Aachen: Europa und Digitalisierung: „Das Problem ist, dass Deutschland immer nur lacht“

Aachen : Europa und Digitalisierung: „Das Problem ist, dass Deutschland immer nur lacht“

Es sind für einen Altarraum in einer ehemaligen Kirche eher unversöhnliche Worte gewesen: „Sie töten Tausende Menschen, weil Sie nicht mitmachen!“ In der Digital Church des Aachener „digitalHUB“ sind am Montagabend harte Worte gesprochen worden — unter anderem von dem Autoren und bekannten digitalen Vordenker Gunter Dueck, den man — bemessen an Lachern und Applauslautstärke - wohl als heimlichen Stargast des Abends bezeichnen darf.

Gemeinsam mit dem Karlspreisdirektorium hatte der „digitalHUB“ Aachen als Teil des Karlspreisrahmenprogramms unter der Fragestellung „Europa und Digitalisierung — Chance oder Wagnis?“ in die ehemalige Elisabethkirche an der Jülicher Straße eingeladen. Gefolgt waren dieser Einladung viele — nach rund 300 Zusagen habe man einen Anmeldestopp vollziehen müssen, freute sich Moderator und Vorstandsvorsitzender des „digitalHUB“, Oliver Grün. Und tatsächlich: Die Stuhlreihen waren prall gefüllt, für einige Besucher mussten gar die Stehtische reichen.

„Das Problem ist, dass Deutschland immer nur lacht“

Der Begeisterung für Gunter Dueck tat das jedoch keinen Abbruch: In einem gewohnt flammenden Plädoyer für die Digitalisierung erklärte er den — aus seiner Sicht — vorherrschenden Grund für die lahmende Entwicklung in Deutschland: „Das Problem ist, dass Deutschland immer nur lacht.“ Digitale Neuerungen — man nehme Amazon oder Google als Beispiel — würden von Deutschen zunächst müde belächelt. Würde es dann ernst und Innovationen entpuppten sich als solide Geschäftsmodelle, reagiere „der Deutsche“ mit Angst vor der Neuerung. Ganz nach Arthur Schopenhauer: „Alle Wahrheit durchläuft drei Stufen. Zuerst wird sie lächerlich gemacht oder verzerrt. Dann wird sie bekämpft. Und schließlich wird sie als selbstverständlich angenommen.“

„Deutschland hat in der Digitalisierung zehn Jahre mit Lachen und zehn Jahre mit Angst verloren“, sagte Dueck. Diese Verlegenheit der Deutschen führe zum Stillstand — etwa in Sachen autonomes Fahren. „Wir alle töten Menschen, weil wir verhindern, dass wir mit autonomen Fahren die Zahl der Verkehrstoten drastisch reduzieren“, schlussfolgerte Dueck. „Wir könnten das ändern. Warum tun wir es nicht einfach?“

Erst die Grundlagen schaffen

Auch NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart war zur digitalen Gemeinde in die Digital Church gepilgert und stellte in seinem Impulsvortrag die Frage, wie NRW es schaffen könne, digitaler Vorreiter zu werden. Auf dem Weg dorthin gelte es zunächst, „Brot und Butter“-Themen abzuarbeiten — egal ob etwa Breitbandausbau oder Mobilfunknetze, man habe in Nordrhein-Westfalen noch „dicke Bretter zu bohren“.

Beispiel: E-Government, die Digitalisierung der Verwaltung. „Die Arbeitsabläufe im Ministerium sind noch immer die gleichen wie in meiner ersten Amtszeit 2005“, sagte Pinkwart. Er sei praktisch nach einem Tag wieder eingearbeitet gewesen, nichts habe sich verändert. „Das zeigt exemplarisch, wo wir stehen“, sagte Pinkwart. Erst, wenn solche Grundlagen geschaffen seien, könne die Digitalisierung für NRW „eine Chance sein, um an die Spitze der Bundesländer zu kommen“.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion mit den beiden Impulsrednern, Andera Gadeib, Vorständin des Bundesverband IT-Mittelstand, Michael F. Bayer, Hauptgeschäftsführer der IHK Aachen und Prof. Dr. Malte Brettel, Prorektor der RWTH Aachen, ließ Moderator Oliver Grün abschließend einige Thesen Emmanuel Macrons diskutieren: Wie kann Europa zur Zugspitze der digitalen Innovation werden? Wie können wir die nötigen Talente dafür gewinnen? Am Ende sind sich alle Beteiligten einig: Die Lösung dafür kann nur europäisch sein.

(nile)