1. Wirtschaft

Sofia: Fachkräftemangel in Bulgarien: Unternehmer kämpfen um Mitarbeiter

Sofia : Fachkräftemangel in Bulgarien: Unternehmer kämpfen um Mitarbeiter

Vor wenigen Jahren wäre der junge IT-Spezialist Pepi aus Sofia wegen der Verdienstchancen lieber nach Westeuropa oder in die USA ausgewandert. Diesen Wunsch hat er längst nicht mehr.

Mit mehreren Tausend Euro Einkommen im Monat gehört der junge Mann inzwischen zur Gruppe der am besten bezahlten Fachkräfte in Bulgarien, die wegen des aktuellen Wirtschaftsbooms im Land von Tag zu Tag knapper werden.

Ein Jahr nach dem EU-Beitritt Bulgariens herrscht in der Privatwirtschaft ein völliger Mangel an Arbeitskräften - sowohl an Fachkräften als auch an geringer Qualifizierten. Dies beklagen heimische aber auch ausländische Unternehmen. Sie müssen eine in dem Balkanland noch nie da gewesene hohe Bezahlung bieten, um Arbeitskräfte anzulocken. Der Preisexplosion von 12,5 Prozent im vergangenen Jahr ist ein noch rasanterer und deutlicherer Anstieg der Einkommen gefolgt.

Auch für die in Bulgarien tätige Gesellschaft Liebherr-Hausgeräte Marica sei es „eine der größten Herausforderungen in den nächsten Monaten und Jahren”, qualifizierte Fachkräfte heranzubilden und an sich zu binden. „Eine der größten Schwierigkeiten ist die Fluktuation”, berichtet Gerhard Gruber, Gesamtkoordinator der zum Familienunternehmen Liebherr gehörenden Gesellschaft, in Sofia.

Zu der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt führten der Wirtschaftsboom mit einem Zuwachs von mehr als sechs Prozent in den vergangenen Jahren, aber auch die massive Auswanderung von Fachkräften nach dem Sturz des kommunistischen Regimes 1989. Die Arbeitslosenquote in Bulgarien erreichte im vergangenen Dezember mit 6,9 Prozent ihren niedrigsten Stand zum Jahresschluss seit 16 Jahren. „2007 wurde deutlich, was uns auch 2008 erwartet”, sagt Swetosar Petrow, Chef des Beratungsunternehmens JobTiger. Der Experte geht davon aus, dass in diesem Jahr die Löhne und Gehälter wieder um durchschnittlich 20 Prozent anziehen werden.

Gut bezahlt in Bulgarien sind nicht mehr vor allem die Mitarbeiter ausländischer Firmen sondern auch die Belegschaften von erfolgreichen heimischen Privatunternehmen. So kann ein Manager nach Angaben von JobTiger im Schnitt 170.000 Lewa (gut 87.000 Euro) im Jahr verdienen. Für hochqualifizierte Ingenieure werden umgerechnet bis zu 6500 Euro im Monat angeboten.

Auch IT-Spezialisten seien außerordentlich gut bezahlt, so dass es Bewerber sogar aus Großbritannien und Italien gebe. Den Trend zur deutlich gestiegenen Bezahlung insbesondere für Manager, Ingenieure, Medien- und PR-Fachleute bestätigt auch eine Studie der internationalen Beratungs- und Dienstleistungsfirma Hewitt Associates.

Damit erfahrene Mitarbeiter nicht wechseln, sind viele Unternehmer in dem osteuropäischen Land sogar schon bereit, ihnen höchstens 20 Prozent weniger Geld anzubieten als westliche Kollegen verdienen. Bulgarien kann auch aus diesem Grund nicht mehr als Niedriglohn-Land bezeichnet werden.

Allein höhere Verdienstchancen zu bieten, reicht vielfach schon nicht mehr aus, um Arbeitskräfte zu halten oder zu bekommen. Unternehmen in Bulgarien müssen um die Mitarbeiter auch mit weiteren Anreizen werben. So bietet etwa das Liebherr-Hausgeräteunternehmen neben kräftigen Lohnerhöhungen auch eine Verbesserung der praktischen Ausbildung in einem eigenen Zentrum sowie zusätzliche Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitsbereich. „Fachkräfte sind ein Schlüsselfaktor”, betont Gruber. Deshalb lohnten sich diese Aufwendungen.

Andere Unternehmen bieten als Bonus beispielsweise auch eine Lebensversicherung oder Firmenaktien für die verdienten Mitarbeiter. Selbst Dienstwagen und -handys werden geboten. Manche Firmen verwöhnen ihr Personal auch mit kostenlosem Frühstück, Mittagessen oder Früchten. Zur Bekämpfung des akuten Arbeitskräftemangels will die Regierung in Sofia nun Nicht-EU-Bürger bulgarischer Abstammung ins Land locken. Deshalb soll demnächst eine „grüne Karte” eingeführt werden.