IHK-Geschäftsführer und -Sprecher: Fritz Rötting geht in den Ruhestand

IHK-Geschäftsführer und -Sprecher : Fritz Rötting geht in den Ruhestand

IHK-Geschäftsführer und -Sprecher Fritz Rötting geht in Ruhestand. Er zieht Bilanz – und verrät sein Erfolgsrezept.

Es soll Menschen geben, die der festen Überzeugung sind, dass Fritz Rötting mindestens so lange bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen ist, wie diese existiert. Das ist natürlich schon alleine deswegen Unsinn, weil die IHK Aachen am vergangenen Sonntag 215 Jahre alt geworden ist, Rötting aber erst 64 ist. Gefühlt ist es aber schon ein wenig so, denn als Geschäftsführer für den Bereich Wirtschaftsförderung, Dienstleistungsunternehmen und Öffentlichkeitsarbeit ist Rötting eines der bekanntesten Gesichter der IHK. Am Dienstag wird Rötting offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch mit Christian Rein und Robert Esser zieht er Bilanz.

Herr Rötting, wie lange genau waren Sie denn nun bei der IHK?

Fritz Rötting: Ich habe 1985 als studentische Hilfskraft bei der IHK begonnen und war dann zwei Jahre im Haus tätig, bevor ich meinen Berufseinstieg bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Agit (Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer) gemacht habe. Im Frühjahr 1991 habe ich dann bei der IHK als Referent für Raumordnung und europäische Integrationspolitik angefangen. Um Ihre Frage zu beantworten: Es sind also etwas mehr als 28 Jahre.

Also doch irgendwie schon immer?

Rötting (lacht): Ja, gefühlt war ich schon immer hier.

Erinnern Sie sich noch an die Stimmung bei der IHK, als Sie dort angefangen haben?

Rötting: Mein Mentor war Helmut Breuer, inzwischen emeritierter Professor für Wirtschaftsgeografie an der RWTH Aachen. Seine Themen waren wirtschaftliche Erneuerung und euregionale Zusammenarbeit. Das passte ganz hervorragend zur IHK unter dem damaligen Hauptgeschäftsführer Otto Eschweiler. Zudem war die Agit gerade gegründet worden. Es ging um den Strukturwandel in der Region nach dem Ende der Steinkohle. Die Themen waren regionale, grenzüberschreitende Zusammenarbeit und enge Kooperation mit den Hochschulen – Stichwort: Innovation. Das sind bis heute die Standortfaktoren unserer Wirtschaftsregion. Bei der IHK herrschte der Spirit: „Das machen wir!“ – und der herrscht bis heute. Es war toll, ein Teil dessen zu sein, ein Teil der Zukunft unserer Region.

Sie gelten als großer Netzwerker, als Mann mit einem unerschöpflichen Reservoir an Kontakten.

Rötting: Meine Kollegen und ich gehen nahezu jeden Tag raus und haben direkten Kontakt zu den Unternehmen. Das erwarten die auch. Dabei lernt man Menschen kennen, die einem über die Jahre immer wieder begegnen. So entsteht dann ein Netzwerk , und man hat immer wieder die Chance, jemanden anzurufen, um in einer Sache weiterzukommen.

Ist das das eigentliche Erfolgsrezept: Die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zusammenzubringen?

Rötting: Ich glaube schon, dass das wichtig ist. Man muss die Menschen mögen, und man muss den Umgang mit Menschen mögen. Man braucht ein gutes Gedächtnis und muss sich merken, wer was ist und wer was macht. Und man muss gut zuhören können und auch mal über Dinge sprechen, die vielleicht nicht heute oder morgen entscheidend sind, aber perspektivisch einmal wichtig sein könnten. Das Wichtigste ist aber: Die Kontakte, die ich mache, dienen nicht mir, sie dienen der IHK und der Weiterentwicklung der Region. Ich helfe mit, dass die Maschine unserer Wirtschaft läuft.

Kann man das lernen?

Rötting: Ich glaube, man braucht ein gewisses Talent dafür. Und das Talent habe ich vielleicht.

Als IHK-Geschäftsführer waren Sie für den Bereich Wirtschaftsförderung verantwortlich. Irgendwie weiß jeder, was das bedeutet, aber so genau auch wieder nicht. Wie würden Sie erklären, was das ist?

Rötting: Wirtschaftsförderung sind Aktivitäten von Institutionen oder Einrichtungen sowie von Städten und Kommunen, die die Rahmenbedingungen verbessern, die Unternehmen ein gutes Wirtschaften ermöglichen, damit sie Arbeitsplätze schaffen, Geld verdienen und am Ende auch Steuern bezahlen können.

Ihr Tun geht also in zwei Richtungen?

Rötting: Wir beraten zum einen Unternehmen, damit sie ihr Handeln optimieren, und wir beraten diejenigen, die Rahmenbedingungen für Unternehmen schaffen.

Das geht vor allem im letzten Fall sicherlich nicht immer konfliktfrei. Man muss sich auch mal mit anderen anlegen können.

Rötting: Wir haben als Kammer die gesetzliche Aufgabe, das Gesamtinteresse der Wirtschaft zu vertreten. Und in diesem Sinne muss man manchmal eine Position einnehmen und dann auch den Gegenwind aushalten.

Können Sie ein Beispiel geben?

Rötting: Wir betrachten derzeit zum Beispiel die Neuaufstellung des Flächennutzungsplans für Aachen mit Sorge. Der soll für die kommenden 15 bis 20 Jahre die räumlichen Rahmenbedingungen für Stadtentwicklung setzen. Unter dem Aspekt der Wirtschaft wird der derzeit präsentierte Entwurf dem Anspruch aber nicht gerecht, denn es gibt schlicht zu wenige Flächen.

Warum?

Rötting: Weil zu wenige Flächen ausgewiesen werden und weil das, was laut Verwaltung und von den planungstechnischen Rahmenbedingungen her möglich wäre, von der Politik zurückgenommen wurde. Das sollten ursprünglich 160 Hektar an neuen Gewerbeflächen sein, die ohnehin knapp gewesen wären. Darin enthalten sind ältere Flächen, die aber Restriktionen unterliegen oder die gar nicht gebunden sind. Tatsächlich neu waren nur 80 Hektar. Davon wurden aber noch mal 50 Hektar rausgestrichen, etwa in Brand, in Haaren oder in Camp Hitfeld. Dazu haben wir uns entsprechend kritisch in einer Resolution positioniert.

Die Region hat mit dem Ausstieg aus der Steinkohle bereits einen Strukturwandel hinter sich. Nun kommt der zweite Kohleausstieg, der aus der Braunkohle. Kann man die beiden Situationen miteinander vergleichen? Was kann man aus dem Steinkohleausstieg lernen?

Rötting: Lernen kann man auf jeden Fall, dass eine Region solche Herausforderung bewältigen kann. Wir haben die Strukturen in der Region und die Voraussetzungen, dass wir Potenziale entwickeln können. Wir haben mit RWTH, FH und dem Forschungszentrum Jülich hervorragende Hochschulen Besonders die FH ist ja auch immer sehr nah an den Unternehmen und versteht sich auch als Ausbildungsstelle, die an den Bedürfnissen der Region ausgerichtet ist.

Was ist anders als bei der Steinkohle?

Rötting: Die Dimension. Wir haben gut 10.000 Menschen, die in der Braunkohle arbeiten. Das sind gut bezahlte Industriearbeitsplätze, besonders in der Städteregion Aachen und den Kreisen Düren und Heinsberg. Hinzu kommen die Zulieferer. Wenn all das wegfällt, ist das schon ein Einschnitt. Das verteilt sich aber um die Tagebaue herum und ist nicht so konzentriert wie damals auf den Zechen. Anders ausgedrückt: Die Braunkohle ist nicht an einem Ort so stark prägend, wie es die Zechen waren.

Worin sehen Sie die Herausforderung?

Rötting: Wir müssen hochwertige Arbeitsplätze schaffen, die auch gute Verdienstmöglichkeiten bieten. Wir sind eine Chancenregion. In unserer Region gibt es ohne Frage eine Menge Potenziale. Aber um diese vollständig heben zu können, müssen sich Kreise, Städte, Gemeinden und Kammern noch besser gemeinsam organisieren. Leider ist es immer noch so, dass viele glauben, es gemeinsam besser zu können. Deshalb sind der Zweckverband Region Aachen und die Agit so wichtig: Weil wir dort alle Interessen bündeln. Wir brauchen zwar einen gesunden Wettbewerb unter den Wirtschaftsförderern, aber keinen Konkurrenzkampf. Der anstehende Wandel bringt genug Arbeit für alle.

Werden wir zum großen Logistik-Drehkreuz oder doch eher ein Silicon Valley der neuen Mobilität?

Rötting: Ich finde den Gedanken eines „Engineering Valley Rheinland“ eigentlich passender für unsere Region. Wir dürfen nicht vergessen, dass dieser Strukturwandel in einem der am dichtesten besiedeltsten Räume Westeuropas passiert. Hochwertige Arbeitsplätze im Bereich Industrie 4.0 ermöglichen eben auch, dass wir mit der Produktion wieder näher an die Menschen heran kommen. Wir können in Aachen zum Beispiel an der Jülicher Straße wieder alte Industrieflächen nutzen.

Und die Logistik?

Rötting: Die braucht man auch. Aber die Flächen sind knapp. Und da sollte man gut überlegen, ob man diese Flächen für einen nicht sehr hohen Anteil an Arbeitsplätzen pro Hektar zur Verfügung stellen kann oder ob dafür nicht andere Räume besser sind. Im hoch verdichteten Raum wie auf Aachener Stadtgebiet halte ich das für schwierig.

Aber in Eschweiler?

Rötting: Im Umfeld des Kraftwerks Weisweiler passt das vielleicht. Trotzdem sollten wir mit den Flächen, die wir durch den Abschied von der Braunkohle gewinnen, sparsam sein. Denn es werden nicht mehr, sondern eher weniger werden.

Wenn man Sie im persönlichen Gespräch erlebt, machen Sie stets einen gelassenen, freundlichen Eindruck. Gibt es auch etwas, über das Sie sich ärgern oder aufregen können?

Rötting: Irgendwie nicht so richtig. Es gibt wenige Dinge, die so wichtig sind, dass es dafür lohnt, mit Menschen zu brechen. Ich versuche das immer irgendwie pragmatisch zu sehen: Einmal drüber schlafen, und dann geht es weiter. Es gibt für alles eine Lösung. Man darf sich nicht am Alten festhalten, man muss immer nach vorne gucken.

Was machen Sie ab dem 1. Juli?

Rötting: Ich freue mich auf Freiheit. Darauf, in den Urlaub zu fahren und nicht noch irgendetwas in der Aktentasche mitzuschleppen, was einen dort ereilen kann oder noch geregelt werden muss. Und ich freue mich darauf, morgens die Zeitung zu lesen und nicht als erstes zu überlegen, für welchen Kollegen das eine Relevanz haben oder was das für die Aktivitäten der IHK bedeuten könnte.

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