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Aachen: Forschen. Lernen. Entwickeln. Leben.

Aachen : Forschen. Lernen. Entwickeln. Leben.

Natürlich ist die RWTH Aachen Campus GmbH zunächst eine Firma, schließlich stellt das Forum der Industrie- und Handelskammer Aachen mit der Aachener Zeitung ausdrücklich Unternehmen in der Technologieregion Aachen vor.

Aber mehr noch steht diese Campus GmbH um Geschäftsführer Prof. Günther Schuh für eine Idee, die eindrucksvolle Wirklichkeit wird. Oder wie Schuh seinen Vortrag betitelte: „Eine Vision nimmt Gestalt an.“ Es war bereits das 38. Unternehmerforum dieser Art, doch selten war das Interesse größer.

 Fingerzeig: Prof. Günther Schuh erläutert beim Unternehmerforum, welche Ansprüche das Campus-Projekt tragen. Vor Ort entstehen dank Investoren modernste Bauten namhafter Architekten.
Fingerzeig: Prof. Günther Schuh erläutert beim Unternehmerforum, welche Ansprüche das Campus-Projekt tragen. Vor Ort entstehen dank Investoren modernste Bauten namhafter Architekten. Foto: Andreas Steindl

Fast 200 Gäste wurden bei der IHK begrüßt, etliche mehr wären gerne gekommen, doch mehr Platz gab es einfach nicht. Das Thema mobilisiert — und dafür gibt es gute Gründe. Die Eckdaten: Sie sind immer wieder aufs Neue beeindruckend. Auf über 2,5 Quadratkilometern entsteht in Aachen eine der größten Forschungslandschaften Europas. Rund zwei Milliarden Euro sollen hier investiert werden.

Sechs sogenannte Cluster (eine Art Forschungszentren) sind längst auf den Weg gebracht: Logistik, Produktionstechnik, Photonik, Biomedizintechnik, Schwerlastantriebe und nachhaltige Energien. 19 Cluster sind avisiert. Eines Tages sollen sie 10.000 Arbeitsplätze schaffen. Die 2600 bis 2800 auf dem Campus-Bereich Melaten sind bereits greifbar. 250 Unternehmen, möglicherweise deutlich mehr, sollen auf den beiden Campus-Arealen am Ende mitwirken. 120 Firmen sind bereits angekommen.

Sie haben sich immatrikuliert, sprich: Die überregionalen Firmen mieten mehr als 250 Quadratmeter in einem Cluster an, bekommen im Gegenzug die Chance, sich in die Forschungsprojekte ihrer Wahl einzubringen. Und in denen treffen sie auch auf die Unternehmen aus der Region, die nicht extra auf den Campus ziehen müssen. Im Gegenteil: „Bleiben Sie da, wo Sie sind. Wenn Sie in der Region sind, dann sind Sie bereits richtig“, sagte Schuh.

Der aktuelle Stand: Im Bereich Melaten sind zwei Drittel der Ideen in der Mache oder bereits umgesetzt und entsprechende Verträge sind unterzeichnet worden. Für den Bereich Westbahnhof läuft laut Schuh eine „rege Konzeptionsphase“. 2015 sollen hier, auf dem Campus West, die wichtigsten bürokratischen Hürden überwunden sein, vier bis fünf Cluster starten. Zudem gilt es beide Bereiche zu verbinden — etwa durch eine Brücke über die Bahngleise.

Die Ansprüche: Forschen. Lernen. Entwickeln. Leben. Diese vier Begriffe prägen das Bild des Campus — auf den Flyern. Und möglichst bald vor Ort. Während die Hochschulen in Deutschland zu 90 Prozent disziplinär organisiert sind in Fachbereiche, Institute und Lehrstühle, wird auf dem Campus betont interdisziplinär gearbeitet. „Wir wollen relevant sein. Erforschen, was morgen tatsächlich Nutzen schafft“, betont Schuh.

Die Unternehmen liefern die Fragestellungen aus der Praxis. Das Thema Leben steckt noch buchstäblich in den Kinderschuhen: Eine Kindertagesstätte wird bereits gebaut, doch das Gelände will noch darüber hinaus belebt werden, etwa mit Gastronomie, Handel und Sportstätten.

Die Notwendigkeit: Die Hochschule braucht Raum, um sich entfalten zu können. Genauer gesagt: Sie braucht Räume — für Labore, Büros und neue Mitarbeiter. „Wir können Mittel und Projekte nicht annehmen, weil uns diese Räume in der Vergangenheit fehlten“, berichtete Schuh im Gespräch mit AZ-Chefredakteur Bernd Mathieu. Der Platz sei der Schlüsselengpass der RWTH Aachen.

Hier schafft das Campus-Projekt ganz neue Möglichkeiten. Aus der Raumnot heraus wurde das Investorenmodell entwickelt, bei dem private Investoren bauen und die TH-Institute und Firmen als Mieter einziehen. So entstehen Gebäude, die die öffentliche Hand nicht hätte finanzieren können. Die Investoren müssen von dem Modell überzeugt sein, sie tragen das finanzielle Risiko. Schuh sagt: „Aber wir sind gewiss gute Mieter.“

Die Bedeutung: Schon jetzt arbeiten 14.700 Menschen in der Region in Forschung und Entwicklung. Jeder sechste in Nordrhein-Westfalen aus diesem Metier kommt aus dem Kammerbezirk Aachen. Und der Campus hat gerade erst begonnen. „Er wird viel verändern. Das ist ein Zugpferd für unsere Unternehmen“, sagt Michael F. Bayer, Hauptgeschäftsführer der IHK Aachen. Und schon jetzt profitieren Firmen aus der Region: Denn gebaut wird (meist) von Firmen aus der Region. Die Millionen, die investiert werden, bleiben in hohem Maße hier.

Die Akzeptanz: Lange begegnete Günther Schuh und seinen Mitstreitern Skepsis. Die IHK half, das Campus-Konzept in die Welt zu tragen — zumindest zunächst auf die Münchener Messe Expo Real, wo die Pläne für Aufsehen sorgten. „Seit es die ersten Gebäude gibt, fällt es viel leichter, unser Konzept zu erklären“, erzählt er. Die schmucken Fassaden sorgen für Glaubwürdigkeit. Und für großes Interesse. Das will der Campus-Geschäftsführer noch mehr bei den Unternehmen in der Region wecken. Und so bleibt vom 38. Unternehmerforum von IHK Aachen und Aachener Zeitung eine Einladung: „Ich möchte gegenüber allen Unternehmen in der Region bekräftigen: Machen Sie mit!“