andere Lebensbereiche zu investieren. Es braucht also nicht jeder Mensch eine Berufung. In einer idealen Arbeitswelt sollte aber jeder arbeitende Mensch die Möglichkeit haben, sich auszuprobieren und herauszufinden: Was entspricht mir und meinen Bedürfnissen?

Wie schaffe ich das? Situation 1: Ich bin jung und mit der Schule fertig.

Väth: Das ist genau der Punkt, an dem viele verzweifeln. Weil Sie in Deutschland zum Beispiel 19000 verschiedene Studiengänge studieren können. 19000! Die können Sie gar nicht alle ausprobieren. Jungen Leute würde ich empfehlen: fünf Dinge auf eine Liste schreiben und über Praktika ausprobieren. Das ist eigentlich die beste Methode.

Situation 2: Ich bin Arbeitnehmer und habe das Gefühl, ich möchte mich umorientieren. Da wird es schwierig mit Praktika

Väth: Irgendwann schließt sich das Fenster. Unsere Arbeitswelt ist dafür nicht offen und gibt einem 40-jährigen Schlosser nicht die Möglichkeit, ein Bank-Praktikum zu machen.

Was also tun?

Väth: Wenn Sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, ist es eben eine Frage der finanziellen Reserven, ob Sie noch einmal eine Ausbildung oder ein Studium stemmen können. Ansonsten müssen Sie sich über mehrere Stationen zu ihrem Ziel hintasten — wie wenn man über einen Fluss will und von Stein zu Stein springt. Es gibt natürlich auch Leute, die einen radikalen Bruch machen und Tauchlehrer in Thailand werden. Das würde ich aber niemandem empfehlen. (lacht)

All diese Aspekte im Hinterkopf: Was wird in den nächsten fünf Jahren die größte Herausforderung für Unternehmen?

Väth: Ich glaube, dass die Unternehmen in den nächsten fünf Jahren noch keine große Veränderung spüren werden. Sie werden schon spüren, dass was passiert. Aber das wird noch nicht heftig genug.

Wann denn?

Väth: In zehn bis zwölf Jahren kommt der große Schlag, dann werden wir — vor allem im Umgang mit neuen Technologien — untergehen, wie die deutsche Nationalmannschaft: Wir werden nicht wissen, wie uns geschieht, und auf einmal sind wir Tabellenletzter.

Ein sehr pessimistischer Ausblick.

Väth: Ich will gar nicht schwarzmalen, für mich sind das Fakten. Der Mensch ändert sich eben nur, wenn er muss. Und irgendwann wird der Punkt kommen, an dem wir müssen. Daraus muss jeder für sich selbst die entsprechenden Schlüsse ziehen — wir sollten einfach vorausschauender werden.

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