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München/Aachen: „Expo Real“: Investoren gesucht und gefunden

München/Aachen : „Expo Real“: Investoren gesucht und gefunden

Weder für die Moskauer Hostessen noch für den Sprengstoffspürhund zeigt irgendjemand besonderes Interesse. Fährte nehmen Zehntausende Besucher auf der größten Gewerbeimmobilienmesse Europas „Expo Real“ in München woanders auf. 1764 Aussteller — darunter das Dreiländereck mit Aachen, Heinsberg und Düren sowie belgischen und niederländischen Partnern — lassen die Sektkorken knallen.

Die Frage ist nicht, woher das Geld kommt. Die Herausforderung für die vielen Herren mit prallen Geldbörsen in der Niedrigzinszeit besteht darin, überhaupt noch Immobilienprojekte zu finden, in die man seine Millionen stecken kann.

„aachen 1a“-Stand-Organisator und IHK-Geschäftsführer Fritz Rötting: „Der Immobilien-Boom hält an. Wenn die Märkte in den großen Oberzentren überhitzen, profitieren die sogenannten B-Standorte. Hier ist die Rendite deutlich besser — das Interesse der Investoren steigt. Einer aktuellen Studie zufolge sind seit Anfang 2015 allein in Aachen rund 120 Millionen Euro Umsatz bei Einzelhandels- und Büroflächen erzielt worden. Dieses hohe Niveau gilt es jetzt zu halten!“ Ganz solide.

Adalbert G. Pokorski, Geschäftsführer der Greenwater Capital GmbH mit Hauptsitz in Aachen, ist seit 14 Jahren bei der Messe dabei: „Die Stimmung ist überhitzt, die Leute suchen händeringend nach Immobilien. Diese Gier habe ich zuletzt 2006 erlebt.“

Raum für die digitale Wirtschaft

Optimismus ist zehn Jahre später Trumpf: Oberbürgermeister Marcel Philipp begrüßte die Neugestaltung des Lust-for-Life-Kaufhauses, das 2017 in ein modernes Wohnhaus verwandelt wird. „Das ist ein Gebäude, wie man es heute nicht mehr bauen würde — daher muss man auch konsequent sein!“ Die größte Herausforderung stehe der Stadt Aachen mit der Umgestaltung des Bushofs noch bevor.

Jens Kreiterling, Vorstand der Landmarken AG, stellte den Hotelneubau „Motel One“ am Aachener Kapuzinergraben sowie die Pläne für das benachbarte Dresdner-Bank-Gebäude vor. „Die Fassade, der historische Charakter soll erhalten bleiben.“ Die Landmarken AG will hier der digitalen Wirtschaft neuen Raum bieten — und auch selbst in das Gebäude einziehen. „Wir wollen eine Art Showcase für die moderne Bürolandschaft schaffen.“

Diskussionsstoff könnte dabei jedoch die künftige Gestaltung des Theaterplatzes bieten. Die Landmarken AG wünscht sich eine verkehrsfreie Zone. „Dadurch würde der Platz enorm an Qualität gewinnen“, sagt Kreiterling. Gleicher Meinung ist der Oberbürgermeister. Allerdings hat er noch Zweifel, ob der Reisebusverkehr ohne den Theaterplatz auskommt. „Dafür muss die Kommunalpolitik eine Lösung finden.“ Als Testballon soll im Dezember eine Eislaufbahn auf dem Theaterplatz errichtet werden. „Dann sehen wir, ob das mit den Reisebussen gelingt.“

Klaus Feuerborn, Geschäftsführer des RWTH Aachen Campus, präsentierte die wachsenden Cluster. Allein hier geht es um zwei Milliarden Euro. „Die Lücken schließen sich, und der Campus gewinnt an Sichtbarkeit.“ Selbst das „einstige Sorgenkind“, das Cluster Photonik, sei voll vermietet und fast bezugsfähig.

Eine „große Nummer“ sei auch das Cluster für Biomedizintechnik: Es soll sieben Geschosse und 30 Meter hoch werden. Der Campus zieht internationale Investoren an, seitdem jedermann Anteile über den ersten paneuropäischen Fonds für Logistikimmobilien „Patrizia“ kaufen kann. „Ja, das Geld steht quasi Schlange“, sagt Feuerborn.

Reg van Loo, Bürgermeister der Gemeinde Vaals, stellte das neu gestaltete Zentrum vor. „Das Besondere ist, dass wir bei diesem Projekt keine Einwände hatten.“ Grund sei die gute Kommunikation: Nach der 2008 entwickelten Strategie habe die Gemeinde Anwohner und ansässige Unternehmen regelmäßig über das Vorhaben informiert und so im Prozess „mitgenommen“.

In den kommenden Jahren soll der marode Grenzübergang von Aachen nach Vaals erneuert werden. Auch an anderer Stelle blüht Vaals auf: Zurzeit werden 461 Studentenwohnungen gebaut. Den Investor aus Antwerpen hatte die Gemeinde 2015 bei der „Expo Real“ gefunden.

„Wir wussten zunächst nicht, warum wir gerade in Vaals investieren sollten“, sagt Investor Mathieu Gijbels. „Dann haben wir die Nähe zu Aachen realisiert. Außerdem waren wir sehr beeindruckt von der guten Zusammenarbeit zwischen Aachen und Vaals.“

Klaus Klever, Vorsitzender des Bunds Deutscher Architekten in Aachen, warb für eine neue Taskforce IBA. „Wir brauchen Querdenker und kreative Köpfe, damit wir typische Projekte für die Region entwickeln können!“ Denkbar sei etwa ein Landschaftshotel in der Eifel, für das er spontan Städteregionsrat Helmut Etschenberg begeistern konnte.

Ein Signal für Jülich

Andreas Weidlich, Prokurist der Firma Carl Eichhorn in Jülich-Kirchberg, gab einen Einblick in die geplante Produktionserweiterung des in fünfter Generation geführten Familienunternehmens. „Wir investieren 50 Millionen Euro in den Standort und wollen so 60 weitere Arbeitsplätze schaffen.“ Das freut auch den Jülicher Bürgermeister Axel Fuchs. „Dass ein Familienunternehmen solch eine Summe investiert, ist etwas Besonderes. Es ist vor allem ein wichtiges Signal für unseren Standort.“

Das Thema Logistik beschäftigt Städteregionsrat Helmut Etschenberg, der sich für ein Logistik-Drehkreuz in Eschweiler/Weisweiler aussprach. „Die notwendige Voraussetzung aber ist das Dritte Gleis.“ Ein Gespräch mit NRW-Bauminister Michael Groschek am Stand „aachen 1a“ habe gezeigt, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen sei. „Wichtig ist natürlich, dass die Güterverkehre nur dann durch Aachen fließen, wenn die Region auch von der Wertschöpfung profitiert.“

In den ersten neun Monaten 2016 wurden Gewerbeimmobilien für 32,4 Milliarden Euro in Europa gehandelt. Das sind 15 Prozent weniger als im Vorjahr. Warum? Weil der Markt fast leer gefegt ist. Auch darum stürzen sich noch mehr Investoren auf das große Geschäft mit Wohnimmobilien.

NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin hat auch deswegen beim „aachen 1a“-Besuch auf der Messe beste Laune. Immerhin 7,2 Milliarden Euro flossen 2016 bereits in Wohnpakete ab 50 Einheiten. Ein Stück des Kuchens findet am Stand „aachen 1a“ Abnehmer. Wen interessiert da ein Bombenalarm oder eine hübsche Hostess?